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Laufen und Laufanalyse, Medizinische Betreuung von Läufern - Dr. med. Matthias Marquardt

[eingestellt am 13. August 2012]

By: hahnertwins

Dr. med. Matthias Marquardt, der vielen als Autor der Laufbibel bekannt sein dürfte, hat sich Unterstützung bei zahlreichen ausgewiesenen Experten im Bereich Biomechanik, Sportwissenschaft, Physiotherapie, Orthopädie und diversen anderen Gebieten geholt, um mit diesem Buch einen praktischen Leitfaden bei der Bewegungsanalyse im klinischen Alltag bieten zu können. Der Autor möchte „Verständnis für biomechanische Vorgänge der Laufbewegung schaffen und dadurch neue Therapiekonzepte ermöglichen“, sowie eine Analyse des Bewegungsapparates bieten, die einem klaren Standard folgt, der allgemeinverständlich als Befundbericht für die weitere Versorgung dienen kann. Das hört sich alles hoch wissenschaftlich und fachlich an. Werde ich als Laie überhaupt etwas in diesem Buch verstehen? Ich bin gespannt und schlage neugierig das Buch auf.

Bereits auf den ersten Seiten wird mir klar, dass ich dieses Buch nicht zur Entspannung abends im Bett lesen werde, dafür ist es erstens zu anspruchsvoll und bestimmt auch nicht ausgelegt. Um eine Bewegungsanalyse bei Läufern machen zu können, werden zunächst die Grundlagen der Biomechanik und der funktionellen Anatomie erklärt. „Die Kenntnis der Grundbegriffe der Biomechanik ist daher die Voraussetzung für das Verständnis der nachfolgenden Kapitel“, klingt für mich erst einmal wie eine Drohung. Ich bin zwar interessiert und kenne meinen Körper, aber ich bin keine Medizinstudentin. Mal sehen, ob ich trotzdem etwas verstehe. Die Vorstellung der funktionellen Anatomie der unteren Extremität  erfolgt ausführlich und mit Bildern, und manche Muskelnamen kenne ich sogar bereits von meinen Physiobesuchen. Von ihm hört man auch immer, wie wichtig Rumpfstabilität sei. Neben laufen gehöre auch Athletiktraining zum gut ausgebildeten Läufer hinzu. Der Artikel über Becken und Wirbelsäule liefert die Erklärung: „Der gesamte Beckenring dient als großflächiger Ansatzbereich einerseits für die Oberschenkelmuskulatur, die zur Stabilisierung der Beinachse beiträgt, andererseits für die Bauch- und Rückenmuskulatur […] Bezüglich der Rumpfmuskulatur spielen die aufrichtende Muskulatur der Wirbelsäule sowie die Bauchmuskulatur eine entscheidende Rolle.“ Bei der Lektüre des Buches wird deutlich, wie komplex das Zusammenwirken der einzelnen Körperteile ist. Wussten Sie, dass sich eine Funktionsstörung der Kiefergelenke erheblich auf die Muskelspannungen im gesamten Körper auswirken und so zu Fehlstatiken führen kann?

Außerdem grenzt Marquardt den Begriff Laufen vom Gehen ab. Laufen ist nämlich nicht einfach schnelles Gehen. Beim Gehen ist die Schwungphase der Beine kürzer als die Stützphase. Beim Laufen hingegen wird die Stützphase kürzer als die Schwungphase, woraus eine Flugphase entsteht. Den Unterschied konnte man bei den Gehwettbewerben bei den Olympischen Spielen beobachten. Ein Geher muss stets mit einem Fuß Bodenkontakt haben, ansonsten wird er verwarnt und bei dreimaligen Vergehen sogar disqualifiziert. Auch beim Olympischen Männermarathon muss ich sogleich wieder an einen Abschnitt des Buches „Laufen und Laufanalyse“ denken. Im vierten Kapitel wird die Laufbewegung detailliert betrachtet. So sollte sich z.B. der Kopf  „im Schwerelot über der Wirbelsäule befinden“. Der Silbermedaillengewinner Abel Kirui aus Kenia ließ am Ende seinen Kopf seitlich hängen und auch bei der Armarbeit konnte man interessante Beobachtungen machen. Kirui ließ seinen rechten Arm teilweise fast gestreckt baumeln, dabei soll laut Lehrbuch das Ellenbogengelenk um weniger als 90°C gebeugt sein. Dies zeigt, wie schwer es ist, im ermüdeten Zustand den optimalen Laufstil zu bewahren.

Das Buch verdeutlicht, dass Laufen nicht einfach Laufen ist.  Als Sportler und Laie bekommt man einen sehr interessanten Einblick in die Welt des menschlichen Körpers, der Bewegungsanalyse mit und ohne technischer Unterstützung, typischen Laufmustern und Pathologien, Laufschuhberatung und Einlagenversorgung, Kraft-, Rumpfstabilisations- und Koordinationstraining, Lauf-ABC, der Ausstattung eines Lauflabors bis hin zum Marketing für die Laufanalyse.


Das Buch richtet sich vorrangig an Experten, ob Orthopäde, Physiotherapeut oder Sportarzt. Nichtsdestotrotz ist es auch für den interessierten Laien, der mehr über die Laufanalyse erfahren möchte, eine Bereicherung, denn es gibt unendlich viel zu entdecken. Klar ist, dass es sich bei diesem Buch um kein Exemplar handelt, dass man nach einmaligem Lesen zur Seite legt. Es ist ein Ratgeber, Helfer und Nachschlagewerk. Mein Fazit mit den Worten der Klitschkos: Das Buch „Laufen und Laufanalyse“ liefert zwar „schwere Kost“, die jedoch gut erklärt, interessant und strukturiert aufgearbeitet wurde.

„Laufen und Laufanalyse- Medizinische Betreuung von Läufern“, herausgegeben von Matthias Marquardt (u. A.). Verlag: Thieme, 276 Seiten.
ISBN 3131536411, € 59,99


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