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Brosius, Hagen

[eingestellt am 15. Oktober 2012]

By: hahnertwins

Die Zukunft des deutschen Männer-Marathons?

Auf die Frage, wann er seinen ersten Marathon laufen möchte, antwortet Hagen "so schnell wie möglich". Es gibt also doch noch deutsche junge Läufer, deren Herz für die 42,195km schlägt. Der Berliner Robert Krebs war bislang der einzige junge Läufer, der auf der Marathondistanz auf sich aufmerksam gemacht hatte. Mit Hagen Brosius könnte dort bald ein zweiter Berliner zu finden sein. Hagen Brosius, geboren am 23.08.1988 startet seit 2010 für den SCC Berlin. André Pollmächer ist sein Trainer und Mentor. Dieses Jahr bei den Deutschen Meisterschaften über 10.000m gewann er die Silbermedaille und verpasste die EM-Norm für Helsinki nur knapp. Beim Europacup in Bilbao Anfang Juni bekam er aber die Möglichkeit, erste internationale Luft bei den Erwachsenen zu schnuppern. Wir haben mit Hagen über seine sportliche Zukunft, seinen Trainer André, über Ernährung und Fußball geredet.

 

Wie war es, mit deinem Trainer und Trainingspartner André Pollmächer zusammen bei den DM in Wattenscheid über 5000m an der Startlinie zu stehen?

Es war ein tolles Gefühl, ich hätte an diesem Tag gern mehr zeigen wollen und mich mit ihm gemessen. Vielleicht ein Sprintduell auf den letzten 100 Metern. Ich wollte ihn als meinen Trainer stolz machen und ihm Paroli bieten. Während des ersten Trainingslagers in der Saison in Portugal haben wir 6 TW3-Läufe gemacht. Dabei ging es für mich jeden zweiten Tag sehr nah an die Grenze. Auch wenn es nur Training war, habe ich gemerkt, dass ich im Duell gegen André mehr Kräfte freisetzen kann als gegen andere "Gegner". Wir haben vor dem Lauf viel über das Rennen geredet. Ich wollte hinter ihm laufen, um vom "Meister" lernen zu können. Er wollte sich wiederum hinter mich hängen, weil er von meiner Form wusste. Letztendlich bin ich kein Rennen gegen 21 Athleten gelaufen, sondern habe mich zu sehr von André leiten lassen, die ganze Zeit ihn im Auge zu behalten. Taktisch sei ich unklug, schon fast dumm gelaufen...... Das war sein Kommentar zu meinem Rennen. Aber aus Fehlern lernt man bekanntlich.

Du trainierst mit André zusammen und fährst auch mit ihm ins Trainingslager. Seid ihr bewusst nur zu zweit?

Wir trainieren nicht bewusst zu zweit. Während der Zeit in Portugal haben wir zufällig auch andere Athleten getroffen und Trainingseinheiten zusammen absolviert. Zum Beispiel mit Stefan Hendtke (SC Potsdam), der Zweiter über 5000m in der U23 geworden ist. Wir wissen.... Konkurrenz belebt das Geschäft! André teilt Läufer verschiedenen Trainingsphilosophien zu. So findet er heraus, welches Training zu welcher Person passt. Unser kleines Team hat nur funktioniert, weil wir beide von den langen DL 2 Läufen leben..... Quasi die Ausdauertypen, die weniger Bahneinheiten benötigen. Ein Team mit mehreren Athleten, die ein Ziel verfolgen und klar im Kopf sind, ist schon besser, als nur zu zweit zu sein. Das heißt auch zu differenzieren; Konkurrenz kann pushen, aber es kann auch schnell im kopflosen Training enden, bei dem sich alle in den Keller trainieren. Siehe Kenia, wo aus einer 30-Mann-Truppe nur 4 durchkommen und der Rest vor die Hunde geht!

Gab es schon Anfragen von anderen Läufern, ein Teil eurer Trainingsgruppe zu werden?

Richtige Anfragen eher nicht. Ich weiß, dass Marcel Fehr in einem der kommenden Trainingslager ein Teil der Trainingsgruppe sein könnte. Wir haben unser Konzept, das eigentlich super läuft. Wenn die Variable Verletzung nicht zu sehr in dieses Jahr gerückt wäre, dann hätten wir beide eine super Saison hinzaubern können. Ich bin mir sicher, dass André ohne das Verletzungspech eine sehr gute Saison abgespult hätte. Was der manchmal im Training abliefert, da reicht nicht nur ein Hut!

Würdet ihr auch Frauen in eure Trainingsgruppe aufnehmen?

Das wäre bestimmt lustig. Mir hat erst vor kurzem ein ehemaliger erfolgreicher Berliner Läufer gesagt, dass die Frauen beim Training die einzige Motivation wären.  Läuferinnen sind einfach die Hübschesten. Aber deswegen laufe ich nicht. Also nicht ausschließlich. (dieser Absatz war mit einigen Smilies versehen)

Du warst schon in Kenia, Mexiko und Portugal im Trainingslager. Wo ist deine Lieblingslaufrunde?

Wenn es nur um die Laufrunde geht, denke ich an die Runde auf 2800m in Mexico. Auf dem Weg von Mexico City nach Toluca muss man einen Pass überqueren. Dort befindet sich eine 3,7/2,8km lange Runde. Diese ist vollständig im Schatten unter riesigen Bäumen, leicht profiliert und im Startbereich verkaufen Einheimische Laufschuhe, Smoothies und vieles, was man direkt nach dem Laufen braucht. Die Wege sind sehr schmal und man fühlt sich selbst bei geringem Tempo schnell.

Wie stark achtest du auf deine Ernährung? Gibt es irgendwelche Spezialriegel/-drinks, die du  vor wichtigen Trainingseinheiten oder Wettkämpfen einnimmst?

Hier muss ich ehrlich sein! Ich glaube, dass die Ernährung ein extrem wichtiger Faktor ist. Hier habe ich definitiv noch große Reserven. Zum Teil achte ich sehr stark auf die Ernährung, das gelingt mir aber nur für einen sehr kurzen Zeitraum. Langstreckenläufer werden nicht umsonst als Naschkatzen bezeichnet. Wenn man mir zu einem Anlass was Süßes schenkt, ist man immer auf der sicheren Seite! Meine Oma weiß am besten, wie sie mich ködern kann. Mit einem kalten Hund!

Arne Gabius ist seit Jahren überzeugter Vegetarier. Wenn eine Studie belegen würde, dass man mit Verzicht auf Fleisch sein Leistungsvermögen um 1% verbessern könnte, würdest du dann auf Fleisch verzichten?

Ich esse unbewusst sehr wenig Fleisch. Nicht aus Überzeugung, es passiert einfach so. Spätestens seit dem Training mit André weiß ich, "wer Kraft hat, kann laufen"! Fleisch und das Eiweiß bringen Kraft. Ich habe mir vorgenommen, einmal die Woche ein leckeres Steak zu essen. Wenn es mit aussagekräftigen Studien belegt werden würde, dann nehme ich das eine Prozent Leistung gerne mit!

Du wohnst in Potsdam, eine Hochburg des Gehens. Was können sich Läufer von den Gehern abschauen?

Das Gehen zeigt, dass es Sportarten gibt, die noch mehr Zeit beanspruchen als der Langstreckenlauf. Also sollte man nicht rumheulen, wenn man 2h läuft.

Kam diese Disziplin für dich auch mal in Frage?

Mein erster Trainer war mehr oder weniger ein Gehtrainer und die Trainingsgruppe bestand nur aus Gehern und aus mir. Ich sollte das Geh-ABC machen. Das habe ich auch. Ich kam mir so komisch vor und als ich danach 100m gegangen bin und von allen anderen, die ich sonst überhole, überholt wurde, wollte ich es nicht! Bei mir in Potsdam befindet sich ein Gehstützpunkt, ich verstehe mich mit den Gehern auch gut, aber ich würde es nie machen.

Deine Schwester Laura spielt beim Fußball Bundesligisten FF USV Jena. Wie sieht es mit deinem fußballerischen Talent aus?

In meiner Jugend habe ich auch Fußball gespielt. Sogar im gleichen Verein mit Laura. Es war eine tolle Zeit und gerade das Mannschaftsgefühl im Fußball hat mir viel gegeben. Das fehlt mir im Laufen ein wenig. Während meiner Highschool-Zeit in Amerika, in der ich auch zum leistungsorientierten Laufen gekommen bin, waren wir ein riesiges Team. Das hat so viel Spaß gemacht, das fehlt in Deutschland, der Teamgedanke wird durch die Wettkampfstruktur nicht gewollt- schade. Ich spiele jetzt auch noch gerne Fußball, mache es aber sehr selten wegen der Verletzungsgefahr.

Im Fußball gibt es viel Geld zu verdienen. Warum bist du trotzdem Läufer geworden?

Ich war im Fußball zu klein und leicht, deshalb habe ich damit auch aufgehört. Meine Eltern sind beide gelaufen und so bin ich dort auch hingekommen. Meine erste Trainingsgruppe war die Frauenlaufgruppe meiner Mom. Als ich zu Beginn eher aus Spaß am Laufen begonnen habe, war der Geldgedanke noch nicht geboren. Das merkt man erst jetzt....... im Lauf gibt es nicht viel zu holen.

Hast du das Gefühl, auf irgendetwas wegen des Laufens verzichten zu müssen?

Ich war noch nie der große Partygänger.... Das fällt mir nicht schwer. Es ist eher die Ernährung, die mir sehr schwer fällt.

Du hast die Qualifikation für die Europameisterschaften in Helsinki trotz einer sehr starken Saison knapp verpasst. Wie bewertest du rückwirkend deine Saison?

Die Saison war echt super. Ich habe erst Mitte Januar mit der Vorbereitung beginnen können, da ich davor noch verletzt war. Das Training im Team mit André fand in einer neuen Dimension statt. Solche Trainingsgruppen müssen unterstützt werden. Nur so kommen wir Deutschen wieder in die Erfolgsspur. Nach dem Vizemeistertitel in Marburg habe ich mich auf der einen Seite gefreut, auf der anderen war ich auch traurig, da ich zu dem Zeitpunkt auch schneller hätte laufen können. Nachdem ich beim Europacup auch nicht die Norm gelaufen bin, war die Luft irgendwie raus. Das hat sich dann auch sehr stark in meiner Leistung widergespiegelt. Es war taktisch gesehen ein dummes Rennen von mir. Ich habe nicht auf die Anweisung vom Coach gehört. Erst jetzt, im Verlauf der Saison merke ich, was die Zeit bedeutet und was ich geleistet habe. Ich bin auch so glücklich, das es 28:59;67 heißt und nicht 29:00;11 oder so. Ich habe das schon so oft gehabt, dass ich auf der "unglücklicheren Seite" stand. Wenigstens hat das geklappt ;)

Auf der Homepage von André und dir ist noch die Rede vom Projekt London 2012. Das ist nun vorbei. Was ist dein nächstes großes Ziel?

Die Homepage braucht einen neuen Namen, da sind wir uns beide einig. Wir haben schon einige gute Gedanken, was es dann wird, mal schauen. Es wird auf jeden Fall beim Thema Marathon bleiben. Ich will jetzt auch die volle Strecke laufen! Ich glaube die Straße ist mein zu Hause, auch wenn ich das beim letzten Wettkampf (Anmerk. d. Red. DM 10km Straße Nagold) nicht zeigen konnte.

Im deutschen Marathon Männer herrscht derzeit eine Krise. Wen siehst du in Zukunft auf der Langstrecke?

Ich glaube im Männerbereich haben wir den Tiefpunkt noch nicht erreicht. Wenn Martin, Falk, Sören, André, Jan nächstes Jahr alle über 30 sind, dann haben wir mit Robert Krebs nur einen, der unter 30 ist und zur Spitze gehört. Das Fördersystem muss überdacht werden. Die Marathonförderung muss bei der derzeitigen Konstellation im DLV anders realisiert werden. Es war z.B. die Rede von 1€ der Startgebühr, die jeder Marathonstarter mit seinem Start bei einem deutschen Marathon zur Förderung beiträgt.

Wann möchtest du deinen ersten Marathon laufen?

So schnell wie möglich. Ich habe schon oft beim Berlin Marathon zugeschaut, selber Tempo gemacht. Die Strecke finde ich fantastisch. Dort würde ich 2013 gern laufen.

Du wurdest in diesem Jahr nicht in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen nd denkst deshalb über ein Studium in den USA nach. Was müsste sich ändern bezüglich Förderung, dass du dennoch in Deutschland bleibst?

Die Förderung muss nachhaltig sein. Im meinem Falle erst mal stattfinden. Nicht nur auf ein Jahr begrenzt, jeder kann sich mal verletzen, eine schlechte Saison haben. Dann fliegt man raus und steht ohne alles da. 

Bestzeiten:

3000m: 8:20,01min (2009)

5000m: 14:24,07min (2012)

10.000m: 28:59,67min (2012)

10km Straße: 30:15min (2009)

Halbmarathon: 1:05,26h (2011)

 


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