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Schrulle, Mareike

[eingestellt am 07. Dezember 2012]

By: hahnertwins

Leben, studieren und laufen in den USA

Die Locken und ihre freundliche Ausstrahlung sind ihre Markenzeichen. Man hat das Gefühl, dass sich bei ihr die Haare aufgrund ihrer Energie locken, die sie in alles steckt, was sie anpackt.  Seit August 2011 hört man in der deutschen Laufszene etwas weniger von der gebürtigen Neheimerin aus dem Hochsauerland. Doch das liegt nicht daran, dass sie weniger Energie ins Laufen steckt, sondern dass das Laufen nun primär bei ihr far away überm Ozean stattfindet, nämlich im Leichtathletik Team der University of Iowa in den USA.

„Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich die gute deutsche Sprache verlernt habe“, gesteht sie grinsend beim Beantworten der Fragen. Hat sie nicht, und vor allem hat sie nicht das Laufen verlernt. Das hat sie Ende November eindrucksvoll bei den Crosscountry Championships in Louisville bewiesen, wo die besten Cross-Läuferinnen und Läufer aus allen Universitäten an den Start gegangen sind. Qualifiziert hatte sie sich hierfür durch ihren dritten Platz bei den Midwest Regionals, dem Ausscheidungsrennen für den Mittleren Westen der USA. Nur sechs Läuferinnen waren schneller als die Deutsche, die die erste Läuferin seit 2008 aus Iowa war, die für ihre Uni an den Championships teilnahm. 

Mareike, was hat dich dazu bewegt, in die USA zu gehen?
In die Staaten wollte ich eigentlich schon seit der 11.Klasse, hab mich aber irgendwie nie so richtig getraut. Nach meinem B.A. Abschluss in Köln, habe ich dann gedacht: „Mensch Mareike, jetzt hast du die ganze Zeit davon gesprochen, dass du noch in die USA willst und hast es immer noch nicht gemacht. Jetzt ist die letzte Chance.“ Ich musste es quasi machen.

In Köln hast du u.a. mit Ulla Gatzweiler und Jana Soethour trainiert. Wie groß ist deine Trainingsgruppe dort?
Das Crossteam hat zurzeit 23 Mädels an Bord.

Bekommst du einen individuellen Trainingsplan?
Wir haben zwei unterschiedliche Trainingspläne, die aber flexibel auf jeden Athleten angepasst werden können. Bei mir ist z.B. des Öfteren auch mal eine Alternativeinheit drauf. Einige der Mädels machen einen Tag die Woche ein Alternativtraining, andere, zu denen ich gehöre, mehrmals die Woche.

In den USA bekommt der College-Sport eine immense Aufmerksamkeit. Das Basketballfinale schauen mehr Zuschauer als das Finale der NBA. Was macht deiner Ansicht nach den College-Sport so interessant?
Die Leute hier in den Staaten sind im Allgemeinen einfach verrückt nach Sport. Football ist hier die Nummer eins im College Sport. Das ist von den Einnahmen und der Aufmerksamkeit ungefähr vergleichbar mit der ersten Fußballbundesliga in Deutschland. In Iowa haben wir ein Stadion, in das 70.000 Menschen reinpassen und das ist bei jedem Heimspiel ausverkauft. Und Iowa City hat nur knapp 68.000 Einwohner.

Was war das schönste Lauferlebnis, das du bis jetzt in den USA hattest?
Ich kann gar nicht genau sagen, ob ich DAS schönste Lauferlebnis hatte. Die Leichtathletik bekommt im Allgemeinen einfach deutlich größere Aufmerksamkeit als in Deutschland. Die Stimmung bei den meisten Wettkämpfen ist der Knaller. Deutlich mehr Zuschauer, die einen quasi ins Ziel schreien. Aber ich glaube, mein schönstes Lauferlebnis, das ich hier in den USA bisher erleben durfte, waren die Cross Country Nationals am letzten Wochenende. Einfach nur einzigartig, wie viele Leute hier zum Zuschauen kommen. Alles war einfach viel professioneller als bei deutschen Wettkämpfen- mit TV Übertragung, und und und.

Was ist der größte Unterschied von Sport und Studium in Deutschland und in den USA?
Wenn einmal eine Klausur ansteht, und ich an dem Tag aber für einen Wettkampf unterwegs bin, kann ich sie ohne Probleme an einem anderen Tag nachholen. Das gilt auch für verpasste Seminare. Die meisten Lehrer unterstützen die Athleten sogar noch und wünschen viel Glück.

Wie hat der deutsche Leichtathletikverband deine Entscheidung aufgenommen, in die USA zu gehen?
Henning (Anmerk. d. Red. Henning von Papen) als mein Heimtrainer beim ASV Köln hat mich in meiner Entscheidung unterstützt. Aufgrund von immer wieder auftretenden Verletzungen war zu dem Zeitpunkt der Kontakt zum DLV auch etwas zurückgegangen.

Stehst du noch mit den Bundestrainern in Kontakt?
Nein.

Gibt es ein Ritual, das ihr vor allen Wettkämpfen macht?
Wir stellen uns in einen Kreis und unser Coach gibt uns noch mal die letzten Tipps für das Rennen und spricht ein paar motivierende Worte. Meist wird auch noch kurz gebetet.

Wie lange planst du noch in den USA zu bleiben?
Ich werde im Mai 2013 meinen Master abschließen. Leider ist meine „Eligibillity“ für die NCAA dann auch vorüber und ich kann nicht mehr für die Uni laufen.

Könntest du dir vorstellen, für eine längere Zeit in die USA zu ziehen?
Grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, für ein Praktikum oder einen Job noch etwas länger in den Staaten zu bleiben. Aber Familie und Freunde werden mich dann schlussendlich definitiv zurück nach Deutschland bringen.

Was vermisst du aus Deutschland am meisten in den USA?
Die gute deutscher Backkunst. Gutes Brot ist hier Mangelware. Hier ist meist alles „toastartig“.

Sind Deutschlands Spitzenläufer Sabrina Mockenhaupt oder Arne Gabius ein Begriff für die Amerikaner?
Für meinen Coach schon. Aber der hat in seiner Jugend auch einige Jahre in Deutschland verbracht und ist dort für Eintracht Frankfurt gelaufen.

Inwiefern hat dich der USA Aufenthalt verändert?
Ich bin noch offener gegenüber neuen Kulturen und Menschen geworden und habe gelernt, mich an unterschiedlichste Gegebenheiten anzupassen.

Was wirst du am meisten nach deiner Rückkehr nach Deutschland vermissen?
Freundschaften, die ich über die zwei Jahre in Iowa City geknüpft habe und das tolle sportliche Umfeld. Und Bagels :-)

Nach welchen Kriterien hast du dir dein College ausgesucht?
Hauptsächlich nach Sympathiekriterien. Coach Anderson (Coach Iowa) hat sich regelmäßig gemeldet und ihm ging es nicht nur ums Laufen.

Wie viel Zeit steckst du in den Sport und wie viel ins Studium?
Es geht schon sehr viel Zeit für den Sport drauf. Würde aber trotzdem sagen, dass es 50/50 ist. Die Vereinbarkeit von Sport und Uni ist einfach deutlich angenehmer.

Du läufst 3000m, 5000m und hattest sogar 2009 schon einen internationalen Einsatz über 3000m Hindernis. Welche Strecke läufst du am liebsten?
Den Cross.

 Ich weiß, das war keine Option, aber der Cross ist immer noch mein Favorit. Ansonsten auf der Bahn würde ich sagen die 3000m und die 3000m Hindernis. Wenn ich Glück habe und meinen Trainer überzeugen kann, probiere ich mich im nächsten Jahr nochmal an den Hindernissen.

Gab es Momente, in denen du bereut hast, in die USA zu gehen?
Ich habe meine Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut. Für mich war es nach langer Verletzungszeit und Überlegungen mit dem Laufen aufzuhören definitiv die allerbeste Entscheidung.

Der U20 und U23 Bundestrainer Dietmar Chounard hat in einem Interview auf leichtathletik.de kritisiert, dass in den USA Langstreckler über Mittelstrecken Punkte fürs College sammeln müssen. Wie ist es bei dir?
Ich glaube, man kann das nicht einfach so pauschal sagen. Natürlich gab es Fälle, in denen Athleten in die Staaten gegangen sind und total verheizt wurden. Niemand möchte Athleten, die nach einem Jahr schon verletzt sind. Die Trainer hoffen darauf, die Athleten am besten für die vollen fünf Jahre im Team zu haben. Das Wichtigste ist definitiv eine ausgiebige Nachforschung, was die Uni und die Trainerphilosophien betrifft. Mein Trainer in Iowa ist in der Hinsicht sehr kooperativ.

Außerdem sagt er, dass in den USA eher der Fokus auf Teamsportler als auf Individualsportler liege. Wie sind deine Erfahrungen?
Das kann ich für mich nicht bestätigen. Individuelle Ziele sind genauso wichtig wie das Team/Teamscores.

Wie sieht deine sportliche Zukunft aus?
Das steht noch in den Sternen. Kommt alles darauf an, ob ich weiterhin gesund durchkomme oder wieder mit Verletzungen zu kämpfen habe.

 


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