Kanzlei.org - laufend gut beraten

Die Zwillingswelt des Laufens

[eingestellt am 25. Januar 2013]

By: hahnertwins

Anna Hahner, Sabrina Mockenhaupt, Lisa Hahner und Markus Mockenhaupt

„Wie ist es eigentlich so als Zwilling?“- mmh, gute Frage. Wie ist es denn? Viele Leute haben sich schon immer eine Zwillingsschwester oder einen Zwillingsbruder gewünscht, andere sind froh, dass es sie nur einmal gibt. Wirft man einen Blick in die Leichtathletik, stößt man auf überdurchschnittlich viele Zwillinge. Bei manchen sind beide aktiv, bei anderen läuft nur einer von zweien.

Man muss nicht lange suchen und schon liest und hört man von den ersten Zwillingspaaren. Viele erinnern sich gewiss noch an die Sprint-Zwillinge Birgit und Gabi Rockmeier. Zusammen mit Melanie Paschke und Marion Wagner gewannen sie bei den Weltmeisterschaften 2001 im 4x100m Lauf die Goldmedaille. Bei den Männern läuft kein Zwillingspaar die Stadionrunde so schnell wie die beiden Belgier Jonathan und Kévin Borlée. Die Zwillingsbrüder aus Belgien holten sich 2012 bei den Europameisterschaften mit ihren Staffelkollegen über 4x400m den Titel.

Zwillinge findet man im Sprintbereich, im Langsprint, auf der Mittelstrecke und der Langstrecke. Nicht immer sind beide Zwillinge am Laufen. Das erklärt, warum man von vielen Zwillingen in der Leichtathletik gar nichts weiß. Der schnellste Deutsche unter ihnen ist wohl Arne Gabius. Ja genau, Arne Gabius, der lange Zeit bei Dieter Baumann trainiert hat, sich nun selbst die Pläne schreibt und 2012 Silber bei den Europameisterschaften in Helsinki gewonnen hat. Dieser Arne Gabius hat eine Zwillingsschwester. Nicht gewusst? Das war nur der Anfang. Kennen sie Carina Harrer? Nein, nicht „Coco“ Corinna Harrer, die 2012 bei den Europameisterschaften in Helsinki und bei den Olympischen Spielen in London über 1500m die deutschen Farben vertreten hat, sondern ihre Zwillingsschwester Carina. Sie wurde ebenso am 19.Januar 1991 geboren und sieht Corinna sehr ähnlich. Über 1500m gibt es mit den Sujew-Zwillingen Diana und Elina gleich das nächste Zwillingspaar und Denise Krebs, die drittschnellste Deutsche über 1500m in 2012 hat sogar noch mehr zu bieten, eine Drillingsschwester Monique und einen Drillingsbruder Timo. Über 3000m Hindernis hält Jana Sussmann die Zwillingsfahne hoch, gemeinsam mit der besten Deutschen Antje Möldner-Schmitt, die einen Zwillingsbruder hat. Bei den Männern ist Martin Grau Zwilling und Hindernisläufer, sein Bruder Bastian läuft eher die 1500m. Ähnlich sieht es bei den Motschmann-Zwillingen aus Magdeburg aus, wo Lukas die 1500m läuft und Johannes vermehrt auf die Hindernisse setzt.

Auf der Langstrecke sind wir Hahnertwins zu Hause. Wir laufen beide mit Leidenschaft und schnüren fast immer gemeinsam die Laufschuhe. Sabrina Mockenhaupt hat keine Zwillingsschwester, obwohl ihre 25 deutschen Meistertitel, die sie bei Bahn- und Crossmeisterschaften erzielte, locker für zwei Personen reichen würden. Mocki hat einen Zwillingsbruder, Markus, der auch läuft, aber nicht so professionell  wie seine Schwester. Nina Stöcker (5000m) hat eine Zwillingsschwester, Stephanie Marie Platt (1500m) einen Zwillingsbruder und bei den Spinrath-Brüdern laufen gleich beide die 800m.

Wir haben die Zwillinge gefragt, was der größte Vorteil am Zwillingsdasein sei. „Eine Zwillingsschwester zu haben, ist das Schönste, was es gibt“, antwortet Nina Stöcker. Und ihr werden die meisten zustimmen, denn bei den Vorteilen sprudelt es nur so bei allen heraus, Nachteile fallen kaum ein. „Man unterstützt sich gegenseitig und hält zusammen“. „Wir haben uns in der Schule gegenseitig drangenommen“, erzählt Denise Krebs grinsend. Jana Sussmann spricht ebenso wie Denise Krebs von einer besonderen Bindung, die durch eine Kommunikation ohne Worte geprägt sei. „Wir kennen uns so gut wie kein anderer“, berichtet sie über ihre Zwillingsschwester Kim Elisa. Sabrina Mockenhaupt spricht sogar von Seelenverwandtschaft und klar, der Vorteil des Trainingspartners ist für viele auch da. Bastian Grau empfindet als größten Vorteil, dass immer einer von beiden nicht verletzt sei und somit den anderen vertrete. Und die Nachteile? „Ich musste erst lernen, meinen eigenen Weg zu gehen“, erzählt Denise Krebs. Stephanie Platt findet den ständigen Vergleich etwas nervig, das ständige Verwechseln findet Nina Stöcker nicht so toll. „Man hat immer einen direkten Konkurrenten vor der Nase“, beschreibt Bastian Grau einen Nachteil des Zwillingdaseins.

Wie groß ist das Konkurrenzdenken bei Läuferzwillingen? Unterstützt man sich im Training gegenseitig, fightet man im Wettkampf gegeneinander oder gibt es dort sogar eine gemeinsame Taktik? Bei Spinraths gibt es kein Konkurrenzdenken. Weder im Training, noch im Wettkampf dafür aber auch keine gemeinsame Taktik. „Wir sind im Training auf keinen Fall Konkurrenten, wir unterstützen uns gegenseitig“, beschreibt Mocki die Situation mit ihrem Zwillingsbruder Markus. Allerdings ist uns auch eine andere Anekdote bekannt. Mocki hat einen 30er gemacht, und ihrem Bruder erzählt, die letzten Kilometer in einem 3:55min/km Schnitt gelaufen zu sein. Und was macht er? Am nächsten Tag läuft er auch einen 30er, allerdings nicht die letzten 5km im 3:55er/km Schnitt, sondern gleich die gesamten 30km. Ein bisschen Anstacheln muss man sich also doch als Zwilling.

Bei Mockenhaupts, Graus oder auch Sujews laufen beide Zwillinge. Bei Sussmann, Gabius, Krebs, Platt oder auch Stöcker ist jeweils nur noch einer aktiver Leistungssportler. „Wir waren bei uns in der Region nur im Doppelpack bekannt“, beschreibt Denise ihre Beziehung zu ihrer Drillingsschwester. „Unser Bruder hat schnell die Lust verloren, meine Schwester musste dann aufgrund einer Verletzung aufhören.“ Bei Sussmann, Stöcker und Platt hat sich die Zwillingsschwester bzw. der Zwillingsbruder jeweils bewusst gegen das Laufen entschieden. „Wir haben gemeinsam begonnen, irgendwann haben meiner Schwester Wettkämpfe keinen Spaß mehr gemacht und sie hat andere Interessen für sich entdeckt“, beschreibt Nina das Ende der Laufkarriere ihrer Schwester. Auch Janas Schwester hatte am Ende eine andere Motivation: „Wir sind in Wettkämpfen gegeneinander gelaufen und ich war immer hinter ihr. Kim hat nicht aufgehört, weil ich irgendwann schneller wurde, sondern weil sie sich gegen den Leistungssport und das disziplinierte Training entschied und lieber nur läuft, um fit zu bleiben, ohne Druck. Andere Dinge sind ihr wichtiger.“

Wir haben uns gefragt, ob es sich vielleicht schon viel früher entschieden hatte, wer die bessere Läuferin bzw. der bessere Läufer ist. Bei Sussmanns ist Jana zuerst als Baby gelaufen, bei Platts Steffi. Und Denise war zumindest in der Drillingskombination die zweite, die ihre ersten Schritte machte. Auch Mocki war als Baby ihrem Bruder Markus einen Schritt voraus.

Das gibt aber immer noch keine Antwort auf die Frage, warum es so viele Laufzwillinge gibt. Es kann aber kein Zufall sein, dass so viele Zwillinge im Laufsport aktiv sind. Kaum haben wir gedacht, dass unser Bericht fertig sei, hörten wir von einem weiteren Zwilling, das wir entweder nicht bedacht oder von dem wir noch nichts gewusst hatten. Daher kann dieser Text keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben. Was ist nun die Antwort auf unsere Frage? Auch die Laufzwillinge selbst tun sich schwer mit einer Erklärung. „Zwillinge motivieren sich gegenseitig“, „Zwillinge sind seelenverwandt und finden sich immer wieder“, „Zwillinge haben häufig dieselben Interessen“, das klingt zwar alles plausibel, aber das Gefühl, eine Lösung gefunden zu haben, haben wir nicht. Jana Sussmann hat einen interessanten Ansatz, sie sieht die Gene und den Körperbau als Gründe, da Zwillinge meist kleiner und dünner seien. Außerdem erlangen Zwillinge durch das Aufwachsen Eigenschaften, die sie auch später im Sport voranbringen, wie Disziplin und Durchsetzungsvermögen. Hat ein Zwilling eine schwächere Phase, zieht der Stärkere ihn mit und anders herum. Zwillinge lernen ganz natürlich und von klein auf, sich mit Gleichaltrigen spielerisch zu duellieren und sich zu vergleichen. Wenn der eine etwas kann, möchte der andere es auch können. Oder sogar noch ein bisschen besser können. Und das versucht der andere dann wieder zu überbieten.


Kossmann Laufdesign