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Interview mit 24 h-Europameister Florian Reus

[eingestellt am 16. Mai 2013]

By: Gabi Gründling

Fotos: Nicole Euring

Florian Reus (LG WÜrzburg) konnte am vergangenen Wochenende im niederländischen Steenbergen seinen Europameistertitel von 2012 erfolgreich verteidigen und gewann in der WM-Wertung die Bronzemedaille. Dieselben Medaillenfarben erreichte er zusammen mit seinen Kollegen vom 24 h-Nationalteam in der Mannschaftswertung. Ich habe Florian einige Fragen gestellt:

Du bist gerade mit vier Medaillen aus dem niederländischen Steenbergen zurück gekommen. Bei der 24 h-WM und EM wurdest Du alleine und mit der Mannschaft Europameister und hast alleine und mit der Mannschaft eine Bronzemedaille in der WM-Wertung gewonnen. 2012 in Katowice/Polen waren zwar die Medaillenfarben teilweise andere, die Menge aber war dieselbe. Wie fühlt sich so ein Medaillenregen an? Gewöhnt man sich daran?

Flo: Es wäre schlimm, wenn man sich daran einfach so gewöhnen würde. Nichtsdestotrotz dauert es bei mir sicherlich noch ein paar Tage, bis ich die vielen Eindrücke verarbeitet habe. Die Erfolge in Katowice und Steenbergen lassen sich nur schwer miteinander vergleichen. Letztes Jahr war es für mich der erste Titel auf internationaler Ebene und dementsprechend groß war die Freude. Wenn ich an den Rennverlauf und den Bedingungen von der WM in Steenbergen zurückdenke, freue mich über die diesjährigen Titel mindestens genauso stark.

In Steenbergen wart Ihr ja arg wettergeplagt. Dauerregen und der an der Küste unseres Nachbarlandes typische Wind, da ist noch zusätzliche mentale Härte gefragt. Du schreibst auf Facebook, Du hättest nachts ein Tief erlebt wie schon lange nicht mehr. Wie hat sich das geäußert? Und vor allem; wie hast Du wieder raus gefunden? 

Flo: Der eiskalte Regen und der Wind haben bei mir vor allem zu muskulären Problemen in den Beinen geführt. Zwischenzeitlich hatte ich sogar Probleme einen 6er-Schnitt zu laufen. Für das Wiederrausfinden waren meiner Meinung nach drei Dinge wichtig: Die letzten drei 24h-Läufe konnte ich immer mit einem gleichmäßigen Tempo von Anfang bis Ende durchziehen. Da ich schon fast gar nicht mehr wusste, wie es sich anfühlt, eine Krise innerhalb eines so langen Wettkampfs zu erleben, habe ich mich im Vorfeld der WM bewusst immer wieder mit solchen Situationen gedanklich auseinander gesetzt. Ich glaube, dass das sehr wichtig war um dann in dieser Situation die Geduld und Zuversicht zu bewahren. Außerdem denke ich, das hier auch die Erfahrung, die ich in den letzten acht Jahren sammeln konnte, sehr wesentlich war. Ich würde sogar soweit gehen und behaupten, dass ich früher in so einer Situation ausgestiegen wäre. Auch wenn es immer mein Ziel ist keine Pause einzulegen, habe ich mich zwischenzeitlich sogar bei unserem Team-Physio behandeln lassen. Dies war ebenfalls ganz wichtig, da ich mit gelockerter Muskulatur überhaupt erst wieder ins Rennen zurückfinden konnte. 

Du bist eigentlich eher ein Garant für konstantes Laufen. Auch diesmal hast Du Dich im Laufe der Stunden "einfach" weiter nach vorne gelaufen, nachdem anfangs die Konkurrenz auf Weltrekordkurs losgelaufen ist. Mit Deinem Tief und zwei Physiopausen bist Du nicht mal zwei Kilometer weniger gelaufen als im September in Katowice. "Hätte wäre wenn" ist ja immer Kaffeesatzleserei - aber hast Du ein bißchen eine Vorstellung davon, wo die Reise hätte hingehen können, wenn Du diese Unterbrechungen Deiner Gleichmäßigkeit nicht gehabt hättest?

Flo: Sicherlich ist es etwas schade, dass ich diesmal ausgerechnet in meiner erfahrungsgemäß stärksten Phase zwischen Stunde 12 und 18 große Probleme hatte. Im Vorfeld des Rennens habe ich mir für mich gedacht, dass ich im absoluten Idealfall den dritten Platz der ewigen Deutschen Bestenliste erreichen könnte. Hierfür hätte ich 267,3km laufen müssen, was letztendlich ja auch nicht zum WM-Titel gereicht hätte. Von daher will ich mich mit „hätte wenn und aber“ gar nicht groß beschäftigen, da es für mich nicht so entscheidend ist, ob ich zweiter oder dritter bin. Das Wichtigste ist für mich, dass ich den Titel des Europameisters bestätigen konnte.

Auf Polen hast Du Dich derart perfekt vorbereitet, daß Du sogar im Vorfeld schon dort Urlaub gemacht und Dir die Strecke angeguckt hast. Hast Du das für Steenbergen auch so gemacht?

Flo: Ursprünglich hatte ich mal geplant, auch die Strecke von Steenbergen im Vorfeld zu besichtigen. Leider habe ich dies aus Zeitgründen aber doch nicht mehr geschafft. Im Rahmen eines Treffens mit dem DLV-Nationalteam im Bundesleistungszentrum in Kienbaum hatte ich jedoch die Gelegenheit, die Strecke anhand einer Fotopräsentation kennenzulernen.

Hast Du Dein Training nach Deinem Erfolg von Katowice umgestellt? Oder hast Du für Steenbergen ähnlich trainiert? Wie hoch waren Deine Umfänge? Was hast Du ggfs. geändert? Verbessert?

Flo: Nach dem erfolgreichen Jahr 2012 war ich hinsichtlich des Trainings etwas hin und her gerissen. Zum einen dachte ich mir „never change a running system“, zum anderen wusste ich aber auch, dass ich um mich langfristig im 24-Stundenlauf noch zu verbessern auch an meinen Fähigkeiten für die Unterdistanzen zu arbeiten habe. Dementsprechend habe ich versucht noch etwas mehr Intensität ins Training einzubauen. Hinsichtlich der Umfänge hat sich im Vergleich zum letzten Jahr nicht allzuviel geändert, in der umfangreichsten Woche lief ich 230km. Inwieweit das der richtige Weg war, muss ich die nächsten Wochen erst noch analysieren. 

Du bist erst 29, für einen Ultraläufer ist das recht jung - vor allem auch vor dem Hintergrund, daß Du schon vier Mal Deutscher Meister, zwei Mal Europameister, zwei Mal top platziert in der Welt, Vierter der ewigen Deutschen Bestenliste bist. Darauf wirst Du sicher oft angesprochen – aber wie sehen Deine Pläne für die nächsten Jahre aus? Welche Träume hast Du in Bezug auf Deine Läuferkarriere? Willst Du Dich auch mal an noch längere Sachen wie einen 6-Tage-Lauf wagen?

Flo: Ich glaube nicht, dass ich jemals einen 6-Tage-Lauf bestreiten werde, da ich meinen Sport eher mit den Motiven eines Wettkampfsportlers, als die eines Extremsportlers betreibe. Dementsprechend möchte ich mich vor allem bei Meisterschaften mit einer guten Konkurrenz messen, was aber nicht heißen soll, dass ich die Leistung von Mehrtagesläufern schmälern möchte. Sicherlich ist der 24-Stundenlauf eine Randdisziplin in der Leichtathletik, doch die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, dass sich hier auf nationaler wie auf internationaler Ebene einiges getan hat, was mich sehr freut. Gerade deshalb möchte ich mich auch in den nächsten Jahren auf die 24h konzentrieren. Mein Traum wäre es natürlich mal, den Deutschen Rekord von 276 km aus dem Jahre 1987 zu knacken. Viel wichtiger ist es für mich aber mich in der internationalen Spitze zu etablieren.

Nur wenige Läufer in Deutschland können überhaupt von ihrem Sport leben, das hört aber spätestens bei der Marathondistanz auf. Ultramarathonläufer als Nischensportler verdienen normalerweise gar kein Geld mit ihrem Sport. Jetzt hast Du Dich ja vor zwei Jahren entschlossen, Sport zu studieren und kannst sicher jeden Euro gut brauchen - hast Du schon Sponsoren gefunden, die Dich unterstützen? Wie aktiv bist Du bei der Sponsorensuche und wie zäh oder flüssig gestaltet sich das? 

Flo: Sicherlich ist es Athlet einer Randsportart besonders schwer, Sponsoren zu finden. Um mich noch mal deutlich zu verbessern, wäre es natürlich wichtig, meinen Sport ein Stück weit zu professionalisieren. Dementsprechend freue ich mich mit Newline, Lauffieber und Biketempel Partner gefunden zu haben, die mich zukünftig in vielfältiger Weise, wie z.B. Ausrüstung und Leistungsdiagnostiken, unterstützen werden. 

Vielen Dank für das Interview, Flo! Wir wünschen Dir nicht nur für Deine läuferische Zukunft, daß sich Deine Pläne und Träume in die Tat umsetzen lassen!

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