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The Ghost Runner - Bill Jones

[eingestellt am 31. Mai 2013]

By: Harald Krauß

Bill Jones schreibt mit "The Ghost Runner" die Biographie des englischen Läufers John Tarrant, die von der Kampf um die Anerkennung seines Amateurstatus geprägt ist. Sie ist eine Geschichte herausragender sportlicher Leistungen, bürokratischer Sturheit und menschlicher Tragödie, und ein hochinteressanter Einblick in die britische Laufszene der fünfziger und sechziger Jahre. 

England, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Ein Jugendlicher boxt in seiner Freizeit bei Kneipenwettkämpfen. Als er sein läuferisches Talent entdeckt, strebt er die Mitgliedschaft im britischen Amateurverband an. Preisgelder von insgesamt 17 Pfund, die er als Boxer insgesamt eingenommen hatte, führen jedoch zu einer Sperre auf Lebenszeit. 

Diese Situation bildet den Kern der eindrucksvollen Biographie von John Tarrant, die Bill Jones basierend auf dessen Aufzeichnungen verfasste.

Streckenweise liest sich "The Ghost Runner" (der Name rührt daher, dass Tarrant ohne Amateurstatus nicht an Läufen teilnehmen durfte, weshalb er sich ohne Startnummer ins Feld stahl) spannend wie ein Roman.

Wo der Leser Hoffnung schöpft, die Verbandsobrigkeit möge ein Einsehen haben, erregt sich der Läufer darüber, dass die beim Boxen gewonnene Summe von siebzehn Pfund eine Läuferkarriere verhindert.

Kaum erreicht Tarrant nach jahrelanger Korrespondenz endlich das Startrecht, erfährt er kurz darauf, dies gelte nur für nationale Wettbewerbe. Wieder als Ghost Runner ohne Startnummer kommt er beim Comrades 1968 zwar an vierter Stelle ins Ziel, taucht jedoch nicht in der Ergebnisliste auf. 

Ein Jahr später, 1969, stellt John Tarrant einen Weltrekord über 100 Meilen (161 km) auf: 12 Stunden 31 Minuten 10 Sekunden. Er wird anerkannt, weil er auf britischem Boden erlaufen wurde. 

Jones schildert Tarrants Leben aus dessen eigener Perspektive, es gelingt ihm jedoch, auch einen Einblick in Denkweise und Weltbild der Funktionäre zu geben. Der Satz "Regeln sind Regeln" wird oftmals zitiert, und mindestens genauso häufig erklärt Jones, wie der Begriff "Amateur" damals definiert, und wie rigide diese Auffassung durchgesetzt wurde. 

Für Jones ist der Fall Tarrant das äußere Zeichen eines Konflikts zweier gesellschaftlicher Klassen: Der britischen Oberschicht auf der einen Seite, und der Arbeiterklasse auf der anderen.

Arbeit, um Geld zu verdienen, erschien ersterer schlicht vulgär. Ein Sportler betrieb sein  Hobby ausschließlich um der körperlichen Ertüchtigung willen. Und so war es nur konsequent, den Amateurstatus an die Abwesenheit jeglicher Einkünfte daraus zu knüpfen.

Für die Arbeiterklasse auf der anderen Seite war Sport Leidenschaft und Kostenfaktor zugleich. Kleine Preisgelder, selbst eine geschenkte Bahnfahrkarte, die der "echte" Amateur mit Naserümpfen quittiert hätte, wären eine willkommene Entlastung gewesen. 

In diesem Spannungsfeld, das Jones zufolge die Umwälzungen der 60er und 70er Jahre, vor allem den völligen Wandel hin zum Profisport vorausahnen lässt, liegt die Faszination des Buches. 

Bill Jones
The Ghost Runner: The Tragedy of the Man They Couldn't Stop
Taschenbuch: 352 Seiten
Verlag: Mainstream Publishing (7. Juli 2011)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 1845966066
ISBN-13: 978-1845966065
15,99 Euro

 


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