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Papalagi

[eingestellt am 01. Juli 2013]

By: Harald Krauss

Als der Häuptling Tuiavii Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts Europa bereiste, wunderte er sich des Öfteren über eigenartige Verhaltensweisen der Einheimischen. Warum in aller Welt sollte man seine Wohnung abschließen? Und dieses ständige Hetzen nach Besitz von rundem Metall und bedrucktem Papier - Geld - schien ihm gleichermaßen absurd wie schädlich. Außerdem sind alle von der Krankheit des Denkens befallen. 

Was würde Tuiavii wohl sagen, wenn er uns heute Sport treiben sähe? 

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Europa von Polynesien mindestens so weit entfernt wie Polynesien von Europa. Oder war es umgekehrt?

Räumlich sowieso, aber es sind gerade die kulturellen Unterschiede, die Tuiavii dazu bewogen, seine Mitmenschen in elf kleinen Reden über das zu informieren, was dem Europäer damals wie heute selbstverständlich ist. 

Über Zeitschriften berichtet Tuiavii zum Beispiel: In diesen Papieren liegt die große Klugheit des Papalagi. Er muss jeden Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen und ihn satt zu machen, damit er besser denkt und viel in sich hat; wie das Pferd auch besser läuft, wenn es viele Bananen gefressen hat und sein Leib ordentlich voll ist.

Was würde Tuiavii wohl denken, käme er heute in eine europäische Stadt, um sich das Leben hier anzusehen? Vor allem: wie würde er unsere Sportkultur bewerten? 

Bilder aus fernen Ländern - Polynesien - zeigen meist gut tränierte Körper; Muskeln in einer Definiertheit, wie sie im Buche steht. Wo dem Betrachter das Talent zum Neid fehlt, blickt er voll Anerkennung auf Leiber, die das darstellen, was sich der Sport treibende westeuropäische Mensch von seiner persönlichen Ertüchtigung erhofft.

"Hier", scheinen die Bilder zu rufen, "hier kannst du sehen, wohin du gelangt sein wirst, wenn du dort ankommst, wo du hinwillst!" 

Der Betrachter folgert messerscharf: die Leute sind fit. Sie sind es, weil ihr Lebenswandel sie dazu macht.

"Seht ihr", spräche Tuiavii, "wir rudern unermüdlich in unseren Booten, verlassen uns nicht auf den Gott der Motorisierung. Wir erklettern die Palme, um eine Kokosnuss zu essen, und bauen unsere Hütten aus dem, was wir dem Walde entnehmen. Der Papalagi kennt die Kokosmilch nur von Nüssen aus Metall, die er in eigenen Hütten gegen buntes Papier eintauscht" 

Nüsse aus Metall - Dosen - gewiss, ob die wirklich das enthalten, was unser freundlicher Häuptling als Kokosmilch kennt? Wenn der wüsste, was auch wir lieber nicht wissen wollen....

Tuiavii würde die blassen, fetten Leiber hierzulande in Zusammenhang mit dem bewegungsarmen Leben der meisten Leute hier bringen.

Das würde ihn weder überraschen, noch irritieren. 

Er würde dem Bemühen um Ausgleich seinen Respekt zollen, jedenfalls behaupte ich das. "Das, was der Papalagi seinen Beruf nennt, zwingt ihn oft, seinen Leib tagein, tagaus auf einem Fleck sitzen zu lassen. Er versucht, den Verfall abzuwenden, indem er rituelle Bewegungen verschiedenster Art ausführt. Der Papalagi sagt dazu, er treibe Sport." 

Soweit würde Tuiavii unsere Art, Sport zu treiben gutieren. Er würde jedoch äußerst konsterniert zu Kenntnis nehmen, dass Menschen bei herrlichstem Wetter im geschlossenen Raum - er würde von Hütten reden - tränieren. Eingeschlossen, statt draußen an der frischen Luft zu sein. 

Noch mehr würde er sich über unnatürlich erscheindende Maschinen wundern. Sie ersetzen einen großen Teil des Leibes, damit ein anderer, kleiner Teil gekräftigt werde. Wozu alles andere fixieren, damit nur der Bizeps benutzt werde?

Es erschiene ihm widersinnig, einem funktionsfähigen Körper so viel Unterstützung zu geben, wo doch ein gesunder Mensch ohne Weiteres in der Lage ist, ein Gewicht zu bewegen.

Würde er verstehen, weshalb viele von uns "geführte Bewegungen" bevorzugen, an Maschinen tränieren, obgleich unseren Körpern diese Form der Hilfe gerade dann, wenn wir die mühsam antränierte Kraft nutzen wollen, nicht zur Verfügung steht? 

Klimmzugstangen ließen ihn fragen "Die Welt des Papalagi hat mehr Bäume, als wir Sandkörner am Ufer, und doch baut er sich künstliche Äste in seine Hütte, an denen er sich hinaufzieht. Hat der Papalagi denn vergessen, dass ein Baum Äste hat?" 

Ich glaube, Tuiavii wäre ein Freund von "Functional Fitness". Er würde erfreut zusehen, wie mancher mit freien Gewichten arbeitet. All das würde ihn an Vernunft im Europäer glauben lassen. 

Eine Sache allerdings bliebe ungeklärt.

Draußen ist wunderbares Wetter, sagen wir: dreiundzwanzig Grad und Sonne. Durch die große Scheibe eines Fitness-Clubs sieht Häuptling Tuiavii, wie Menschen auf Laufbändern vor sich hin traben. Er würde es nicht nur nicht verstehen, er würde es nicht bemerken, weil sein Gehirn solch wunderliches Bild nicht verarbeiten könnte.

Da geht es ihm wie mir.

 


Kossmann Laufdesign