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Der schönste Berg

[eingestellt am 10. August 2013]

By: Olga Schlawunzel

Der Slogan des Veranstalters „am schönsten Berg der Welt“ überrascht aus zwei Gründen. Erstens wissen Nordlichter comme moi, dass Berge nur den Blick auf die Landschaft versperren und der Übellaunigkeit einer zum Sarkasmus neigenden Natur entspringen. Zweitens ist der schönste Berg der Welt, also das kleinste Übel, doch völlig unstrittig der Ölberg im Siebengebirge (bei Bonn). Nach dem Anstieg von der Margarethenhöhe und Überwindung des letzten Steilstücks erreicht man den Gipfel auf stolzen 460 Metern und kann den atemberaubenden Blick über den Rhein bis zur Eifel schweifen lassen. Überraschenderweise gibt es hier sogar eine bewirtschaftete Hütte, die gerne genutzt wird, bevor man sich auf den beschwerlichen Abstieg macht.

Natürlich gibt es hier auch einen Marathon, nämlich den Siebengebirgsmarathon im Dezember, der aber bescheiden auf den Titel verzichtet. Ganz anders als Zermatt. Das Matterhorn ist das Wahrzeichen und der Stolz des Ortes. Schließlich gibt es dort auch nichts anderes als Berge, Gletscher, auch im Sommer befahrbare Skigebiete, mehr Japaner als Murmeltiere, die höchste Zahnradbahn der Welt, Bergbahnen und Elektroautos. Taktvoll lässt man also die Anmaßung, die jedem Rheinländer übel aufstoßen muss, unkorrigiert.

Im Juli bietet Zermatt nun einen Erlebnislauf, und war am 06.07.2013 nicht wie sonst erfüllt von Bergsteigern, Skiläufern, mondänen Shoppingtouristen oder asiatischen Touristen, die für die Europa-in-10-Tagen-Tour das Matterhorn in der Fotosammlung haben müssen, sondern von 1600 Läufern. Der Lauf startet im Tal in Sankt Niklaus auf 1.100 Meter. Bis Zermatt ist ein Halbmarathon mit noch sanften 500 Meter Steigung zu überwinden. Die Steigungen sind noch moderat, aber spürbar. In Zermatt ist Wechsel für die Staffeln, und der zweite Halbmarathon macht mit Berglauf nun ernst. 900 Höhenmeter geht es bis zum Marathonziel auf der Riffelalp. Wegbegleiter ist das Matterhorn, das die Läufer aus verschiedenen Perspektiven nahezu penetrant begleitet. Der Lauf lebt natürlich von gutem Sommerwetter. Das passte in diesem Jahr perfekt, denn keine Wolke trübte den strahlend blauen Himmel. Das Matterhorn zeigte sich frei, was selten ist, denn der freistehende 4000er zieht Wolken wie ein Magnet an. Das ist nun wieder gnädig von Mutter Natur, dass Berge sich so gerne in Wolken verstecken und das Auge nicht unentwegt beleidigen. Das wohl einzigartige am Zermattmarathon: es ist trotz der 2500 bzw. 3000 Meter Höhe, die man erreicht, kein Traillauf. Die Wege sind bis zum Ziel auch für asphaltverwöhnte Füße gut belaufbar. Koordination ist weniger gefordert. Und es geht fast nur bergauf. Die 500 Meter Gefälle zwischendurch sind kaum spürbar. Der Marathon endet an der Station der Riffelalp, und zur Belohnung für die Strapazen kann man bequem herunterfahren – einfach wunderbar. Außerdem ist der Lauf stressfrei, da Zeit hier eine untergeordnete Rolle spielt. Zumindest für das Gros der Läufer. Dass der Sieger in 3:05 im Ziel war, darüber muss man ja nicht genauer nachdenken. Für die Ultras bietet der Veranstalter kurz vor dem Marathonziel den Abzweig zum Gornergrat. Es sind nur noch 3900 Meter, die aber mit 500 Höhenmetern. Da man aber an diesem Samstag ohnehin nichts anderes vorhat, kann man auch noch eine Stunde investieren und den Gornergrat auf 3000 Meter erklimmen. Hier ist die Bahnstation mit viel Trubel (noch mehr als auf dem Ölberg!). Denn hier ist man umringt von schneebedeckten 4000ern, die an Tafeln auch noch namentlich vorgestellt werden. Doch das schönste: selbst für bergblinde Menschen comme moi, für die ein Berg wie der andere aussieht, ist das Matterhorn sofort erkennbar. Wie der Ölberg. Ein schönes Gefühl. Im Ziel gibt es nach 2400 überwundenen Höhenmetern und ca 240 inneren Flüchen über die eigene Verrücktheit eine Aludecke, ein Linzer Törtchen und das Finishershirt. Auf dem steht „am schönsten Berg“ - passt perfekt, um damit mal am Ölberg zu laufen. 

Olga Schlawunzels Laufbewertung:
Perfekte Organisation
Super Stimmung
Abwechslungsreiche, kurzweilige Streckenführung
Berge satt
Klasse Ziel
Talfahrt entschädigt für alles
Wer hier nicht läuft, ist selber schuld
Termin 2014: 5. Juli

 


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