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Als das Wetter Fieber hatte. Kein Stück in drei Akten

[eingestellt am 28. August 2013]

By: Harald Krauß

Erster Akt, worin Menschen sich an der Sonne erfreuen. Die Temperatur steigt, eine Diagnose wird gestellt.

Vor nicht allzu langer Zeit, als das junge Eis in den gleichnamigen Dielen wuchs, begaben sich die Menschen Tag um Tag in die Natur, wo sie sich an der Sonne ergötzten. Allzu gut erinnerten sie sich an den langen, dunklen Winter. Während der schönen Tage stieg die Temperatur auf fünfundzwanzig Grad. 

Welch schöner Sommer! 

Läuflinge griffen nur noch zu knappster Laufkleidung, lange Ärmel sah man nur auf Fotos von Trailläufen. Im Gebirge. Bei über dreißig Grad zur Mittagszeit trennte sich die Spreu derer, die entweder nur am frühen Morgen oder überhaupt nicht liefen, vom Weizen. Jene Läuflinge hatten sich angepasst, sie rannten schweißüberströmt durch die trockener werdende Natur.  

Als die Quecksilbersäule auf mehr über siebenunddreißig Grad Celsius kletterte, wo sie tagelang verharrte, blickten Läuflinge auf verdorrte Pflanzen, die ihre letzte Kraft aufboten, um ein wenig Schatten zu spenden. Wer genug Flüssigkeit im Leibe hatte, vergolt die Spende, indem er von seinem Überschuss abgab. Nicht wenige Läuflinge sahen sich in einer Schicksalsgemeinschaft mit der Pflanzenwelt. Ihre miktionsgelben T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich bin ein Miktant" sollten der heimischen Flora vor allem eines zeigen: eure Schattenspende soll nicht umsonst gewesen sein! 

Andere hingegen erinnerten sich daran, dass ein Mensch oberhalb von 37° Körpertemperatur krank ist. Bange Blicke hafteten auf den Messgeräten, bis allen klar wurde: das Wetter hat Fieber!

Was tun? 

Ein fiebernder Mensch tut gut daran, sich zuhause - im Bett - zu bleiben. Er bleibt Schule, Büro und Baustelle fern, er ruht sich aus. Doch dem Wetter ist das versagt. Es ist immer im Dienst. Ein Tag ohne Wetter? Undenkbar!  

Zweiter Akt. Ein Läufling hat eine rettende Idee.

Für guten Rat hätten wir damals jeden Preis bezahlt, wäre er denn feilgeboten worden. Manchen schien es sinnvoll, einige Tranchen wohlfeilen Geldes in südliche Länder zu übertragen - in der Hoffnung, von dort wenigstens einen rettenden Hinweis zu erhalten.

Andere dagegen pflegten eine Ausprägung sportlichen Tuns, die ich als "gut behütet" bezeichne: Kopfbedeckungen aller Art konnten auf Läuflingshäuptern bewundert werden: Mützen, Tücher, Buffs, selbst Strohhüte konnte man sehen. 

Dazu achteten sie penibel darauf, immer und überall gut hydriert zu sein. Viele hingen beim Thema Hydration der Vision von pittorest Fontänen versprühenden Hydranten nach, wie wir sie von Bildern aus New York kennen. Diese blieben leider aus, zudem denken die meisten wohl insgeheim, dass selbst im Land der unbegrenzten Wasservorräte nur für Fotografen mit Wasser gespielt wird. Alle anderen - so auch wir - hingen an der Flasche. 

Und sinnierten, wie dem fiebernden Wetter wohl zu helfen sei. 

Eines Tages wurde ein Läufling vom Blitz getroffen. Von einem Geistesblitz, um genau zu sein. Wenn, so dachte er, dem Menschen kalte Güsse und Wadenwickel Linderung versprechen, dann sollte es beim Wetter genauso wirken! Flugs machten er und viele, viele andere sich auf die Suche nach des Wetters Waden. Weil jeder mithelfen wollte, stieg die Zahl der gelaufenen Wochenkilometer rapide an. Fieberhaft wurde nach den Waden des Wetters Ausschau gehalten, nur ohne, dass irgend jemand fündig geworden wäre. Die kalten Güsse ergossen sich bloß in Münder und benetzten bedeckte Köpfe. 

Besorgnis erregte die Gemüter der ach so hilfsbereiten Läuflinge, die dennoch unverzagt ihre Runden am Busen der Natur drehten (den sie übrigens ebenso berühren konnten, wie des Wetters Waden). 

Dritter und letzter Akt, worin das Wetter zeigt, was es kann.

Die Situation spitzte sich weiter zu - es war unerträglich schwül geworden, und dunkle Wolken zogen auf. Ach käme doch nur ein Gewitter! Zwei Tage lang drückende Schwüle hielt selbst hartgesottene Läuflinge von ihrer Lieblingsbeschäftigung ab. Die meisten jedenfalls.

Bis, ja bis eines Tages eine mustergültige Show geboten wurde. Wie nach einem Drehbuch hielt das Wetter, das offenkundig auf dem Weg der Genesung war, eine perfekte Dramaturgie ein. Erst wurde es noch ein wenig schwüler. Stickig. Kein Blatt bewegte sich. Die Luft, nun, wenn man gewollt hätte, man hätte sie in Brocken mit sich herumtragen können. Dunkle, sehr dunkle Wolken am Horizont. Leichter Wind, der bald auffrischte. Türen schlugen, Gießkannen wurden umgeweht. Dumpfes Grollen, Wetterleuchten aus der Ferne.

Und dann ging es los: Blitz und Donner, Sturm mit Hagel und kalten Güssen, es schüttete wie aus Kannen, der Himmel öffnete seine Schleusen, Wolkenbruch, Wolken erbrachen Wasser über die Landschaft, um Mensch und Natur zu erfrischen! 

Gewitter, sie bieten eine tolle Show und kühlen gleichzeitig ab.

"Donnerwetter!" sagen wir anerkennend. 

Einunddreißig Grad am nächsten Tag.

Das Wetter war wieder gesund.

 


Kossmann Laufdesign