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Schmidt, Winfried

[eingestellt am 01. November 2013]

By: Christian Werth

beim Leverkusener Bayer-Kreuz-Lauf 2010

Disqualifikation bei der Halbmarathon-DM

Rekordlauf in Leverkusen mit 35:27 min

Schmidt nach einem Trainingslauf in seinem Garten

Schmidt vor seinem Haus in Köln-Flittard

Mit eisernem Willen auf Rekordjagd 

"Da kommt der Ehrgeiz", kündigte man ihn schon zu einstigen Fußballer-Zeiten an. Doch auch nach seinem Umstieg vom Bolzplatz auf die Leichtathletikbahn hat Winfried Schmidt nichts von seinem ausgeprägten Ehrgeiz verloren. Ganz im Gegenteil: Der 64-Jährige dürstet nach weiteren Titeln und Rekorden. "Ich bin ein eitler Perfektionist", sagt der Kölner über sich selbst. Mit ausgeprägter Akribie und Trainingsfleiß überlässt er nichts dem Zufall. Neue Rekordversuche werden generalstabsmäßig geplant. "Die fallen nun mal nicht einfach so von den Bäumen", stellt der Ehrgeizling fest. "Furchtbar", schießt es aus seiner Frau Renate heraus. "Teilweise bis spät in die Nacht sitzt er über seinen Trainingsaufzeichnungen und Laufstatistiken", erzählt sie. Vor wichtigen Wettkämpfen sei er extrem angespannt, könne vor Nervosität häufig kaum schlafen und verstecke sich bis kurz vorm Startschuss, verraten die beiden. Dennoch kann er auf breite Unterstützung bauen, wird vor wichtigen Läufen stets von seiner Frau, der gemeinsamen Tochter Stephanie und deren Mann tatkräftig unterstützt. Akribischste Rennvorbereitungen wie Unterkunftssuche, Getränkepostierung und penibles Streckenstudium gehören dann zu den Helferdiensten der Schmidt-Eskorte. "Das Laufen ist längst zur Familienangelegenheit geworden. Als Winfried kurz vor einem Lauf immer noch nicht an der Startlinie stand, bin ich kurzerhand einfach vor dem Feld herspaziert, sodass er es dann doch noch geschafft hat", fällt der treuen Ehefrau, die er 1971 beim Kölner Karneval kennengelernt hat, spontan eine Anekdote ein. 

Auch die Laufkameraden vom TuS Köln rechtsrheinisch, darunter Trainingspartner Heinz Lorbach, begleiten den Vorzeigeathleten häufig zu Meisterschaften, treiben den Dauerbrenner mit lautstarker Anfeuerung zu Höchstleistungen. Im Wettkampf kann sich Schmidt quälen wie kaum ein anderer; der Ehrgeiz ist ihm dann ins Gesicht geschrieben. "Ich habe noch nie einen Wettkampf aufgegeben, laufe grundsätzlich immer zuende, auch wenn es mal nicht zu einem Rekord reicht", merkt Schmidt an. Auch der Trainingsfleiß des 64-Jährigen, der mit dem Fort 12 sein Trainingsgebiet unmittelbar vor der Haustür hat, ist beachtlich. Bei insgesamt 100 km trainiert er durchschnittlich zehnmal pro Woche, davon zwei Tempoeinheiten. An Wochenenden stehen regelmäßig Testwettkämpfe in der Umgebung auf dem Programm. Der 1,73 m große und 65 kg schwere Kölner profitiert nach wie vor von seiner ausgeprägten Grundschnelligkeit, läuft den Kilometer immer noch um die 3 min. 

Große Erfolge trotz Späteinstieg 

Trotz aller Erfolge ist Schmidt ein Späteinsteiger, kam erst 1998 mit 49 Jahren zum Laufsport. Der gebürtige Olpener widmete sich lange dem Fußball, brachte es als Kicker des RS Horrem bis in die höchste Amateurklasse. Schon damals galt er als Laufwunder, war bekannt für herausragende Ausdauer und besonderen Antritt. Nach einer Lehre als Konditor studierte er in Bonn Ernährungswissenschaften, fing später im elterlichen Bäckerei-Betrieb an, den er seit 1980 führt. Dass er die Fußball- schließlich gegen die Laufschuhe eintauschte, war einer Knieverletzung geschuldet. Die machte das weitere Spiel mit dem Ball undenkbar, ließ allerdings Lauftraining zu. So wurde er 1998 spontan von Jürgen Meyer, Geschäftsführer beim TuS Köln rechtsrheinisch, angesprochen, doch mal zum Lauftraining zu kommen. Der damalige M50er kam und lief zum Erstaunen aller ohne jegliches Training auf Anhieb 10:36 min über 3.000 m. Nach einmonatigem Training erzielte er dann schon 9:36 min, sodass man sich nun regelrecht um den talentierten "Seniorennachwuchs" riss. Er heuerte schließlich beim TuS an, begann nun unter Coach Günter Kuxdorf ambitioniert zu trainieren und feierte schon bald erste Erfolge im Crosslauf und als Mittelstreckler. 

Zur deutschen Spitzenklasse zählte er schon fünf Jahre später ab Eintritt in die M55. Schon damals trainierte er überwiegend mit jüngeren Athleten, was bis heute so geblieben ist. Seinen ersten internationalen Erfolg feierte er 2001 bei der Hallen-EM in Bordeaux, wo er in der M50 über 1.500 m auf Anhieb Gold holte. Trotz relativ weniger internationaler Teilnahmen bringt er es inzwischen auf zehn EM-Titel und vier WM-Medaillen, davon einmal Gold bei der Hallen-WM 2004 in Sindelfingen über 3.000 m. Den ersten von aktuell 46 deutschen Meistertiteln errang er 2002 im Crosslauf. Inzwischen hat es der Überflieger auf 14 deutsche Rekorde gebracht, davon sechs in der M60 und sieben in der M65. Doch bleibt auch Schmidt nicht von Verletzungen verschont, musste schon häufig den Preis für Übertraining bezahlen. Auch nach zahlreichen Rückschlägen wie mehreren Muskelfaserrissen, Achillessehnenriss und Leistenoperation gab er nicht auf, obwohl er mehrfach wieder komplett bei Null anfangen musste. 

"Ich wollte schon aufhören" 

Auch diese Saison ist alles andere als leicht für den willensstarken Kämpfer. Nach seiner umstrittenen Disqualifikation bei der Halbmarathon-DM in Refrath, bei dem ihm unerlaubte Begleitung vorgeworfen und sein souveräner Meisterschaftstitel nachträglich aberkannt wurde, wollte er schon ganz aufhören, war mental völlig am Boden. "Der Willkür eines einzelnen Kampfrichters ausgesetzt zu sein und solch eine Ungerechtigkeit zu erfahren, ist für mich unerträglich", ist Schmidt heute noch konsterniert über die fragwürdige DLV-Entscheidung. Nach jeder Menge Überredungskunst der Kölner Läuferzunft hat er sich schließlich doch zum Weitermachen entschieden, will auch für seine vielen Mitstreiter nicht aufgeben. Nur wenige Wochen später musste der Seniorenathlet dann den tragischen Tod seines langjährigen Trainers und Freund Günter Kuxdorf beklagen, der während einer gemeinsamen Trainingseinheit im Königsforst zusammengebrochen war. Auch für ihn macht Schmidt weiter, trainiert nun unter Lars Jucken. 

Trotz aller Rückschläge schnappte sich der 64-Jährige nur kurze Zeit später konkurrenzlos die DM-Titel über 10.000, 5.000 und 1.500 m, ließ zudem auf seine drei Frühjahrs-Bestmarken vier weitere deutsche M65-Rekorde folgen. Im September kamen mit dem klaren 10-km-Sieg von Bobingen und der Berglauf-DM in Bergen zwei weitere Meistertitel hinzu. Für letzteren begab sich der Titelsammler auf ungewohntes Terrain, meisterte seine Berglauf-Premiere mit Bravour. Für einen ursprünglich im Oktober angepeilten Rekordversuch auf der Halbmarathondistanz hatten die Meisterschaften allerdings zu viel Substanz gekostet, zumal eine hartnäckige Bronchitis hinzukam. Schmidts Saison-Glanzlicht war der heimische Bayer-Kreuz-Lauf über 10 km, der nur 2 km von seinem Wohnsitz in Köln-Flittard entfernt liegt. Dort rannte er im März zu grandiosen 35:27 min und pulverisierte damit den deutschen Rekord. Da Schmidt erst im Dezember 65 Jahre alt wird, wird die Zeit allerdings nicht international als M65-Rekord anerkannt, wäre sonst zugleich Weltrekord gewesen. Schmidt kritisiert, dass DLV- und internationale Alterseinteilung nicht identisch sind. Der Vorteil ist jedoch, dass Schmidt sein Hauptaugenmerk so stets auf zwei Jahre legen kann. Die 10 km sind zu seiner Spezialdisziplin geworden, hier kann er 32:49 min in der M50, 33:15 min in der M55 und 34:15 min in der M60 vorweisen. 

Neue Titel und Rekorde angepeilt 

Schmidt blickt auf ein denkwürdiges Jahr zurück, hat sich jedoch schon jetzt einiges für die nächste Saison vorgenommen. Im kommenden Jahr will der vielseitige Läufer bei der DM in München endlich auch seinen ersten Marathon-Titel einfahren. Mit dieser Distanz steht er bislang auf Kriegsfuß, kam bei erst vier Marathon-Teilnahmen nicht über 2:44:18 h aus dem Jahr 2009 hinaus. „Eine Verbesserung dieser Zeit müsste eigentlich möglich sein, wenn in der Vorbereitung alles plangemäß verläuft“, spekuliert Schmidt. Im kommenden März will der Dauerbrenner in Leverkusen den 10-km-Weltrekord von 35:38 min angreifen. Darüber hinaus sollen bereits aufgestellte Rekorde abermals verbessert werden, schließlich ist Schmidts Anspruch an sich selbst hoch. Titel und Rekorde sind ihm gleichermaßen wichtig. So orientiere er sich häufig an den besten der M60 oder sogar M55, wolle nicht nur einfach Titel sammeln, sondern auch eine möglichst perfekte Zeit erzielen, verrät der Perfektionist, der erstaunlich viele Zeiten im Kopf hat. 

Schmidts Perfektionismus äußert sich jedoch längst nicht nur beim Laufen, macht auch vor anderen Lebensbereichen nicht halt. So gehören der Umbau des Hauses, seine Weinleidenschaft sowie seine große Sammlung an Schreibgeräten zu weiteren intensiven Hobbys. In der Region ist der Kölner, den alle nur "Winnie" rufen, bekannt wie ein bunter Hund und außerordentlich beliebt. Laufen und Beruf kann er zuweilen sogar verbinden: So beliefert der Konditor regelmäßig Laufveranstaltungen und Stadionfeste im Rheinland, wo seine Süßspeisen wie auch seine Laufkunst gleichermaßen gern gesehen sind.

Bestzeiten:

800 m: 2:12 min (2000, M50), 1.500 m: 4:25 min (2003, M55), 3.000 m: 9:20 min (2003, M55), 5.000 m: 16:08 min (2003, M55), 10.000 m: 34:05 min (2008, M60), 10 km: 32:49 min (2002, M50), 21,1 km: 1:15:47 h (2008, M60), 42,2 km: 2:44:18 h (2009, M60)

M65-Rekorde 2013:

1.500 m: 4:50,79 min, 3.000 m: 10:06,19 min, 5.000 m: 17:47,89 min, 10.000 m: 36:37,50 min, 10 km: 35:27 min

 


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