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Reus, Florian

[eingestellt am 12. März 2014]

By: Gabi Gründling

Fotos: Nicole Euring und Heike Horschig

Am Ziel des "Pseudospartathlon"

24 h-WM Katowice

24 h-WM Steenbergen

Spartathlon 2013

Spartathlon 2013

Wenn man sich Florian Reus‘ Statistik auf der DUV-Seite ansieht und dann einen Blick auf sein Geburtsdatum wirft, reibt man sich erstmal leicht ungläubig die Augen. 74 Suchergebnisse (48 Veranstaltungen, 5923.23 km) steht da. Und das an Florians 30tem Geburtstag am 02. März 2014. Deutlich erstaunlicher wird es dann noch, wenn man sich seine Erfolge ansieht. Vier Mal Deutscher Meister, zwei Mal Europameister, ein Mal Vize-Weltmeister und das alles im 24 Stunden-Lauf. Dazu kommt ein zweiter Platz 2013 beim legendären Spartathlon. 

Dabei fing alles so relativ harmlos an. 2002 lernte Florian für die mittlere Reife-Prüfung und während er da so saß und sich durch den Stoff quälte, nahm er sich vor, sich danach mal wieder mehr zu bewegen. Ein bißchen Fußball, ein bißchen Rad – aber nichts wirklich regelmäßig, so sah sein sportliches Leben bis dahin aus. Also fing er mit lockerem Jogging an. Als er wenig später in der Tageszeitung vom Bieler 100er las, war ihm sofort klar „da will ich nächstes Jahr laufen“. Seinen objektiv eher wahnwitzigen Plan behielt er aber erstmal für sich – und lief im Hitzejahr 2003 tatsächlich nach knapp 14 Stunden über die Ziellinie. Seinen eigentlichen Plan, danach aber wieder mit der Lauferei aufzuhören, setzte er, sehr zur Bereicherung der Ultramarathonszene, bis heute nicht in die Tat um. 

Im Gegenteil – innerhalb der letzten 11 Jahre ist aus Florian ein Leistungssportler mit hohen sportlichen Zielen geworden. Nach der Schule erlernte er erstmal den Beruf des Weinküfers (Wikipedia: Der Aufgabenbereich des Weinküfers umfasst die Annahme und Kelterung (Pressung) der Weintrauben, des Weiteren die Steuerung und Überwachung der Gärung und den Ausbau des Weines. Zum Ausbau des Weines gehört die Klärung sowie die Verhinderung von späteren Trübungen. Am wichtigsten ist jedoch die Entscheidung des Fülltermins (der Zeitpunkt, an dem der Wein seine optimale Reife erlangt hat), machte später noch seinen Meister. Letzten Endes war es dieser Meistertitel, der es ihm ermöglichte, seinen Sport zu leben. Denn mit dem Meistertitel hat man seit einigen Jahren Zugang zum Universitätsstudium und genau das tut Florian seit 2011: Sport studieren. Genauer: Sportwissenschaft und Soziologie. Durch diese Schwerpunkte kann der angehende Bachelor im Gegensatz zu Lehramtsstudenten auf Turnen und Tanz „verzichten“. 2016 wird Schluß sein mit dem Studentenleben, bis dahin plant er sein Masterstudium mit Schwerpunkt Sportmanagement. Schon jetzt arbeitet er noch 40 Stunden pro Monat als Sportreferent an der TU Darmstadt. 

Im Bereich Sportmanagement möchte er dann später auch mal arbeiten, eine Rückkehr in den Beruf des Weinküfers kann er sich trotz anhaltenden Interesses für den Rebensaft nicht mehr vorstellen. Als Allergiker, der besonders mit der Birkenblüte heftige Probleme hat, passten Beruf und sportliche Berufung auch nicht gut zusammen. Im Frühjahr machte ihm die Luft oft einen Strich durch die Leistungsrechnung, im Herbst war er im Weinkeller unabkömmlich. 

Der Liebe und des Studiums wegen zog Florian aus seiner fränkischen Heimat ins Rhein-Main-Gebiet, lebt in Sulzbach (bei Frankfurt) und studiert in Darmstadt. Damit er Studium und das umfangreiche Training unter einen Hut bringen kann, beginnt sein Tag in der Regel um 6.30 h mit einer halben Stunde „für die Uni“. Nach einer Tasse Kaffee mit Freundin Nicole schlüpft er dann das erste Mal in die Laufschuhe. Die ersten 10-12 km des Tages absolviert er nüchtern. Normalerweise trainiert er zwei Mal täglich, kommt in einer trainingsintensiven Woche auf bis zu 250 km, üblicherweise auf um die 200. Dazu kommen seit Kurzem auch noch täglich 12 mit Stoppuhr gestoppte Minuten Dehnen und Kräftigung. Dazu muß er sich immer wieder neu überwinden, hat aber die positiven Effekte längst am eigenen Körper erfahren. 

2013 kam er so auf rund 6.000 Laufkilometer, nach derzeitigem Stand werden es 2014 „ein paar mehr“ werden. Normalerweise trainiert er 12 Einheiten an 7 Tagen in der Woche. Komplette Pausentage ergeben sich manchmal aus äußeren Zwängen, sind aber selten wirklich eingeplant. Nach größeren Wettkämpfen, also normalerweise seinen zwei Saisonhöhepunkten, legt Florian allerdings auch gerne mal ganze Pausenwochen ein – das ist ihm schon „für den Kopf“ wichtig. In der Zeit läuft er so gut wie nicht, geht vielleicht 1-2x/Woche schwimmen. In einer anschließenden weiteren mehrwöchigen Regenerationsphase kommt er dann auf maximal 60 bis 70 km/Woche.

Zum Erreichen seiner läuferischen Ziele im 24 Stunden-Bereich muß alles stimmen – stabile Muskulatur, Gelenkigkeit und Grundschnelligkeit. An letzterer will er 2014 intensiv feilen. Im Februar lief er schon unter 35 min über 10 km, 1:16 h über Halbmarathon und last but not least Anfang März 2:39:21 h beim Bienwaldmarathon in Kandel. Zu „Unterdistanzen“ gehört für einen 24 h-Läufer, so verrückt es sich anhört, auch ein 100 km-Lauf. Auch hier sind die 7:42 h aus 2012 verbesserungswürdig. Dazu soll die Deutsche Meisterschaft im Mai in Husum die Plattform bieten. Letzten Endes sieht er aber selbst die 100 km-Strecke nur als Mittel zum Zweck, um sein Leistungsvermögen über 24 Stunden auszubauen. 

2006 konnte er, zum damaligen Zeitpunkt völlig überraschend, als jüngster Läufer aller Zeiten, die Deutsche Meisterschaft im 24-Stunden-Lauf in Reichenbach/Vogtland gewinnen – mit damals 205,318 km, die heute noch den deutschen Juniorenrekord bedeuten. Mittelfristig liebäugelt Florian mit dem deutschen Rekord über 24 Stunden. Und der steht immerhin seit 1987 bei 276,209 km. Die noch fehlenden 14,491 km werden ein hartes Stück Arbeit, auch wenn das letztlich „nur“ 600 m pro Stunde sind. 

Das Geniale am (Leistungs)sport ist für den 30jährigen, dass man die wahre Leistung ganz transparent an Zeiten messen kann. Er hat immer noch die Illusion, dass sich der Sport durch seinen transparenten Zeiten zu den ganzen anderen gesellschaftlichen Bereichen, in denen oftmals nicht die "Besten die Besten sind", sondern diejenigen nach oben kommen, die am besten Blablabla machen können, abgrenzt.

 „Am 24-Stunden-Lauf fasziniert mich vor allem die Unberechenbarkeit des Wettkampfes. Man kann sehr gut vorbereitet sein und trotzdem durch Faktoren wie Kreislaufprobleme, Magenschwäche oder andere Probleme ausgebremst werden. Natürlich spielt in dieser Disziplin der mentale Aspekt eine sehr entscheidende Rolle, da die Wettkämpfe meist nur auf kleinen Runden von etwa zwei Kilometern Länge ausgetragen werden und solch ein Lauf auf Dauer sehr von Monotonie geprägt ist. Auf Grund der zeitlichen Dauer dieser Wettkämpfe ist auch die richtig gewählte Taktik ein entscheidender Faktor für den Erfolg.“ konstatiert er auf seiner Homepage. 

Um sich das Training auf den langen Strecken interessanter zu gestalten, greift „Flo“ auch mal zu ungewöhnlichen Methoden. So bastelte er sich seinen eigenen kleinen Spartathlon, indem er eine gut 70 km lange Strecke von einem griechischen Restaurant namens „Akropolis“ in Eschborn über den zum Sangas-Pass umfunktionierten Großen Feldberg zum Clubhaus des Schwimmvereins SSC Sparta Frankfurt. Dort fungierte seine Freundin Nicole als Leonidas-Statue, die ihn mit einem Weizenbier erwartete. 

Der bekennende Fußballfan lief und wanderte auch schon zwischen diversen Fußballstadien. In seiner Wahlheimat „Großraum Rhein-Main“ verband er so die Stadien in Offenbach (Bieberer Berg), Frankfurt (2x – Bornheimer Hang und Commerzbank Arena) und Mainz (2x – Stadion am Bruchweg und Coface Arena) im Rahmen eines Trainingslaufs. Auf die EM/WM in Polen 2012, wo er erstmals Europameister wurde, bereitete er sich mental durch eine Streckenbesichtigung im Sommerurlaub vor. 

Im Rahmen unserer Unterhaltung über sein Portrait fiel ihm eine Anekdote ein, die wir Euch im O-Ton weitergeben: „Im Herbst 2005 habe ich zur Weinlesezeit ein dreimonatiges Praktikum im Weingut des Stift Klosterneuburg (direkt bei Wien gemacht). Damals hatte ich die schwachsinnige Idee nachts vom Ernst-Happel-Stadion am Wiener Prater zum Stadion Pasienky in Bratislava zu wandern, um mir dort eine slovakische Zweitliga-Partie anzuschauen (müsste so Anfang Dezember gewesen sein). Als ich um 23:00 Uhr am Prater aus der U-Bahn-Haltestelle nach oben kam, traute ich meinen Augen nicht - es hatte in der Zwischenzeit stark geschneit und alles war weiß. Waren natürlich "super" Voraussetzungen, da ich ja nur ganz normale Straßenlaufschuhe anhatte. Es hatte dann auch tatsächlich fast die ganze Nacht geschneit, als ich auf dem Donau-Radweg in Richtung Osten maschiert bin. Richtig unangenehm wurde es dann am Vormittag, als etwa kurz vor der Staatsgrenze Tauwetter eingesetzte. In Bratislava musste ich dann noch eine gefühlte Ewigkeit nach dem Stadion suchen; damals hat man ja noch keine Karte mit GPS-gestützen Standortbestimmung im Handy gehabt. Letztendlich bin ich dann aber doch pünktlich zum Anpfiff angekommen. Allerdings habe ich es in den völlig durchnässten Schuhen in denen ich nun schon mehr als 15 Stunden unterwegs war, jetzt ohne Bewegung kaum mehr ausgehalten. So hab ich mich dann irgendwie bis zur Halbzeitpause durchgebibbert, um dann die Segel zu streichen und in Richtung Busbahnhof abzudampfen. Von dort aus ging es dann mit dem Bus zurück nach Wien.  Sowas würde ich heute niiiiiiiieeee mehr machen, ist aber im Nachhinein war das ein Erlebnis, welches ich nicht missen möchte.“ 

Florian hat auch unseren Ernährungsfragebogen für Spitzenläufer ausgefüllt – und sich als Fan von Pizza, Limonaden und Süßigkeiten geoutet. Wie wohl die allermeisten Spitzensportler ist er auch in diesem Bereich sehr diszipliniert, gönnt sich aber vor allem in Phasen nach wichtigen Wettkämpfen auch gerne mal was „Ungesundes“. Nach einer langen Trainingseinheit entspannt er eh gerne bei Kaffee und Kuchen. Am heimischen Herd ist er aber eher der „Mann für die Frohnarbeiten“. 

Natürlich kann man auch als Leistungssportler in der Randsportart Ultramarathon nicht annähernd vom Laufen leben. Florian ist es zumindest inzwischen gelungen, mit Newline einen Ausstatter, mit Vitargo einen Partner für seine Wettkampfernährung und mit dem Bike-Tempel und Lauffieber Sponsoren, Freunde und Helfer im Bereich Ausstattung und Leistungsdiagnostik zu finden.

 

 


Kossmann Laufdesign