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von Wartburg, Geronimo

[eingestellt am 21. August 2014]

By: Volker Goineau

Fotos: privat

Der Vollblutläufer aus Göttingen

Der 26jährige Langstreckenläufer Geronimo von Wartburg hätte es fast zur EM-Teilnahme diesen Monat in Zürich gebracht - als Marathonläufer für die Schweiz. Letztendlich muss er sich als Ersatzläufer doch mit Zuschauerrolle zufrieden geben. Bis er dieses Niveau erreichen konnte, hatte er jedoch einen langen Weg hinter sich.

Geronimo wurde im April 1988 im südniedersächsischen Göttingen als Sohn einer Schweizerin und eines Deutschen geboren. Sein Vater war schon seit jeher als Läufer bei der LG Kreis Verden unweit von Bremen aktiv, und so kam es, dass auch der kleine Geronimo früh in diesen Verein kam, wobei er im Alter von 5 bis 12 Jahren vor allem noch in einem Göttinger Verein dem Ball hinterherjagte. Doch dann landete er bei der Leichtathletik und speziell beim Laufen. Sein Vater nahm ihn früh zu Laufveranstaltungen mit, wodurch er Spaß an der Sache fand und in der Jugend dann ernsthaftes Mittel- und Langstreckentraining betrieb. Bereits als B-Jugendlicher konnte er mit starken Zeiten aufhorchen lassen. So lief er im ersten B-Jugendjahr 4:07/8:47/15:29(!)min über 1500/3000/5000m. Im zweiten B-Jugendjahr steigerte er sich dann auf hervorragende 15:03min. Mit diesen Leistungen rangierte er in der deutschen Bestenliste seiner Altersklasse unter den besten fünf. Dabei trainierte er damals noch sehr geringe Umfänge; sein Ausdauer-Talent blitzte hier also schon sehr deutlich auf. Im ersten A-Jugendjahr (2006) wurde er dann Norddeutscher Jugendmeister im 10km-Straßenlauf mit einer Zeit von 31:56min und DM-Fünfter über 5000m in 15:05,11min.

Nachdem er im letzten Jugendjahr keinen nennenswerten Fortschritt verzeichnen konnte, lief er im Frühjahr 2008 wenige Tage vor seinem 20. Geburtstag sein Halbmarathondebüt bei der DM im württembergischen Calw, wo er auf Anhieb in 68:40min den Junioren-Titel holen konnte. Dieser Erfolg dürfte ein Fingerzeig für Geronimo Richtung Straßen-Langstrecken gewesen sein, mit der längerfristigen Perspektive Marathon.

Nach dem Abitur und einem freiwilligen sozialen Jahr begann er im Herbst 2008 mit dem Studium der Sportwissenschaften an der Uni Leipzig. So hatte er nun seinen Lebensmittelpunkt hauptsächlich in Leipzig, pendelte jedoch häufig nach Göttingen, wo er von seinem Vater gecoacht wurde. Er lief weiterhin für die LG Kreis Verden, den Verein, dem er bis heute treu geblieben ist. Im Jahr 2009 musste Geronimo zunächst einen Rückschlag hinnehmen. Durch ein Sturz auf dem Eis zog er sich eine Fußgelenksfraktur zu; mit langfristigen Folgen, wie sich später herausstellen sollte. Dennoch kamen 2009 weitere Erfolge hinzu. Nachdem er sich im August im Engadin in und bei St. Moritz mit fleissigem Training wieder fit gemacht hatte, stellte er bei der 10km-DM im September in Otterndorf eine neue Bestzeit auf: 30:57min. Mit dieser Zeit verbesserte er seine alte Bestmarke um fast eine Minute und konnte die 31min-Marke knacken, was so in etwa den „Aufstieg“ in die erweiterte deutsche Spitze bedeuten dürfte. Damit belegte er in dem schnellen Rennen den fünften Rang in der Juniorenkonkurrenz. Ein weiteres Highlight des Jahres 2009 folgte im Spätherbst mit dem Sieg bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft im Crosslauf in Hilders bei Fulda. 

Blick über den Tellerrand 

Als aktiver Läufer und Student der Sportwissenschaften beschäftigte Geronimo im Laufe der Jahre immer mehr mit dem Lauftraining, sodass er sein Training zunehmend selbst mitgestaltete, wenn auch sein Vater noch als sein Trainer fungierte. Da sein Großvater mütterlicherseits eine Wohnung in Zuoz nahe St. Moritz besitzt, konnte er regelmäßig Höhentrainingslager im Engadin absolvieren. So trainierte er im Sommer häufig in St. Moritz mit vielen Top-Läufern zusammen, unter anderem auch manchen Kenianern. Durch seine offene und kommunikative Art fand er schnell diverse Trainingspartner, von denen er sich auch gerne einiges abschaute. Generell schaut Geronimo gerne über den Tellerrand hinaus und interessiert sich so auch für die Trainings- und Lebensweise der Topathleten aus der ganzen Welt. Außerdem beschäftigt er sich auch mit anderen Bereichen wie beispielsweise der Ernährung. So hat er hier sehr gute Kenntnisse und kann zudem sehr gut kochen. Ein weiteres Plus ist seine Fähigkeit, sich sehr gut seinen Tagesablauf zu organisieren. So meisterte er souverän die Doppelbelastung aus Studium und Leistungssport; schließlich hatte er immer das Bestreben, sportlich voranzukommen. Zuweilen zog er jedoch auch sein Trainingsprogramm mit einer Spur zu viel Verbissenheit durch, ohne dass es zu den erhofften Wettkampferfolgen kam. Die Jahre 2010 und 2011 waren von Höhen und Tiefen geprägt. So konnte er im September 2010 in 31:09min auf einer nicht ganz flachen Strecke den vierten Rang in der Juniorenkonkurrenz bei der 10km-Straßen-DM belegen, hatte in der Folge jedoch mit Verletzungen zu kämpfen. Das darauffolgende Jahr verlief auch nicht wirklich nach Wunsch. So konnte er mit 14:52,46min endlich die 5000m unter 15min laufen, die angestrebten Verbesserungen über 10km und im Halbmarathon blieben jedoch aus. So wurde Geronimo in der Laufszene von dem einen oder anderen Läufer und Trainer zuweilen auch schon als „Trainingsweltmeister“ bezeichnet.

Trainingslager in Kenia und der Weg zum Marathon

Doch dann kam das Frühjahr 2012. Von Mitte Januar bis Anfang März absolvierte Geronimo ein siebenwöchiges Trainingslager in Kenia. Er wollte weitere Erfahrungen in der Höhe sammeln, nun im „Land der Läufer“. Er schrieb übrigens seine Bachelorarbeit zu dem Thema Höhentraining und konnte hierfür eigene Eindrücke sammeln. In Iten, dem „home of champions“ trainierte er mit vielen Einheimischen, aber auch mit Topläufern aus Deutschland und vielen anderen Ländern wie bspw. den USA und England. So sammelte er unvergessliche Eindrücke und absolvierte ein hartes Trainingsprogramm mit vielen anspruchsvollen Dauerläufen in profiliertem Gelände auf über 2000m Höhe. Vier Wochen nach seiner Rückkehr nach Deutschland lief er beim Berliner Halbmarathon überraschend starke 66:36min, womit er sein angekündigtes Zeitziel um 54sek  unterbot und am Ende des Jahres auf Platz 10 der Deutschen Bestenliste stand. Bei diesem Rennen kam er als zweitschnellster Deutscher auf Gesamtrang 18 ins Ziel. 

Im Herbst sollte das nächste Highlight folgen. Ursprünglich verkündete Geronimo, er wolle seine 10km-PB verbessern, noch einen guten Halbmarathon laufen und im Oktober seinen ersten Marathon „aus Spaß“ mit angezogener Handbremse in 2:27h laufen. Doch es kam anders. Über 10km erzielte er im Jahr 2012 Zeiten von 31:14 und 31:17min, doch die 30er Zeit blieb aus. Den Karlsruhe-Halbmarathon im September lief er in sehr ordentlichen 67:37min, bevor er am 3. Oktober-Sonntag in Amsterdam an der Startlinie zu seinem ersten Abenteuer auf dem „langen Kanten“ stand. Es herrschte relativ starker Wind und so war es ratsam, möglichst in einer Gruppe mitzulaufen. Das tat Geronimo auch. Doch diese war nicht auf 2:27h-Kurs unterwegs, sondern auf 2:22h-Kurs… und in der zweiten Rennhälfte wurde das Tempo sogar noch ein bisschen schneller. Geronimo hielt weiterhin mit und erreichte nach 2:21:50h das Ziel (Nettozeit 2:21:47h). Ein grandioses Debüt, mit welchem er auch im Marathon Rang 10 der deutschen Jahresbestenliste belegen sollte. 

Das Jahr 2012 zeigte deutlich, dass er vom Stoffwechsel her ein Halbmarathon-/Marathontyp ist. Auch im Training läuft er gerne längere Dauerläufe auf hohem Niveau, oftmals mit ordentlicher Endbeschleunigung. Die schnelleren Tempoläufe (z.B. 1000er) absolvierte er meist jedoch auf nicht ganz so hohem Niveau, sodass er sich schwer tut, seine 10km-Leistung zu verbessern. So lief er im Jahr 2013 Zeiten von 30:58 und 31:01min, womit er jeweils knapp über seiner nun vier Jahre alten PB blieb. Im Sommer lief er mit 14:43,99min eine PB über 5000m, bevor im Herbst seinen zweiten Marathon bei den Deutschen Meisterschaften in München in 2:21:11h finishte (netto 2:21:09h), womit er den vierten Platz belegte. Hier zeigte er auch große mentale Stärke; schließlich war er im Vorfeld einen Halbmarathon nur in knapp unter 70min gelaufen, was deutlich langsamer als die anvisierte Zeit war. Davon ließ er sich jedoch nicht beeindrucken, sondern legte einen beherzten Marathon auf den Asphalt der bayerischen Landeshauptstadt, wobei er erneut die zweite Hälfte schneller als die erste lief. 

Zukünftig ein Start im Schweizer Nationalteam? 

Da Geronimo neben der deutschen auch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, liebäugelte er mit einem Start für die Schweiz im Marathon bei der Heim-EM im August 2014 in Zürich. Für ihn wäre es tatsächlich ein Heimspiel; schließlich wohnt seine Mutter seit geraumer Zeit in Winterthur nahe Zürich, sodass er die schweizerische Großstadt sehr gut kennt. Nach seiner Zeit vom München-Marathon lag Geronimo allerdings auf Rang sieben der Schweizer Bestenliste, so musste eine Steigerung im Frühjahr erfolgen. Doch beim Zürich-Marathon am 6. April wollte er etwas zu viel, ging die erste Hälfte in 68:22min(!) an und musste auf der zweiten Streckenhälfte etwas Federn lassen. Er kam nach immer noch sehr ordentlichen 2:21:16h ins Ziel und wurde damit Schweizer Vize-Meister. Doch die erhoffte Steigerung blieb damit aus und er muss sich letztendlich doch mit der Rolle des Ersatzmanns im Schweizer Marathon-Team zufrieden geben. Dies erfuhr er endgültig erst zwei Wochen vor dem EM-Marathon. Da muskuläre Probleme im Hüft- Bereich Geronimo schon seit langem im täglichen Training begleiteten, ließ er sich jetzt genauer untersuchen. Es zeigte sich, dass die Fußgelenksfraktur aus dem Jahre 2009 nicht gut ausgeheilt wurde und sich eine gravierende Fehlstellung im rechten Fuß installiert hat. Von Grund auf will Geronimo dieses Problem nun beseitigen und langsam wieder neu aufbauen, um künftig wieder schmerzfrei und schnell unterwegs sein zu können. 

Aber nicht nur sportlich ist für den Herbst ein Neuanfang geplant. Geronimo wird im Herbst mit seiner Freundin Coline Ricard in die Schweiz umziehen. Die 27jährige Französin von der LG Göttingen hat mit 35:19min (10km) und 1:18:05h (Halbmarathon) ebenfalls sehr ordentliche Straßenlauf-Bestzeiten aufzuweisen und möchte sich in naher Zukunft auch im Marathon versuchen. Wir können also gespannt sein, welche Leistungen diese beiden leidenschaftlichen Läufer in den nächsten Jahren auf den Asphalt bringen werden und ob Geronimo bei einem der nächsten internationalen Großereignisse eventuell doch das Schweizer Nationaltrikot überziehen darf, spätestens bei der EM 2018 in Berlin, was für ihn in gewisser Weise natürlich auch ein „Heimspiel“ bedeuten würde. 

PB: 

5000m 14:43,99min

10km   30:57min 

HM      66:36min 

Marathon 2:21:09h 

Geb. am 17.4.1988 in Göttingen 

Nat.: GER/SUI 

Verein: LG Kreis Verden 

Größe/Gewicht: 1,76m/56kg 

Trainer: trainiert sich selbst (früher gecoacht von seinem Vater Rüdiger Ullrich) 

Lieblings-Trainingseinheit: 25km-Crescendolauf

 

 

 

 


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