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5. Spreelauf

[eingestellt am 31. August 2014]

By: Gabi Gründling

Fotos: Gabi & Peter Gründling

Immer an der Spree lang

 

Spreewald/Lausitz 24.-29. August 2014 - Die Spree ist ein knapp 400 km langer Nebenfluß der Havel, die durch die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Sachsen fließt. Zum fünften Mal folgte ein Mehrtageslauf über sechs Etappen dem Lauf der Spree. Im Jahr 2000 lief man von der Quelle zur Mündung, in den Jahren 2001, 2002 und 2004 von der Mündung zu einer der drei verbrieften Spreequellen. Nach zehn Jahren Pause ließ sich Veranstalter Ingo dazu überreden, noch einen Spreelauf zu initiieren. Nach 15 von ihm organisierten Mehrtagesläufen (z.B. drei Transeuropaläufe) mit rund 28.000 km Strecke soll der fünfte Spreelauf der letzte von ihm organisierte Lauf sein. Aber weder seine Frau Inge noch langjährige Freunde und Bekannte können das so richtig glauben. Denn der 66jährige ist seit einiger Zeit im Ruhestand und hat jetzt theoretisch mehr Zeit als im aktiven Arbeitsleben. 

Auch in diesem Jahr führte die Strecke von Berlin-Spandau, wo die Spree in die Havel mündet, zur auf 478 m üNN gelegenen Quelle am Westhang des Kottmar nahe der deutsch-tschechischen Grenze. 

Am Morgen des 24. August schickte der Spandauer Bezirksstadtrat Gerhard Hanke 48 LäuferInnen aus sieben Nationen auf die Strecke. Am ersten Tag hatten die Sportler mit 51 km die zweitkürzeste Etappe vor sich. Gleichzeitig war es ein Sightseeinglauf, denn die Spree führt durch die Innenstadt der Bundeshauptstadt. Am Brandenburger Tor gab es so manchen Fotoshop, die beiden japanischen Läufer konnten sich und ihre Kameras gar nicht wieder lösen. Erst kurz vor dem Ziel in Neu-Zittau verließen sie das Berliner Stadtgebiet. Auf Schusters Rappen ging es in den folgenden Tagen weiter durch den Spreewald und die Lausitz. Beeskow, Lübbenau, Spremberg, Bautzen und am Ende Eibau-Walddorf hießen die weiteren Tagesziele. Die längste Etappe erwartete die Läufer am dritten Tag, an dem sie 80 km zu bewältigen hatten. Mit 74 und 72 km waren auch die beiden kommenden Tagesetappen nicht viel kürzer. Zum Abschluß kamen dann am Freitag noch 47 km hinzu, auf denen allerdings auch noch die meisten Höhenmeter zu bewältigen waren. 

So ein Etappenlauf ist ein eigener kleiner Mikrokosmos. Man lebt in einer anderen Welt. Nachrichten von „draußen“ werden nicht wirklich wahrgenommen, so sie überhaupt die Läuferschar erreichen. Zeitung, Radio, Fernsehen – alles Fehlanzeige. Nicht, weil es nicht vorhanden wäre, sondern weil es einfach niemanden interessiert. Das Leben dreht sich nur um laufen, essen, regenerieren und schlafen. Übernachtet wird bei „Ingo Reisen“ in der Regel in Turnhallen, also auf Matten und in Schlafsäcken. Beim Spreelauf warteten auf den letzten beiden Etappen Betten auf Läufer und Helfer: in Bautzen in der Jugendherberge und im Ziel am Kottmar im Skiheim nahe der Spreequelle. 

An den Etappenorten beginnt die „Belagerung“ in der Regel morgens gegen 10 Uhr. Dann kommt der LKW mit dem Gepäck der Läufer und so nach und nach trudeln zuerst die Helfer und persönlichen Betreuer, dann die Läufer ein. Die Turnhallen füllen sich, die Zäune im Außenbereich werden zu Wäscheleinen. Um 21 Uhr geht in der Halle das Licht aus, denn am kommenden Morgen gegen 4.30 h geht es wieder an. Um 5 Uhr gibt es Frühstück, um 6 Uhr werden die langsameren Läufer auf die Strecke geschickt, eine Stunde später die schnellen Hirsche. Spätestens um 7.30 h ist der Spuk vorbei, die Karawane ist weitergezogen und nichts, außer vielleicht ein paar im Mülleimer entsorgter Laufschuhe, weist darauf hin, was hier in den vergangenen 24 Stunden los war. Die wenigsten der Läufer haben Lust oder Muße, sich die Ortschaften, in denen sie übernachten, auch anzusehen. Der Eine oder Andere sucht und findet den Weg in den nächsten Supermarkt, aber für Sightseeing fehlt in der Regel die Energie. 

Dafür bekommt man ja unterwegs genug zu sehen. Knapp 400 km in 6 Tagen auf Schusters Rappen – das kostet Zeit, bringt aber natürlich auch mit sich, daß man den Blick in die Landschaft schweifen läßt. 

Ende August hätte es leicht passieren können, daß die Sportler eine Hitzeschlacht schlagen müssen. Daß der deutsche Sommer 2014 ein Herbst ist, kam den Läufern eher zugute. Trotzdem war nicht mal ein ganzer Lauftag verregnet. Neben einigen Schauern am ersten Tag öffnete der Himmel nur am Vormittag des dritten Tages seine Schleusen. Und kaum hatte es am frühen Nachmittag aufgehört, kamen die Stechmücken aus ihren Regenbehausungen und saugten, wo immer sie saugen konnten. Nach der Siegerehrung regnete es dann abschließend auch nochmal, aber das störte eh niemanden mehr, denn alle strömten ins Skiheim, um eine letzte gemeinsame Schlacht zu schlagen, nämlich die am kalten Buffet. 

Die Einstellung der Teilnehmer zum Spreelauf war vielfältig. Für die Einen war es ein mehr oder weniger harter Wettkampf, für die anderen einfach „Urlaub auf zwei Beinen“. Es waren viele erfahrene Etappenläufer am Start, aber auch viele Neulinge. Ein 6-Etappen-Lauf ist eine gute Gelegenheit, das Mehrtageslaufen mal auszuprobieren, denn der Zeitraum ist überschaubar. 

Auch für die 47jährige Annette Bruns, in ihrem „ersten Sportlerleben“ erfolgreiche Hockeyspielerin, war der Spreelauf der erste Lauf über eine so lange Distanz und an sechs Tagen hintereinander. Sie hatte sich im Laufe des Jahres mit fünf Marathons und acht Läufen über die 42 km-Distanz hinaus akribisch auf ihren Saisonhöhepunkt vorbereitet. Unter anderem war sie Ende März 132 km an drei aufeinanderfolgenden Tagen unterwegs. An der Spree hielt sie sich mehr als wacker. Am ersten Tag fiel es ihr noch schwer, deutlich langsamer als in ihrem normalen Wettkampftempo unterwegs zu sein, was sich aber mit zunehmender Müdigkeit von selbst erledigte. Am fünften Tag war sie dann morgens der Meinung „jetzt könnte es aber auch schon zuende sein“. Auch sie wurde am Ende, allerdings glücklicherweise erst auf der letzten Etappe, von der „Läuferseuche“ Shin splint heimgesucht, einer schmerzhaften Entzündung der Schienbeinkante. 

Dieser Entzündung mußten sich in den Tagen zuvor schon einige Mitläufer beugen und aus dem Rennen ausscheiden. Von längeren Mehrtagesläufen weiß man, daß man sich eine solche Entzündung auch wieder rauslaufen kann. Allerdings funktioniert das nur bedingt bei den eh langsameren Läufern, weil man dafür gehörig Tempo rausnehmen muß – und so schon mal leicht das Zeitlimit von 6 km/h überschreitet. 

Von 48 Gestarteten erreichten 39 das Skiheim am Kottmar. Barb Owen kam aus Kanada, um sich der Spree zu stellen. Nach ihrem vorzeitigen Ausscheiden beim Transeuropalauf 2012 hatte sie noch eine Rechnung offen mit „Ingo Reisen“. Ihr Freund Mike Mankwald eroberte die Spree auf dem Rad. Er war zuvor schon beim Ironmanwettbewerb in Schweden. 

Aus Japan waren Koshita Makato und Tetsuo Saito an Bord. Der 65jährige Saito war schon fünf Mal beim Spartathlon, der Spreelauf war sein erster Etappenlauf in Europa. Makato spricht ziemlich gut Englisch, er war 2011 schon beim Etappenlauf quer durch Amerika (von Los Angeles nach New York) und 2012 bei Ingo Schulzes Transeuropalauf von Dänemark nach Gibraltar. 

Die älteste Teilnehmerin war Sigrid Eichner aus Berlin. Die 73jährige ist die Frau mit den meisten Marathons & mehr weltweit. 

Der älteste Teilnehmer, Konrad Sieben und mit Startnummer 8 unterwegs, nötigte vielen Läufern und Betreuern einen Riesenrespekt ab. Der 70jährige beendete den Lauf auf Platz 18 gesamt und als 15ter Mann. Weitere Laufpläne hat er erstmal keine, weil er nicht wirklich wußte, wie er den Spreelauf überstehen würde. Am Tag nach dem Lauf war er schon wieder locker unterwegs und kletterte sogar auf den Sprungturm der neben dem Skiheim liegenden Skischanze. Seine 100 km-Bestzeit von 9:38 h lief er vor 10 Jahren, also auch schon im zarten Alter von 60 Jahren.

Wie eng Freud und Leid, Top oder Flop zusammen liegen können, mußte Dirk Vinzelberg erfahren. Der 51jährige aus Haldensleben reiste als Favorit an, hatte zum Beispiel 2013 den Barbarossalauf über 350 km an sieben Tagen gewonnen. Der Spreelauf sollte sein vorerst letzter Wettkampf auf langen Strecken werden. Ihn plagt eine Hüftathrose. Die war aber letztlich gar nicht sein Problem, als er auf den beiden letzten Etappen gehörig Federn lassen mußte. Ihm versagte der Magen den Dienst, er bekam abends kaum bis keinen Bissen herunter und dadurch fehlte ihm dann tagsüber die Kraft. Die letzten 47 km von Bautzen zur Spreequelle absolvierte er gehen, brauchte mit 9:08:51 h eine gute Stunde länger als Sigrid Eichner und wurde von der gesammelten Mannschaft mit la Ola im Ziel empfangen. Von Gesamtplatz 3 rutschte er dadurch noch auf Platz 7 ab. 

Platz 3 ging an mit 38:44 h Thorsten Gratzel aus Ingolstadt. Er und seine Freundin Katja Blättler, die als jüngste Teilnehmerin mit gerade mal 25 Jahren nach 42:20 h als klare Siegerin zurück nach Hause in die Schweiz fuhr, haben sich vor fünf Jahren beim Swiss Jura Marathon, einem 7-Etappen-Lauf von Genf nach Basel kennengelernt. Den haben sie auch dieses Jahr Anfang Juli wieder gemeistert und Katja hat auch dort die Frauenkonkurrenz gewonnen. 2015 wollen die beiden wieder als Mixed-Team beim Transalpine-Run an den Start gehen. Dort waren sie auch 2011 und 2012 schon gemeinsam unterwegs. 

Platz 2 in der Frauenwertung erlief sich Sigrid Hoffmann. Die Westerwälderin, Tochter des „schnellen Oldies“ Norbert Hoffmann, lief die gesamte Strecke zusammen mit ihrem Lebensgefährten Roland Riedel. Die beiden führen eine Fernbeziehung Hamburg-Westerwald und wollten den gemeinsamen „Erholungsurlaub“ auch gemeinsam verbringen. Nach 44:19 h reiner Laufzeit kamen sie mit der grün-gelben Flagge der LG Westerwald ins Ziel. 

Jannet Lange kam aus den Niederlanden an die Spree. 45:36 h Laufzeit brachten ihr den dritten Platz ein. Auch Jannet hatte beim Baltic Run 2012 und Barbarossalauf 2013 schon eine Menge Etappenlauferfahrung. Sieht man sich ihre Ultramarathonstatistik an, erkennt man die Allrounderin. 6-, 12-, 24- und 48  h-Läufe auf kleinen Runden sind vor ihr genauso wenig sicher wie Distanzläufe auf unterschiedlichstem Geläuf und über unterschiedlichste Längen bis hin zum 246 km langen Spartathlon, den sie 2010 erfolgreich absolvierte. 

Zweiter bei den Männern wurde nach 35:49 h Stefan Daum, der in den ersten vier Tagen, wie schon im Vorjahr beim Barbarossalauf, ein Laufteam mit Dirk Vinzelberg bildete. In den erst sieben Jahren seiner Ultra-Lauf-Bahn hat er schon über 8.400 km bei 69 Veranstaltungen gesammelt. Und oft springt dabei auch ein Treppchenplatz heraus. In diesem Jahr gewann er schon die 6 h-Läufe in Nürnberg und Rotenburg, den 12 h-Lauf in Bad Dürkheim, wurde Dritter beim Baltic Run Nonstop über 230 km und jetzt eben Zweiter beim Spreelauf. 2010 hatte er beim Baltic-Run über damals noch 5 Etappen hatte er am letzten Tag Dirk Kiwus den sicher geglaubten dritten Platz streitig gemacht. 

Entsprechend war der Berliner Dirk Kiwus nun beim erneuten Aufeinandertreffen der beiden auf der Hut. Da er eh nicht gerne in einer Gruppe läuft, gab er jeden Morgen erstmal Gas und wurde dann von seinen Verfolgern nicht mehr gesehen. Fünf Start-Ziel-Siege gingen in dieser Spreewoche auf sein Konto. Nur am letzten Tag, als bis zum letzten Verpflegungspunkt eine siebenköpfige Gruppe zusammen war, die dann erst in Einzelteile zerfiel, machte er mit den Konkurrenten gemeinsame Sache. Das nutzte Armin Roucka, um Mitläufer auf den letzten Kilometern abzuhängen und sich einen Tagessieg zu sichern. Dirk Kiwus gewann letztlich in 34:09 h. 

Wie wenig reine Laufzeiten für die Daheimgebliebenen aussagen, zeigt sich am Beispiel von Henning Schmitz. Eigentlich war er angetreten, um seine Laufkollegin Regine Sander-Rummeln in ihrem zweiten Ultralaufjahr bei ihrem ersten Etappenlauf zu begleiten. Als Regine auf der fünften Etappe wegen Fußproblemen aus dem Wettkampf ausscheiden mußte, lief Henning sein eigenes Tempo – und gleich um einiges schneller als vorher im Tandem. Im Forum der DUV hieß es dazu „Henning Schmitz dreht auf“. Tatsächlich wurde er aber, wenn man sich die Kilometerschnitte anguckt, nur nicht mehr langsamer sondern lief auf den letzten beiden Etappen dasselbe Tempo wie mit Regine auf den ersten beiden. Sein Motto: „Distanz ist, was der Kopf daraus macht!" So läuft er auch schon mal 100 oder mehr Kilometer einfach so im Training. Das wenige, das er unterwegs an fester Nahrung zu sich nimmt, befindet sich dabei im Rucksack, Getränke gibt’s an jeder Tankstelle o.ä. 

Auch beim 5ten Spreelauf gab es einige Wiederholungstäter. So war der Niederländer Peter Spirk im Jahr 2000 beim Debut von der Quelle zur Mündung an Bord und lief jetzt bei der letzten Veranstaltung von der Mündung zur Quelle. 

Bei allen fünf Spreeläufen war, außer Ingo und Inge Schulze, nur einer dabei: Klaus-Dieter Hartmann, genannt Hardy. Der pensionierte Polizist, eine Original Berliner Schnauze, lief 2000, 2001, 2002 und 2004 noch selbst. Inzwischen streikt das Knie, er hat die Laufschuhe an den Nagel gehängt. Aber als einer von zwei Fahrern des Gepäck-LKWs konnte er doch wieder mit dabei sein. Dietrich Schiemann aus Vellmar war drei Mal als Läufer dabei, Helmut Schieke aus Herford zwei Mal. Beide gehörten, wie in letzter Zeit bei Ingo Schulzes sämtlichen Etappenläufen, zum Helferteam. Dieses war ungefähr 20 Köpfe stark – etwa auf jeden zweiten Läufer kam also ein Helfer. Unterwegs gab es alle 8-10 km einen Versorgungsposten, das Gepäck mußte transportiert, für die Verpflegungsstellen mußte eingekauft und die Zeit mußte genommen werden. Dazu kamen noch die „eingekauften“ Helfer vor Ort, wenn etwa die Arbeiterwohlfahrt oder ein Cateringservice das Abendessen und das Frühstück für die Läufer brachten. 

Daß Ultramarathon ein Nischensport ist, ist ja gemeinhin bekannt. Trotzdem war es negativ erstaunlich, wie wenig Interesse die Öffentlichkeit an so einer Veranstaltung hatte. Nur in Beeskow und in Eibau waren mit Bürgermeister bzw. stellvertretendem Bürgermeister Offizielle im Ziel, auch die Presse tat weitestgehend so, als ob der Lauf gar nicht stattfände. Und auch die Läufer entlang der Strecke glänzten mit Desinteresse. Unter der Woche kann man das ja noch einigermaßen verstehen – aber auch am Starttag, einem Sonntag, war in der großen Läuferstadt Berlin niemand am Start, im Ziel oder an und auf der Strecke, der sich für die Spreeläufer interessiert oder ihnen applaudiert hätte. 

Informationen zu allen fünf Spreeläufen unter www.spreelauf.com

 

 

 

 

 


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