Kanzlei.org - laufend gut beraten

Neunzehnhundertsechsundfünfzig

[eingestellt am 26. November 2014]

By: Harald Krauss

Ach wie romantisch war's doch früher, als wir noch Wandern sagten. Schon das Wort "Wandern" weckt Erinnerungen an die beschaulichen Jahre der Wirtschaftswunderzeit. Die Welt war noch klar aufgeteilt in Ost und West, gut und böse - wobei die jeweilige Zuordnung von der politischen Einstellung abhing. Heimatfilme ließen etliche Marias und Johannes' zueinander finden (sie trugen oftmals andere Namen, das Prinzip war stets dasselbe), die sich nicht selten bei einer Wanderung näher kamen. Auch der Durchschnittsmensch wanderte gerne. Wie Johannes. Oder Maria. Meistens Johannes und Maria, schließlich brauchten sie etwas Zeit für sich alleine.  

Man trug Kniebundhosen aus Cord, dazu ein rot-weiß kariertes Hemd. Im Rucksack aus Segeltuch, dem das Sackartige deutlich anzusehen war, fand sich eine zünftige Brotzeit, die zur Rast auf dem ebenfalls karierten Tischtuch (mangels Tisch zum Tuch degradiert) ausgebreitet wurde. 

Das war 1956. 

Über die folgenden Jahrzehnte änderte sich kaum etwas, eventuell wurde Baumwolle durch Kunstfasern ersetzt, und der Rucksack verlor seine Sackhaftigkeit. 

Heute gibt es diese Läuflinge. Sie rasten nicht, sie hasten, denn ihre Zeit ist kostbar, entsprechend selten halten sie zur Brotzeit inne. Nahrung nimmt man gerne während der Bewegung zu sich. Dieses Ansinnen steht im Widerspruch zur Sitte der Rast, schließt es doch aus, das man den Rucksack, absetzt. Also bleibt der Rucksack dort, wo er gemäß seiner Bezeichnung hingehört: auf dem Rücken. Da befindet sich also das Essen. Und leider ist es dem Menschen nicht gegeben, dort in gleicher Weise zu hantieren wie an der Vorderseite seines Leibes. 

Noch bedauerlicher ist, dass sich diese brandneue Verwendung von Rucksäcken bislang nur wenigen Rucksackbauern erschlossen hat. Sie leben wie eh und je das romantische Rasten am Wegesrand. 

Wie damals. 

Ich stelle mir ein typisches Büro beim Rucksacktischler vor: an der Wand hängt ein Kalender, blockiert im Jahre 1956 wie eine stehen gebliebene Uhr. Das Motiv zeigt - was schon? - eine typische Rastszene.

Bergkulisse. Maria und Johannes sitzen, einander anschmachtend, in cordsamtenen Kniebundhosen bei Schwarzbrot und Schinken auf einer grünen Wiese, während im Hintergrund ein Hirsch brünftig röhrt. Der Rucksack, achtlos beiseite gelegt, harrt seiner Wiederaufnahme auf Johannes' Rücken. 

Wundert sich irgendwer, wenn des Läuflings Bedürfnis nach griffbereiter Nahrung nur selten erfüllt wird? Immerhin, bisweilen ist eine widerwillig angebrachte Netztasche seitlich vorhanden. Um die dort untergebrachten Utensilien zu entnehmen, empfiehlt sich eine ausgerenkte Schulter und ein zweifach gebrochener Arm. Dann würde man zwar immer noch nicht sehen, was in der Tasche ist, käme aber wenigstens dran. 

Ich will weder böse Absicht, noch Ignoranz unterstellen. Vielmehr scheint mir diese gewisse Form von Laufrucksäcken Ausdruck eines ernsten Bildungsnotstandes. Es gebricht den Entwicklern an grundlegenden Kenntnissen menschlicher Anatomie.

Wo kommt man mit den Händen bequem hin? 

Zur Abhilfe bedarf es keines Hochschulstudiums, in unserem Fall - wir wollen lediglich lernen, wo ein Rucksack Taschen haben kann, an die man schmerzfrei herankommt, ohne ihn abzusetzen - genügt ein Kinderbuch. Grundschule. oder noch jünger. 

Noch simpler ist der Selbstversuch. Ich schlage jedem Sackschmied vor, an sich herumzufingern, dann zeigt sich ihm schnell was geht und was nicht. Mutige dürfen ihren Körper gerne auch unterhalb der Gürtellinie erfahren. Dabei entfernen sie sich zwar vom Rucksack, kommen sich dafür aber näher. Oder jemandem anderen, wenn es nicht der eigene Gürtel ist. Johannes trug damals übrigens Hosenträger. 

Als Ergebnis solcherlei Tuns stellte er dann wenig überraschend fest: ein gescheiter Laufrucksack hat auch vorne Taschen. So wie es Nathan oder Ultimate Direction schon seit einiger Zeit vormachen. Gerne auch am Hüftgurt, und da auch seitlich. Obacht, die Ellenbogen brauchen Platz um vorbeizuschwingen, und zwar auch dann, wenn die Taschen prall gefüllt sind. Derleit Gedanken sollten zwar selbstverständlich sein, aber die Erfahrung zeigt, dass man besser darauf hinweist. 

Ich möchte eine weitere Anregung geben: macht Taschen auf die Schultern, mit der Öffnung nach vorne. Ich habe vor einigen Jahren welche nachgerüstet, meine Handschuhe reisten prima im Obergeschoss. Einfach hinein- und herauszunehmen. Außerdem wäre dort noch Platz für Schlaufen, die eine kleine Lampe aufnehmen falls die Stirnlampe aus irgendeinem Grund keine Alternative ist. Oder wenn sie frische Batterien braucht. Ich fand diesen Ort jedenfalls super. 

Eine zusammengerollte Picknickdecke für die zünftige Gipfelrast findet dann umso mehr Platz im Hauptfach auf dem Rücken.

Sie passt gut zum rot-weiß-karierten Laufshirt.


Kossmann Laufdesign