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39. Tübinger Nikolauslauf

[eingestellt am 08. Dezember 2014]

By: Jochen Höschele

Die geballte Riege der Führungsradfahrer kurz vor dem Start

Das ist nicht der Nikolaus sondern Gesamtleiter Gerold Knisel, wenige Sekunden, ehe es so richtig zur Sache geht

Die Schnellsten stehen ganz vorne, die rotgekleideten Helfer geben in wenigen Augenblicken den Weg frei für die Meute

Arne Gabius, der Sieger des 39. Tübinger Nikolauslaufes, zieht noch die Armlinge nach oben, ehe der Startschuß fällt

In der ersten Runde ist das Feld am Bettelweg nach knapp vier Kilometern noch sehr dicht

Batman und Nikolaus in einem Rennen – wer von den beiden wohl der Schnellere war?

Die Verpflegung am tiefsten Punkt der Strecke bei Kilometer elf

Mit Schwung in die Kurve und zum zweiten Mal den Bettelweg hinauf zum Heuberger Tor geht’s für Ralf Eigl aus Hallbergmoos

So steil ist der Bettelweg – in Runde zwei gefühlt noch steiler als 12km zuvor

Zuschauerspalier am Heuberger Tor

Wolfgang Gauß hält nicht ganz Wort und läuft mit Startnummer 14 auf Rang 15 in 1:17:41 h

Graues und trübes Novemberwetter beim Nikolauslauf – die Stimmung und die Laufshirts waren dennoch (farben)prächtig

Begegnungsstück am Heuberger Tor

Kurz nach dem Bettelweganstieg sind manche doch etwas gezeichnet von den Strapazen

Die Kleinsten feuern am kräftigsten an

Svenja Bazlen wird Fünfte und ist sichtlich zufrieden

Maik Thomas (1145), Dierk Aßmann (1858) und Uschi Diesch (1633) auf den letzten Metern

Steffen Daikeler (1688) ist „Jamaikas allerletzte Reserve“, läuft aber noch nicht auf Reserve und stürmt dynamisch vor Birgit Dietrich (966) in Richtung Ziel

Ak-Spitzenläufer Werner Bauknecht ließ es dieses Mal ruhiger angehen und läuft dennoch locker weit unter zwei Stunden. Die Herren Szardien (937) und Knepel (1254) hinter ihm müssen sich dafür schon deutlich mehr anstrengen

Nur noch etwa 300 Meter…

Irene Weberruss und Ludwig Hartmann sind auch gleich da

Heike Knisel, die Frau des Orga-Chefs, gemeinsam mit Daniel Kaiser auf der Zielgeraden

Etwa zwei Kilometer noch für Stephanie Viehl (2045), Max Liegat (978) und Nicole Schönfelder (2450)

Andrea Förch (1859) sehr fröhlich, Sabine Caporale (2051) sehr konzentriert

Christiane Bär (3230) läuft, während Andreas Stoll (1742) ein Gehpäuschen macht

Ab hier geht es dann nur noch flach über einen asphaltierten Feldweg in Richtung Ziel

Eines etwas älteres der zahlreichen Nikolauslauf-Funktionsshirt in schwarzrot mit passender Mütze darf heute auch mal wieder an die frische Luft

Ingrid Hein wird Zweite der W65 in 2:11 h

Läufst Du noch oder gehst Du schon? Für viele war der letzte Hügel einer zuviel

Kerstin Klingel (2314) und Oliver Haag (2807)meistern den letzten Anstieg gemeinsam

Ob gehend oder laufend – hier müssen alle hoch!

Sehr gut gelaunt geht es auf die letzten beiden Kilometer für Diana Bernardi (2647) und Jürgen Herrmann

In der Gruppe fallen auch die Hügel etwas leichter

Endspurt für Läufer aus dem weißen, blauen und gelben Startblock, die sich spätestens auf der Zielgeraden bunt durchmischen

Kurz vor dem Zielbogen darf man ruhig mal etwas abheben!

Manuela Dannwolf und Herbert Paulus streben im Gleichschritt dem Ziel entgegen

Arnes Abschiedsgeschenk

Tübingen, den 7. Dezember 2014 - Arne Gabius kam, sah und siegte. Deutschlands schnellster Marathonläufer 2014 war auch beim Nikolauslauf, den sein eigener Verein, der Post-SV Tübingen, alljährlich durchführt, nicht zu bremsen. Nominell startet Arne für die „LAV Stadtwerke Tübingen“ noch bis Jahresende, um dann nach Hamburg zu „LT Haspa Marathon Hamburg“ zu wechseln. Die Organisation dieses „Rote-Zipfelmützen-Events“ liegt jedoch gänzlich in den Händen des Post-SV Tübingen um den Gesamtleiter Gerold Knisel. Dieser schart alljährlich mehrere Hundert Helfer um sich, die an den unterschiedlichsten Stellen eingesetzt werden – bei der Startnummernausgabe, in der Küche, an der Strecke oder im Ziel, Helfer werden in großer Zahl benötigt. Da ist es fast schon erstaunlich, dass es regelmäßig Athletinnen und Athleten im hellblauen Trikot der LAV auf das Podest schaffen. In der Vergangenheit waren dies beispielsweise der Streckenrekordhalter und Olympiasieger Dieter Baumann, Clemens Bleistein oder bei den Frauen Sabine Oesterle. 

Dass die Zeichen dieses Jahr auf „Abschied“ standen, lag einzig und alleine daran, dass mit Gabius der schnellste Tübinger Athlet nach einem Jahrzehnt Vereinszugehörigkeit nicht mehr in hellblau antreten wird. Finanzielle Gründe gaben den Ausschlag, Gabius hatte kein neues Angebot der LAV bekommen und sich so zwangsläufig nach einer neuen sportlichen Heimat umtun müssen. Diese fand er just in seiner Geburtsstadt Hamburg. 

Eine für ihn bewegende Zeit ging somit beim „hauseigenen“ Nikolauslauf zu Ende, an dem er in all den Jahren zuvor nicht teilgenommen hatte. „Ich sehe es so: Der Nikolauslauf ist eine Breitensportveranstaltung. Und wenn dann wir Spitzensportler antreteten und gewinnen und hinterher dann erklären, es habe sich ja „nur“ um einen Trainingslauf gehandelt, dann finde ich das allen anderen gegenüber herablassend. Das war der Grund, weshalb ich bisher nie gelaufen bin. Doch heute war es mir wichtig, und ich wurde auch von verschiedenen Seiten gefragt, ob ich nicht laufen wolle. Also habe ich mir gedacht, das ist eine Form, wie ich mich beim Verein, den Leuten und der Stadt hier für zehn tolle Jahre bedanken kann, indem ich wenigstens dieses eine Mal teilnehme“, so Arne Gabius nach dem Rennen. Den Streckenrekord aus dem Jahre 2005, gehalten von seinem Vereinskollegen Dieter Baumann, hatte er allerdings schon früh aus den Augen verloren: „Bereits nach drei oder vier Kilometern habe ich gemerkt, dass das heute nicht drinliegt. Die Beine waren nach über 160 Wochenkilometern einfach zu müde.“ In der Wochenbilanz inklusive Nikolauslauf kam Gabius sogar auf 190 Kilometer, weshalb er dann auch lächelnd anmerkte, sich den Streckenrekord aufsparen zu wollen. „Den laufe ich dann wenn ich vierzig bin, so alt war Dieter damals auch, als er ihn aufgestellt hat.“ 

In Trier beim Silvesterlauf wird er ein letztes Mal für Tübingen an den Start gehen, doch verbindet Arne Gabius so vieles mit der Universitätsstadt am Neckar, dass man davon ausgehen kann, ihn noch öfter als Aktiven beim Nikolauslauf sehen zu können. 

Es wäre eine große Überraschung gewesen, hätte jemand mit dem schnellen Mediziner Gabius mithalten können. Und doch gelang es dem Erfurter Marcus Schöfisch beinahe. Der Zweite des Vorjahres verlor nie den Sichtkontakt zu Gabius und zeigte sich dadurch noch zusätzlich motiviert: „Das war schon sehr cool, zu sehen, dass man so nahe an einem Weltklasseläufer dran ist!“. Gabius seinerseits wusste nach einem prüfenden Blick zurück bei Kilometer neun, dass „Schöfi rund 120 Meter hinter mir lief“. Also nicht ganz in Schlagweite. Marcus Schöfisch, In 1:09:27 h war er eine Minute schneller als im letzten Jahr und auch nur 43 Sekunden hinter Gabius (1:08:44 h). Die Platzierung indes blieb für Schöfisch dieselbe wie vor Jahresfrist. Ihn führte schon zum zweiten Mal die Freundschaft zu seinem ehemaligen Hindernislaufkollegen Filmon Ghirmai an den Neckar, und er deutete bereits an, dass er sich auch zum Jubiläum 2015 auf den Weg in die Hölderlinstadt machen wird: „Mir hat es Spaß gemacht, und ich möchte auch nächstes Jahr wieder dabeisein!“

Auf den dritten Treppchenplatz lief mit Boris Rein vom MSH Sports Team einer, der nicht unbedingt auf langen Strecken zuhause ist. Normalerweise tummelt sich Rein im Stadion, seine Disziplinen sind die 800 und 1500 Meter. Ein Mittelstreckler also? Tatsächlich – der groß gewachsene Kerl gestand, dass er „sowieso immer sonntags einen langen Dauerlauf“ macht. „Insofern hat das gut gepasst, und der Dauerlauf heute war auch ziemlich gelungen.“ Das kann man wirklich so stehen lassen, denn mit 1:11:31 h war Rein letztlich der Schnellste einer Vierergruppe, die die Zehn-Kilometer-Marke noch gemeinsam in etwa 33:41 min passiert hatten. Von seinen Mitläufern Benedikt Hoffmann (TSG Heilbronn; Vierter in 1:12:07 h), Vereinskollege Demian Werminghausen (Fünfter in 1:12:55 h) und Peter Keinath (SV Ohmenhausen; Sechster in 1:13:00 h) konnte er sich auf der zweiten Runde dann doch noch beträchtlich absetzen und souverän den dritten Platz erzielen. Mit Lorenz Baum und Simon Friedrich schafften es zwei weitere Tübinger Athleten unter die Top Ten, welche der M50-Sieger und Deutsche Marathonmeister (Ak M50), Matthias Koch, ebenfalls LAV Stadtwerke Tübingen, nur denkbar knapp verpasste. In 1:16:45 h kam er als Elfter ins Ziel und war sichtlich zufrieden. „Die letzten beiden Wochen hatte ich Urlaub, das habe ich gleich positiv gespürt im Rennen. Da bin ich einfach frischer und erholter.“ Zudem durfte sich Koch, wie schon einige Jahre vor ihm sein Vater Walter, über den Sieg in der „Relativ-Wertung“ freuen. Das ist eine Spezialität, die beim Nikolauslauf ausgewertet wird. Die Leistung in Tübingen wird ins Verhältnis zur Deutschen Jahresbestleistung in der jeweiligen Altersklasse gesetzt – Koch lag hier mit 99 Prozent unangefochten vorne. 

Anders als bei den Männern nahm das Frauenrennen einen völlig unerwarteten Ausgang: Niemand hatte vorher mit der Französin Anaïs Sabrie gerechnet. In 1:22:07 h kam sie dem Streckenrekord von Stephanie Beckmann (1:21:21 h aus dem Jahre 2002) sogar näher als Arne Gabius dem von Dieter Baumann. Woran es wohl gelegen hatte, dass Sabrie, die Cross- und Bergläuferin aus Lyon, die seit einem Jahr in Tübingen Medizin studiert, nicht zu den Favoritinnen gezählt wurde? Ganz einfach: Sie hatte ihre Startnummer erst über die Tauschbörse erhalten. Diese ist ein beliebtes und bewährtes Mittel, um am (eigentlich seit Wochen ausgebuchten) kultigen Traditionslauf doch noch teilnehmen zu können. Denn in den letzten Tagen vor dem Lauf bieten viele verhinderte, verletzte oder kranke Gemeldete ihre Startnummer zum Tausch an. Laufwillige sollten also auch sehr kurzfristig einen Blick ins Gästebuch des Nikolauslaufes riskieren, es lohnt sich – im Fall von Anaïs Sabrie gleich doppelt! Nicht nur, dass sie – ähnlich wie Arne Gabius – zu ihrer Premiere beim Nikolauslauf kam, nein, sie krönte diese auch gleich mit dem Gesamtsieg. Eine weitere Parallele zwischen den beiden Siegern fiel Gesamtleiter Gerold Knisel dann im Verlauf der Pressekonferenz auf, als er Arne Gabius fragte, ob er denn nicht einen Tipp für die junge Medizinstudentin Sabrie hätte, wie sich ambitionierter Leistungssport und Medizinstudium unter einen Hut bringen ließen. Dazu meinte Gabius dann, man müsse auch mal „Fünfe gerade sein lassen“ und lieber eine Vorlesung sausen lassen, als eine Meisterschaft oder ein wichtiges Rennen schlecht vorzubereiten. „Nach dem Studium fragt sowieso niemand mehr nach genau dieser Vorlesung“, so der Rat des Spitzenläufers Gabius an Sabrie.

Der 20jährigen, die dieses Jahr bei den Berglauf-Europameisterschaften und Berglauf-Weltmeisterschaften schon das Nationaltrikot Frankreichs tragen durfte, kam der wellige und anspruchsvolle Tübinger Kurs entgegen. „Ich wollte einfach Spaß haben und nach Gefühl laufen, das hat gut geklappt“, meinte sie hinterher. Dass sie weitgehend „unerkannt“ lief, lag auch daran, dass sie noch kein hellblaues LAV-Trikot besitzt, obwohl sie die nächste große Hoffnung in der gewiss nicht talentfreien Tübinger Truppe ist. Das wird sich ändern lassen, und dann muss sie sich auch nicht mehr dafür entschuldigen, quasi „inkognito“ gesiegt zu haben.

Hinter ihr gab es eine weitere (kleine) Überraschung, denn die erst 20jährige Hannah Arndt (LV Pliezhausen) schaffte bei ihrem Halbmarathon-Debüt in 1:25:07 h den Sprung auf Treppchenplatz zwei vor der Vorjahreszweiten, der Oberkollbacherin Nora Kusterer (1:25:26 h). Sowohl Arndt („Ich hatte eigentlich eine miserable Saison mit vielen Verletzungen und Erkrankungen“) als auch Kusterer zeigten sich sehr zufrieden mit ihrer Leistung am Rande des Schönbuchs. Kusterer, die letztes Jahr „mit dieser Zeit sogar gewonnen hätte“, befindet sich „erst seit Oktober wieder im Lauftraining, weil ich davor von einer Verletzung gehandicapt war.“ Angesichts dessen blickte man ringsum in glückliche Gesichter, und auch die Triathlonspezialistin Svenja Bazlen, die in 1:27:33 h beinahe noch auf der Zielgeraden vom Berglauf-Nachwuchstalent Katrin Köngeter (FC Unterkirnach) überspurtet wurde, war's zufrieden: „Bei der Konkurrenz Vierte zu werden, da kann man doch nicht meckern!“ Jetzt geht’s für die im Trikot der TSG Reutlingen laufende Bazlen, erst einmal über Neujahr ins Trainingslager nach Spanien, weshalb auch die heimischen Silvesterläufe nicht auf dem Programm stehen. Die Ergebnisliste weist zwar Köngeter als Vierte aus, ist aber nach Nettozeiten sortiert. Bei der Wertung der ersten acht Frauen und Männer zählt in Tübingen jedoch ausschließlich der Zieleinlauf - und da hatte Bazlen die Nase vorne.

Meckern, eine den Schwaben gerne nachgesagte Eigenschaft, wäre auch in diesem Jahr beim Nikolauslauf fehl am Platze gewesen. Die „schnellen Hirsche“ achten vor allen Dingen auf das Ergebnis, doch für das Gros der Rekordzahl von 2626 Finishern steht das Erlebnis im Vordergrund. Und das hat man in Tübingen ganz unbestritten. Ob im Nikolauskostüm oder in Laufklamotten, ob als lockerer Trainingslauf oder als ernsthafter Leistungstest – es ist für alle was dabei beim Nikolauslauf. Ganz zu schweigen vom hervorragenden Gesamtpaket, das neben einem Funktionsshirt, einer kostenfreien Anreise im Naldo-Verkehrsverbund auch noch das Duschen im Hallenbad und eine wohltuende Massage ermöglicht, beeindruckt immer wieder der nahezu reibungslose Ablauf, wenn sich beispielsweise die drei Startblöcke im Abstand von je drei Minuten in Bewegung setzen. 

Was andere Großveranstaltungen nicht ermöglichen, wie etwa den Tausch der Startnummer, gehört hier seit Jahren zum selbstverständlichen „Dienst am Läufer“. Auch die Wertsachenaufbewahrung und die gewohnt freundlichen Helferinnen und Helfer (in der Summe um die 280 beim Nikolauslauf und etwa gut 60 beim drei Wochen zuvor mit 700 Teilnehmern durchgeführten Probelauf) ist so ein Detail, die den Nikolauslauf in Tübingen zu  einer großen Familienveranstaltung machen. Oder zu einer familiären Großveranstaltung. Jedenfalls zu einer, bei der die Anzahl der „Wiederholungstäter“ groß ist. Nicht ohne Grund. Wenn nächstes Jahr, wie passend zum 40. Jubiläum, der Nikolauslauf in Tübingen just am 6. Dezember stattfinden wird, könnte die gerade aufgestellte Rekordmarke an erfolgreichen Zieleinläufen schon wieder Geschichte sein. Vielleicht lässt sich dann als Jubiläumsgast sogar die Sonne blicken. 

Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.nikolauslauf-tuebingen.de

 

 

 


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