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Meier, Karsten

[eingestellt am 10. Juli 2015]

By: Volker Goineau

Aus dem beschaulichen Gettorf in die deutsche Langstreckenspitze

Ende Mai lief Karsten Meier in Koblenz die 5000m als Zweitplatzierter in 14:06,06 min. Zu Jahresbeginn konnte er bereits mit mehreren starken Bestzeiten auf anderen Strecken überzeugen. Doch bis Karsten dieses Niveau erreichen konnte, hat er einen langen (Trainings-) Weg hinter sich.

Geboren wurde Karsten am 19. 12. 1991 in Kiel. Er ist der dritte von vier Söhnen, die seine Eltern zur Welt brachten. Auch seine drei Brüder mischen übrigens in der deutschen Leichtathletik-Szene mit, zwei auf den Laufstrecken (Frank und Gerwin) und einer im Hochsprung (Hendrik). Nachdem Karsten als kleines Kind auch ein Jahr in der Schweiz lebte, wuchs er in dem kleinen Ort Gettorf auf, der ca. 10km nördlich von Kiel im Kreis Rendsburg-Eckernförde liegt. Sein erster Leichtathletik-Verein war der Gettorfer TV, doch schon bald schloss er sich, wie seine übrigen Familienmitglieder, dem TSV Kronshagen an. Die SG TSV Kronshagen/Kieler TB ist seit Jahren der stärkste Leichtathletik-Verein (bzw. Startgemeinschaft) Schleswig-Holsteins und hat auch deutschlandweit einen Namen.

Schüler- und Jugendzeit beim TSV Kronshagen

Karsten wurde also sportlich in Kronshagen groß, kam bald in die Laufgruppe von Andreas Fuchs. In jungen Jahren machte er noch nicht so sehr von sich reden. Er fiel durch seine hagere Gestalt auf und hatte keinen wirklich „runden“ Laufstil. Er wies keine guten Sprintfähigkeiten auf und wurde, wie übrigens auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Gerwin, von einigen eher weniger ambitioniert trainierenden Läufern aus der Trainingsgruppe diesbezüglich sogar gerne etwas „gemobbt“.

So lief er im ersten B-Jugendjahr (2007) Zeiten von 9:35,11 min über 3000m und 36:44 min über die 10km auf der Straße. Im Jahr darauf waren es 4:23,55 min über 1500m, 9:13,55 min, womit er immerhin nur 3,35 Sekunden von der DM-Norm entfernt war, sowie 35:07 min über 10km. Kurioser Weise lief er letztere Zeit gleich zwei Mal, einmal im Frühjahr sowie einmal im Herbst. Er konnte in der B-Jugend in Schleswig-Holstein vorne mitlaufen und bei den Landesmeisterschaften mehrfach auf dem Podest landen, zu größeren Lorbeeren reichte es allerdings noch nicht.

Doch die kontinuierliche Entwicklung unter „Fuchsi“, mit leicht ansteigendem Umfang ohne Übertreibung, in Kombination mit einer guten Trainingsgruppe und einer disziplinierten Herangehensweise, sollte schon bald zu größeren Erfolgen führen. So qualifizierte er sich im Januar 2009 über 3000m für die Jugend-DM in der Halle, wo er mit einer Steigerung auf 8:55,61 min den achten Platz belegte. Im Frühjahr lief er bei einem sehr windigen Rennen 34:15 min über 10km; in der folgenden Freiluftsaison schaffte er es jedoch verletzungsbedingt nicht zur Jugend-DM. Somit machte Karsten erstmals die Erfahrung, dass das gestiegene Trainingspensum auch „auf die Knochen“ geht, was (fast) jeder Leistungssportler das eine oder andere Mal in seiner Laufbahn erlebt. Über 1500m lieferte er in dem Jahr eine Zeit von 4:13,34 min ab, womit er auch hier seine stetige Entwicklung fortführen konnte.

Deutliche Verbesserung der Grundschnelligkeit

Im letzten Jugendjahr machte Karsten dann große Fortschritte. Trainer Fuchsi arbeitete mit ihm ausgiebig an seinem Laufstil und an seiner Grundschnelligkeit. So absolvierte Karsten viele Sprints und kurze Tempoläufe. Im Juni 2010 startete er erstmals bei einem 800m-Rennen. Diese Distanz ist eigentlich viel zu kurz für Karsten, doch er lief auf Anhieb mit 1:59,32 min unter 2 Minuten. Des Weiteren erzielte er Zeiten von 4:04,5 min über 1500m und 8:51,6 min über 3000m. Sein Saison-Highlight war jedoch sein Start bei den Männer-Landesmeisterschaften von Hamburg/Schleswig-Holstein: bei seinem ersten 5000m-Rennen auf der Bahn errang er den Titel bei den Männern in überraschend starken 15:09,15 min, wobei er selbst sehr viel für das Tempo gesorgt hatte. Hiermit unterbot er deutlich die Jugend-DM-Norm. Bei der Deutschen Meisterschaft bestätigte er mit 15:12,04 min diese Leistung und landete auf einem guten 7. Platz. Zum Ende des Jahres scheiterte er nur knapp an der Qualifikation für die Crosslauf-Europameisterschaft.

Das Jahr 2011 brachte viele Veränderungen für Karsten mit sich. Die Jugendzeit war vorbei und es galt, sich in der Junioren- und Männerklasse zu etablieren. Außerdem stand das Abitur an, das er mit Bravour meistern sollte. Wie auch seine drei Brüder ist Karsten ein sehr intelligenter Junge, der in der Schule und später im Studium gute Leistungen brachte und bringt. Dies erfordert jedoch auch einen gewissen Einsatz, den Karsten neben dem täglichen Training an den Tag legt; er hat es im Laufe der Jahre gut verstanden, sich zu organisieren, sodass er Schule/Studium und Leistungssport gut unter einen Hut bringt. In der Bahnsaison 2011 erlebte er zunächst jedoch eine Enttäuschung: mit 15:01,49 min über 5000m, gelaufen in Regensburg, verpasste er um gerade einmal 1,49 Sekunden die Norm für die Deutschen Juniorenmeisterschaften. Mit Wut im Bauch lief er kurze Zeit später mit 8:31,31 min eine starke 3000m-Bestzeit. Außerdem konnte er mit 3:59,98 min über 1500m die 4-Minuten-Marke knacken. Im Herbst lief er die 10km in Berlin in 31:38 und zog von Gettorf nach Hannover, wo er an der Leibniz-Universität ein Studium der Biochemie aufnahm. Hier schloss er sich einer Trainingsgruppe der LG Braunschweig an und wurde fortan von Landestrainer Jörg Voigt gecoacht.

Neue Trainingsgruppe in Hannover

Und erfreulicher Weise Setzte sich seine Entwicklung nahtlos fort. Mit etwas anderem Training, das sowohl im Umfang als auch in der Intensität eine Steigerung mit sich brachte und auch vermehrt Krafttraining beinhaltete, erreichte er bald weitere Bestzeiten. So lief er im Jahr 2012 Zeiten von 8:25,41 min über 3000m, 14:46,38 min über 5000m sowie 31:11 min über 10km. Zu Beginn des Jahres hatte er übrigens die Ehre, die Nationalhymne zu hören, als er mit dem deutschen U23-Team bei einem Cross-Länderkampf in der Schweiz siegreich war. Und zum Ende des Jahres folgte sein bisher sicherlich größtes Highlight: er qualifizierte sich für die Crosslauf-Europameisterschaft in Ungarn (nahe Budapest), wo er bei winterlichen Bedingungen den 36. Platz im U23-Rennen belegte. Hiermit war er übrigens zweitstärkster DLV-Läufer hinter dem Berliner Fabian Clarkson. Im Verlaufe des Jahres 2012 hatte Karsten jedoch auch andere Erfolge zu verzeichnen: so errang er mit dem Team der LG Braunschweig die Bronze-Medaille bei der 10km-Straßenlauf-DM in Nagold und wurde Anfang Oktober Deutscher Juniorenmeister im Berglauf. Die Cross-EM bildete also den krönenden Abschluss eines erfolgreichen Jahres.

In Hannover findet Karsten sehr gute Trainingsbedingungen vor und hat nicht zuletzt mit Florian Pehrs einen Trainingspartner, der auf den Strecken von 1500 bis 5000m ein sehr ähnliches Niveau aufweist. So konnte er sich auch in seinem letzten U23-Jahr (2013) weiter verbessern. Nach seinem Halbmarathon-Debüt im Frühjahr bei der DM in Refrath, wo er in 69:00 min (netto 68:58 min) den 18. Gesamtplatz sowie die Silbermedaille in der Junioren-Konkurrenz erreichte, standen in der Bahnsaison wieder die 5000m im Fokus. Zunächst holte er sich Ende Mai in Darmstadt bei Dauerregen, Kälte und Wind den Titel des Deutschen Hochschulmeisters. Hierbei rannte er nach einem verhaltenen Anfangs-Kilometer (3:03 min) dem Feld auf und davon und verpasste in 14:47,70 min seine Bestzeit nur um etwas mehr als eine Sekunde. Kurze Zeit später lief er beim Meeting in Regensburg 14:21,60 min, womit er sich für die Männer-DM qualifizierte. Dort spielte er erwartungsgemäß noch keine so große Rolle; bei der U23-DM belegte er jedoch einen ordentlich 6. Rang über diese Distanz.

Anschluss an die Deutsche Männer-Spitze

Neben weiteren Erfolgen wie mehreren Titeln bei den Landesmeisterschaften Niedersachsens, Norddeutschen Meisterschaften, der Deutschen Hochschul-Crossmeisterschaft oder einer weiteren Team-Bronze-Medaille bei der 10km-Straßenlauf-DM 2014 in Düsseldorf entwickelte Karsten sich immer weiter und machte sich allmählich in der Deutschen Laufszene einen Namen. Er absolvierte bereits mehrere Trainingslager mit seiner Trainingsgruppe, unter anderem in der Höhe von Flagstaff, und schloss nebenbei sein Bachelor-Studium nach sechs Semestern ab, was seine Disziplin und gute Organisation unterstreicht. Nach einem ebenfalls recht erfolgreichen Jahr 2014, in dem er seine 5000m-Leistung bestätigen konnte und über 10km mit 30:57 min erstmals unter der 31-Minuten-Marke blieb, gelang ihm in der ersten Jahreshälfte 2015 der Durchbruch in die nationale Männerspitze. So lief er in der Halle überraschend schnelle 8:09,99 min über 3000m und wurde bei der Hallen-DM Achter.  Im März belegte er zunächst Platz neun im Mittelstrecken-Rennen der Cross-DM, bevor die nächste „Punktlandung“ folgte: bei der Niedersachsen-Meisterschaft im 10km-Straßenlauf rannte er die Traumzeit von 29:59 min, womit er mit über einer Minute Vorsprung gewann. Mitte April lief er in seiner Heimat Schleswig-Holstein die Halbmarathon-DM und erreichte auch hier einen ordentlichen achten Platz. Seine (Netto-) Zeit: 66:59 min. Also noch eine Punktlandung!

Das nächste Ausrufezeichen folgte am 2. Mai im thüringischen Ohrdruf: bei der 10.000m-DM belegte er in 29:42,31 min den fünften Platz, nachdem er in der zweiten Rennhälfte zeitweise die Führung übernommen hatte. Ende Mai lief Karsten beim Meeting in Koblenz die 5000m in als Zweitplatzierter in 14:06,06 und schlug dabei unter anderem den 10.000m-DM-Sieger Mitku Seboka. Er zeigte auch hier seine mittlerweile sehr gute Spurtfähigkeit, von der er in der B-Jugend noch sehr weit entfernt schien. Seine Grundschnelligkeit stellte er auch kurze Zeit später mit einer weiteren persönlichen Bestzeit unter Beweis: er rannte die 1500m in 3:49,89 min, nachdem er in der Halle über diese Strecke bereits den Norddeutschen Meistertitel hatte einfahren können. Sein „Traum“-Ziel von einer 5000m-Zeit unter 14 Minuten scheint nun in greifbarer Nähe und auch eine Einzelmedaille bei Deutschen Männer-Meisterschaften, bevorzugt über die zwölfeinhalb Stadionrunden, scheint in der Zukunft nicht unrealistisch für den sympathischen Norddeutschen, der trotz all seiner Erfolge immer bodenständig, also „der Junge von nebenan“ geblieben ist.

 

Karsten Meier, Steckbrief:

Geb. am 19. 12. 1991 in Kiel

Verein: LG Braunschweig

Größe/Gewicht: 1,86 m/65 kg

Trainer: Jörg Voigt

Lieblings-Trainingseinheit: 3*1000m

Lieblings-Laufveranstaltung: Cross-Landesmeisterschaften

 

Persönliche Bestzeiten (alle 2015!):

1500m 3:49,89 min

3000m 8:09,99 min (i)

5000m 14:06,06 min

10.000m 29:42,31 min

10km Straße 29:59 min

Halbmarathon 66:59 min


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