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Leben an der Seite eines Leistungssportlers - Nicole Euring

[eingestellt am 23. Juli 2015]

By: Gabi Gründling

"wenn ich müde bin, kann ich nicht mehr denken" - am Ende der 24 h-WM in Turin im April 2014 war sicher so ein Moment

Es ist sicher nicht immer einfach – das Leben an der Seite eines Leistungssportlers. Wir wollen mit dieser kleinen Reihe versuchen, Euch einen Einblick zu geben. Wir haben dazu je einen Läufer und eine Läuferin aus dem Amateurbereich und dem Profibereich ausgesucht, deren PartnerInnen sich zu einem Gespräch bereit erklärt haben. 

Den Anfang machen wir mit Nicole Euring. Die 27jährige ist die Lebensgefährtin von 24 h-Weltmeister Florian Reus (31). Die beiden haben sich 2007 in einer Disco kennengelernt, da stand Florian gerade vor seiner ersten Spartathlon-Teilnahme. Und Nicole war sprachlos, hatte sie doch keine Vorstellung von solchen Ausdauerleistungen. Er lief damals schon auf hohem Niveau, konnte seine Laufpläne aber wegen seines Heuschnupfens im Frühjahr und der Weinlese im Herbst (Florian war früher Weinküfer) nicht so richtig verfolgen. Nicole kommt aus der bayrischen Rhön, war damals in Würzburg auf der Dolmetscherschule. Nach einem Auslandsaufenthalt bekam sie einen Job im Raum Frankfurt – und fortan führten die beiden eine Wochenendbeziehung. Sehr schnell wurde Nicole klar, wie ungern Florian am Montag in die Arbeitswoche startete. Deshalb unterstützte sie ihn voll und ganz bei seiner Idee, den Wein Wein sein zu lassen und sich stattdessen voll auf den Sport zu konzentrieren. Durch seinen Meisterbrief hatte er die Allgemeine Hochschulreife, konnte in Darmstadt anfangen zu studieren und hat so auch Zeit und Muße, den Ultramarathon als Leistungssport zu betreiben.

Zum Studium und teilweise noch einem Job kommen bei Florian bis zu ca. 20 Stunden Sport pro Woche, den beiden bleibt zumindest ab und zu noch Zeit, es sich abends gemeinsam auf dem Sofa gemütlich zu machen oder auch mal am Wochenende Ausflüge zu planen, die nichts mit Florians Laufpassion zu tun.

Allerdings kann Nicole sich nicht mehr so wirklich erinnern, wann sie das letzte Mal Urlaub hatten, der nicht mit einem Wettkampf zusammen hing. „Ich glaube, das war 2011“ grübelt sie. Ihre Kollegen bekommen natürlich auch so einiges mit, wundern sich schon nicht mehr, wenn sie wieder „Laufurlaub“ einträgt. Nachdem Florian Weltmeister wurde, lief sie tagelang „wie ein Honigkuchenpferd“ durchs Büro. Weil sie im Frühjahr nur schlecht Urlaub nehmen kann, reiste sie zum Beispiel erst am Donnerstagnachmittag nach Turin – knapp 2 Tage vor dem Wettkampf.

Zum ersten Mal betreute sie Florian bei der Deutschen Meisterschaft im 24 h-Lauf 2008 in Berlin, inzwischen ist sie nicht nur zum Supportprofi geworden sondern auch noch „halbe Expertin in Sachen Ernährung und Training“, wie sie lachend berichtet. Wobei sie das Thema Ernährung schon früher auf der Agenda hatte, da sie als Kind neurodermitisgeplagt war. Das Anstrengendste am Support ist für sie übrigens die ganze Organisationsarbeit nach Laufende: Betreuungsstand aufräumen, mit Florian zur Dopingkontrolle gehen, ihn zur Siegerehrung begleiten (nach einem 24 h-Lauf am Limit braucht er oft tatkräftige Unterstützung) – und das alles nachdem sie ja genauso lange keinen Schlaf bekommen hat wie „ihr“ Schützling. In der Ultralaufszene fühlt sie sich inzwischen pudelwohl. Seit Florian in seine heutigen Dimensionen vorgestoßen ist, haben die beiden auch zunehmend internationale Kontakte. Nicoles Lieblingsveranstaltung ist der 24 h-Lauf in Taiwan, zu dem sie im November zum zweiten Mal reisen werden. „Weil dort alles so perfekt organisiert ist und mir vom Veranstalter sogar Helfershelfer zur Verfügung gestellt werden, die mich ein bißchen entlasten“ begründet sie ihre Wahl.

Auch wenn sie selbst sich als talentfrei bezeichnet, hat sie sich ein bißchen von Florian anstecken lassen. Aus der Nichtsportlerin ist eine Freizeitläuferin geworden, die hin und wieder an Frauen- und Firmenläufen teilnimmt. Weitere Ambitionen hat sie allerdings nicht. Ihre Motivation paßt sich sehr oft auch Florians Trainingszyklen an. „Wenn er nach einem großen Wettkampf in der Regenerationsphase ist, kann es passieren, daß mich meine Laufschuhe in der ganzen Zeit auch nicht sehen.“

Zeit für ihr eigenes Hobby hat Nicole dann aber doch auch noch – sie ist begeisterte Chorsängerin. Und wenn sie Auftritte hat, sieht Florian auch immer zu, daß er im Publikum sitzt.

Ob sie etwas vermisst gegenüber einem Leben ohne Leistungssport? „oh ja - ich würde gerne öfters mit Flo einen Ausflug machen, wandern, essen oder spazieren gehen, in den Urlaub fahren, ohne es mit einem Wettkampf zu verbinden. Einfach eine schöne Zeit ohne jeglichen Zeitdruck und Wettkampfanspannung verbringen ...“


Kossmann Laufdesign