Kanzlei.org - laufend gut beraten

Unewisse, Frederik

[eingestellt am 12. Oktober 2015]

By: Heike Klein

Frederik Unewisse in Aktion

... und mit Freundin Eli

Gerade hat er den Sieg der PSD-Cup-Serie souverän beim Hardtwald-Lauf in Karlsruhe eingefahren. Mit fast vier Minuten Vorsprung auf seinen Vereinskollegen Felix Wammetsberger.

Wenn Frederik Unewisse in seinem rotweißen Trikot der LG Region Karlsruhe bei Langstreckenläufen am Start steht, dann wissen die Konkurrenten, dass sie sich sputen müssen. Der 22-jährige Karlsruher Finanzbeamte kann eben mit Zahlen umgehen. Ein Blick auf die Läuferuhr und schon rattert der D-Zug los. Dabei muss er gar nicht immer auf Bestzeiten-Jagd gehen, um schließlich doch oben auf dem Treppchen zu stehen. Über zehn Kilometer Straßenlauf stehen 30:29 Minuten als Bestleistung. Gelaufen im Dezember in Rheinzabern zum Auftakt der Winterlaufserie 2014/2015. Abgeschlossen hat er die Serie als Gesamtsieger und neuer Gesamtstreckenrekordler in 2:20:13 Stunden. Über 15 Kilometer benötigte er 46:40 Minuten, auf 20 Kilometer waren es dann 1:03:14 Stunden. Dieser Lauf war eine einsame Sache für Unewisse, er gewann mit über zwei Minuten Vorsprung und war dennoch traurig. Sein Kontrahent um den Gesamtsieg, Abebe Biruk (MTG Mannheim) hatte wenige Tage zuvor Selbstmord begangen. Für Unewisse, der wie fast kein anderer Läufer auf Menschen zugeht, jedem ein Lächeln schenkt und immer bereit ist, sein Inneres nach Außen zu kehren, waren es sehr harte Tage. Auch als ein junger, 17-jähriger Läufer, den er aus gemeinsamen Läufen und Trainingslagern kannte, 2015 plötzlich nach einem medizinischen Eingriff starb, war Fredi sofort zur Stelle und organisierte eine Sammelaktion bei seinem Team. Fredi weiß, dass Laufen nicht alles ist, aber dass Laufen Leben bedeutet.

Leicht, schwerelos wirkt sein Laufstil. „Gedrosselt“ wird er dabei ganz bewusst von seinem Trainer Günther Scheefer. Er gibt seinem Läufer oft bei einem Volkslauf ein langsameres Tempo vor. Statt ans Limit zu gehen, also einen Trainingslauf mit ein „bisschen Speed“. Ganz klar, dass Fredi sich entspannen kann, wenn er also „nur“ 32:30 Minuten für einen Zehner benötigt. Er hört zwar auch auf „Frederik“, - doch wenn er vorbei saust, sind drei Silben im Namen  zu lang, um ihn richtig anzufeuern. Er ist einfach zu schnell.

Seine Titel lassen sich nicht mehr aufzählen. Wertvoll sind ihm aber zwei Deutsche Meisterschaften über zehn Kilometer mit der U-23-Mannschaft in 2014 und 2015. Aber auch zwei dritte Plätze bei der Halbmarathon DM 2014 in Freiburg und in Düsseldorf in der Einzelwertung wiegen für ihn richtig viel.

In 2015 machte sich der Juniorenläufer auf die Hatz nach einer internationalen Norm. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) setzt gerade im Langstreckenbereich die Kriterien sehr streng an, wie die aktuelle Diskussion um die Marathon-Norm für Olympia beweist. Doch auch wenn die Langstreckler gewohnt sind, kräftig Tempo zu machen – das geht nicht jede Woche. Sonst geht es an die Substanz. Unewisse wollte es wissen. Die U 23 Europameisterschaft in Talinn war sein Ziel. Die Teilnahme über 5000 Meter sein Traum. Er lief ganz, ganz nahe heran, die Uhr blieb bei den Süddeutschen Meisterschaften in Regensburg nach 14:07,97 Minuten stehen. Doch er war rund drei Sekunden zu langsam. Drei Sekunden auf 5000 Meter – ein „nichts“. Die internationale Norm dagegen war locker geknackt, sie betrug 14:12 Minuten. Eine Woche später versuchte es Unewisse nochmals. In Koblenz schaffte er die Distanz in 14:11 Minuten. Doch der ehrgeizige und dennoch unheimlich sym“badische“ Läufer gab nicht auf. Ein dritter Start innerhalb von drei Wochen, dann bei den Deutschen Meisterschaften, musste her. Für Unewisse des Guten zu viel, der Akku war leer und er danach drei Wochen „richtig krank“. Was andere Leichtathleten in technischen oder den Sprintdisziplinen mit vielen Starts locker wegstecken, geht eben bei den Langstrecklern ans Eingemachte. Unewisse sagt: „ Ich war kurz davor, alles hin zu werfen.“ Und wird noch ein bisschen deftiger: „Ich reiß mir für so was nicht mehr den …… auf.“ Ungewohnte Worte aus dem Mund des doch so aufgeschlossenen, positiven und extrovertierten jungen Mannes. Aber vollkommen verständlich. Nur beim DLV scheint es immer noch nicht angekommen zu sein, dass sich der Verband damit keine ambitionierten Nachwuchsläufer heranzieht. Seelenmassage betreibt in solchen Fällen bei Unewisse Trainer Günther „Günne“ Scheefer. Er arbeitet schon lange mit Fredi zusammen. Scheefer muss seinen Läufer nicht antreiben, eher etwas bändigen. Ganz wichtige, stille Zuschauerin im Hintergrund ist Fredis Freundin Eli. Die 20-Jährige betont: „Ich bewundere ihn und unterstütze ihn so weit wie möglich. Solange er Spaß am Laufen hat, soll er das machen.“ Sie leidet mit, wenn es mal nicht so gut „läuft“. Bei täglich rund vier Stunden Training bleibt wenig Zeit für Zweisamkeit. Bei manchen Einheiten fährt Eli mit dem Fahrrad mit. Fredi geht gegen acht Uhr aus dem Haus, Rückkehr meist erst nach dem Training um 21 Uhr. Eine zweite Einheit wird manchmal in der Mittagspause absolviert.

Angefangen hat Fredi mit seinem Vater Markus vor rund zehn Jahren bei der Badischen Meile. Auch ohne kontinuierliches Training zog er den gleichaltrigen Läufern spielerisch davon. Günther Scheefer, damals noch Trainer beim Esslinger SV, entdeckte das Talent und nahm Fredi unter seine Fittiche. So kam er als A-Schüler auf eine Bestzeit von 36:08 Minuten über zehn Kilometer beim Hockenheimringlauf 2008.

So langsam arbeitet sich Unewisse, nach den enttäuschenden Erfahrungen mit der DLV-Normenhatz, an einen neuen Traum heran. Marathon soll es werden. Olympia lockt. Irgendwann. Wenn alles gut läuft, dann möchte Fredi im Herbst 2016 seinen ersten 42er angehen. „Frankfurt oder Berlin. Es soll gleich ein schneller Kurs sein“, sagt er. Im Halbmarathon steht seit September seine Bestzeit auf 1:06:51 Stunden. Erreicht beim Heimspiel in Karlsruhe. Hatte Unewisse bis zur Normenjagd sogar seine Arbeitszeit reduziert und trifft auf viel Verständnis bei seinem Arbeitgeber, wird es dann noch einmal intensiver. Seine Freundin wird noch ein Stündchen länger täglich warten müssen, bis Fredi zur Tür herein kommt. „Auch wenn es fast mühelos aussieht, wenn ich laufe, es steckt sehr viel harte Arbeit dahinter. Und das zu einem Vollzeitjob. Ich bin kein Profi und laufe trotzdem wie ein Profi, aber ohne Unterstützung des DLV“, betont Frederik. Es stecke ganz viel Leidenschaft dahinter, Überwindung und Energie. Das sehe man oftmals gar nicht, vor allem auf diesem Niveau.

Richtig voll über seine Grenzen geht es zwar selten, aber auch ein Lauf auf 95 Prozent seines Leistungsvermögens muss erst einmal in den Gesamtplan eingebaut sein. In Regensburg, bei der Normenhatz, ging Fredi über die 100 Prozent Marke hinaus. Mit einem unbändigen Willen, einer Bereitschaft sich zu quälen.

Was ihn antreibt, ist sicher auch das Team. In einer Gruppe mit rund 30 Läuferinnen und Läufern, in Trainingslagern und Mannschaftswertungen kommt in der Karlsruher Truppe auch ein richtig guter Teamspirit rüber. Die Jungs und Mädels helfen sich gegenseitig, nicht nur im Training. So nimmt Fredi, selbst noch jugendlich, auch gerne die Küken der LG Region unter seine Fittiche, die U 18 und U 20 Läufer. So etwa beim Halbmarathon im Frühjahr 2015 in Berlin, als er seinen Nachwuchskollegen Joshua Klein zur neuen Bestzeit in 1:15 Stunden heranführte. Gerade für die jüngeren Läufer wirkt er wie ein „älterer Bruder“. Nie streng, sondern immer kameradschaftlich, locker. Fredi ist eine Stimmungskanone in der Gruppe, aber erst nach getaner Arbeit. Und zeigt damit eine ganz andere Seite des Laufens. Es geht nicht nur um körperliche, sportliche Betätigung. Laufen bei den Karlsruhern ist etwas für den Geist, für die Seele und für ein gutes soziales Miteinander. Die Gruppe erweitert sich, ohne dass aktiv Werbung dafür gemacht. Schon Außenstehende merken, hier passt alles zusammen. Ein erfahrener Läufer aus der Pfalz sagt gar über die rotweißen aus Baden: „Das ist Bayern München im Laufsport.“

Für Fredi ist das alles zwar kein „Ausgleichssport“ zum Beruf mehr, dazu ist der Umfang zu groß. Und für andere Hobbys wie Kino, Essen kochen, Familie und Freunde hat der 22-Jährige „zu wenig Zeit“. Doch vielleicht hat er in diesem Moment einfach nicht daran gedacht, dass auch die LG Region Karlsruhe so etwas wie seine „Familie“ ist. Im Tross der Läufer sind oft  Eltern und Partner anzufinden, feuern an, fiebern mit und danach sitzen alle an einem Tisch.

Ernährung, für viele Spitzenläufer ein wichtiges Thema, nimmt er locker. „Wenn ich arbeite, dann muss es schon mal schnell gehen. Daher lebe ich weder vegetarisch, noch absolut vollwertig.“ Schmecken muss es also, der Körper soll sich wohlfühlen. Freundin Eli lobt: „Er macht die weltbeste Lasagne.“ 90 Minuten vor einem Lauf trinkt Fredi gerne einen Schwarztee. Die Bitterstoffe machen ihn dann richtig wach. So wach, dass er seinen Blick weiter fest auf die langen Strecken richtet. Und dann bitte schön, auch auf das Ticket für Olympia. Irgendwo und irgendwann. Unrealistisch ist das nicht. Im Gegensatz zu den jungen afrikanischen Läufern, die bereits möglichst früh zur Spitze stoßen, dürfen sich die deutschen Läufer Zeit lassen zum reifen. Vorausgesetzt, der DLV zeigt sich irgendwann auch einmal lernfähig und verlangt von den Langstrecklern nichts Unmögliches. Von daher gilt  für Frederik Unewisse: je älter, desto besser.

Frederiks Bestzeiten:

 

5000 m: 14:07,97 (2015)

10 km Straße: 30:29 (Rheinzabern, Dezember 2014)

Halbmarathon: 1:06:51 (Karlsruhe, September 2015)

2000 m Hindernis: 5:50,55 (2012)

3000 m Hindernis: 9:09,12 (2014)

 

 

 


Kossmann Laufdesign