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Straßenläufe aus der Sicht eines Pacemakers

[eingestellt am 28. Oktober 2015]

By: Volker Goineau

Fotos: André Pristaff und Lutz Wolfram

Matthias Müller (in gelb) zieht gemeinsam mit Steffen Uliczka beim Frankfurt-Marathon 2015 Lisa Hahner zu neuer pers. Bestzeit

Volker Goineau zieht die Frauenspitze um Agnes Mutune beim hella Halbmarathon in Hamburg am 21.6.2015

Mitten im Wettkampf, aber (zumeist) doch kein Wettkämpfer

Berlin, 27.9.2015

Ich stehe an der Startlinie zu einem großen Marathon. Dem größten der Republik und einem der größten der Welt. Außerdem eine sehr schnelle flache Strecke, auf der schon mehrere Weltrekorde gelaufen wurden. Ca. 40.000 Teilnehmer wollen gleich die 42,195 km durch die City in Angriff nehmen. Ich also auch. Oder doch nicht? Ich bin Tempopacher. „Nur“ Tempomacher und ich plane, bis Km 30 zu laufen. Also nicht die ganze Strecke. Also weniger Druck, weniger Anspannung. Oder: anderer Druck. Schließlich ist die Verantwortung für einen Tempomacher nicht gering. Einen oder mehrere Athletinnen oder Athleten in die richtige „Fahrt“ bringen, nicht zu schnell oder zu langsam, möglichst gleichmäßig laufen und so gut es geht Windschatten spenden, damit die „gepaceten“ Athleten ökonomisch laufen können und keine unnötige Energie auf der ersten Streckenhälfte verschwenden. Außerdem sollte ein guter Pacemaker die Ideallinie laufen (meistens die blaue oder grüne Linie auf dem Asphalt) und auf die Zwischenzeiten achten und diese möglichst auch ansagen, damit der Athlet Bescheid weiß. Die Kommunikation während des Rennens mit dem Athleten und den anderen „Hasen“ spielt eine wichtige Rolle. Der Athlet sollte sich auf das Laufen konzentrieren und seinen Pacemakern vertrauen können.

Ich sollte diesmal die bereits seit längerer Zeit in Deutschland lebende Äthiopierin Fate Tola in einem Tempo von 3:30 min/km pacen. Dazu hatte Fate noch zwei weitere Hasen: Den Kenianer Hillary Maiyo für 40 bis 41 Km sowie den Berliner Tobias Singer, der dieses Tempo ungefähr 20 km laufen kann und sich hierfür dann auch voll reingehägt hat. Hillary konnten wir so dazu bringen, das richtige Tempo, also nicht zu schnell zu laufen; letztendlich hat er seinen Job bis kurz vor Schluss sehr gut gemacht. Tobi hatte zunächst mehr oder weniger das „Kommando“, ich lief häufig etwas versetzt neben oder sogar hinter Fate, um sie beispielsweise in den Kurven oder an den Verpflegungsständen von Mitläufern abzuschirmen. In unserem Bereich waren wir lange Zeit eine sehr große Gruppe, was Vor- und Nachteile hat. Als Tempomacher sollte man auch schauen, ob eine größere Gruppe das richtige Tempo läuft oder man mit seinem Athleten lieber etwas schneller oer langsamer laufen sollte. Letztendlich entscheidet aber immer der oder die Läuferin selbst nach Gefühl, ob er oder sie schneller oder langsamer laufen möchte. So sind wir in Berlin 3:27 statt 3:30 min/km angelaufen und waren damit in der großen Gruppe um Anna Hahner und sind nach rund 16 km sogar vorbei gegangen. 25 km liefen für mich ziemlich easy; auf den letzten 5 km bis zu meinem Ausstieg an der 30km-Marke wurde es dann ganz schön anstrengend. Fate musste zum Schluss auch etwas für das ein bisschen zu schnelle Angangstempo büßen, lief mit 2:28:24 h jedoch noch eine sehr ordentliche Zeit, die sogar knapp unter der DLV-Olympianorm liegt. Als Deutsche könnte sie also in Rio starten.

Für mich war es mal wieder ein tolles Erlebnis, bei dieser tollen Stimmung quer durch die Stadt zu rennen. Ohne eigene Wettkampf-Ambitionen, also ohne das Ziel, Konkurrenten zu schlagen oder eine bestimmte Endzeit zu erreichen. Ohne Marathon-Training Teil eines Marathons sein. Einer Athletin dabei helfen, ihr Ziel einer ambitionierten Zeit zu erreichen. Und auch ein bisschen Geld damit verdienen. Das alles, ohne voll ans Limit zu gehen, sozusagen mit einem sonntäglichen langen Tempo-Dauerlauf.

Taktgeber und Motivator

Ein guter Hase ist zugleich ein Motivator, der den oder die Athletin auch mal „nach vorne schreit“, wenn es nicht mehr ganz so rund läuft. Gut zu sehen ist das beispielsweise bei Oliver Hoffmann aus dem hessischen Kirchhain, der regelmäßig als professioneller Damen-Pacemaker in Deutschland und anderen Ländern unterwegs ist, teilweise in China oder Japan. Bei der Übertragung des Hamburg-Marathons 2014 kann man gut sehen, wie er Katharina Heinig in der Endphase des Rennens immer wieder motivierend anschreit. Mit Erfolg: Katha schaffte mit 2:33:56 h gerade noch die B-Norm für die EM in Zürich und durfte dort die deutschen Farben vertreten.

Und hier ein Statement zum Thema Pace Making von Oliver:

„Ich bin eigentlich selten richtig aufgeregt. Ich freue mich immer, wenn es ins Rennen geht. Und da ich, wenn ich Pacemaker bin, weiß, dass es nicht schneller wird als im Training, kann ich ganz locker an die Sache herangehen. 30km sind eigentlich nie ein Problem. Ich gucke aber auch, dass es ins Training passt. Es sollte nicht zu schnell sein. Auf die Uhr guckt man schon öfter, aber da ich immer ohne GPS laufe, gucke ich auch nur jeden Km und dann habe ich alle 5km-Zeiten auf dem Arm.
Pacemaker-Jobs sind für mich einfach ein bezahltes Training. Wenn ich allerdings für Kiplagat, Keitany und Co. Tempo machen müsste, wäre das etwas anderes. Da würde ich mich dann wirklich drauf vorbereiten und da wären dann vielleicht sogar 30km ein Problem“

„Job“ und „soziale Dienstleistung“

Es ist natürlich etwas einfacher, die Frauen zu pacen als Männer, vor allem wenn man kein Top-Athlet ist. Außer etwas langsamere Männer, aber das ist dann eher ein Freundschaftsdienst als „professionelles“ Pace-Making. So habe ich mich gefreut, dass ich Ende August einen Freund bei einem kleineren Halbmarathon in Berlin zu einer neuen persönlichen Bestzeit von 1:12:45 h ziehen konnte. Das war für mich ein guter Tempo-Dauerlauf in der Vorbereitung auf weitere Straßenläufe im September. Im Frühjahr 2015 habe ich beim Hamburg-Marathon einen Freund 30km lang in Richtung knapp unter 2:26 h gepaced und beim Berlin-Marathon 2014 zwei Läuferkollegen bis Km 25 in einem Tempo für knapp unter 2:22 h. Das waren anspruchsvolle Aufgaben, die mir aber großen Spaß gemacht haben.

Als Tempomacher bei Halbmarathon- und Marathonläufen sollte man vor allem ein ordentliches Tempogefühl und möglichst auch Freude am Straßenlauf haben. Laut dem Südtiroler Hermann Achmüller, der ebenfalls schon viele Topathletinnen bei Marathons geführt hat sei „die Kunst des Tempomachers die Ruhe“. Es ist gut, wenn man des Öfteren für ein- und dieselbe Person Tempo macht, so kennen sich Athlet und Tempomacher im Laufe der Zeit immer besser und wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können (vor allem der Athlet auf den Tempomacher). So nennt beispielsweise Lisa Hahner Matthias Müller ihren „Edelhasen“; schließlich hat er sie schon bei mehreren Marathons begleitet und zuletzt beim Frankfurt-Marathon zu einer neuen Bestzeit gezogen. Auch Matthias habe ich zum Thema pacemaking befragt.

Er sieht das Tempomachen als ganz besondere Aufgabe an, auf die er sich speziell vorbereitet. Schließlich macht er es meistens für die Hahner-Twins oder auch ab und zu für andere gute Läuferinnen, die er persönlich kennt und muss dabei zumindest „98%“ geben; er läuft zumeist soweit ihn seine Beine tragen, häufig bis ins Ziel. Nachdem er beim Hamburg-Marathon 2014 seine persönliche Bestzeit von 2:25:39 h erzielt hat, unterstützt er nun lieber die Hahner-Twins beim Unterfangen, Topzeiten auf internationalem Niveau zu laufen, als sich selbst „auf Teufel komm raus“ noch um eine oder zwei Minuten zu verbessern. Da es für die Athletinnen zumeist um ein großes Ziel wie etwa das Erreichen der Norm für einen internationalen Höhepunkt geht, ist er vor den Rennen zumeist aufgeregter, als wenn er für sich läuft. Er freut sich jedes Mal auf die Marathon-Wochenenden, an denen er als Hase zum Einsatz kommt, da er ebenso das ganze „Drumherum“ mit dem gemeinsamen Essen im Hotel etc. zu schätzen weiß. Übrigens hält Matthias es für einen großen Vorteil, wenn die Athletin und der Hase sich persönlich kennen und bereits häufig gemeinsam gelaufen sind. So funktioniere die Zusammenarbeit während des Rennens einfach besser.

 

Ein witziger Beitrag zum Thema von Maik Wollherr sei noch erwähnt:

Nachdem Maik und ich beim Berliner Halbmarathon 2013 die Ehre hatten, Anna Hahner gemeinsam zu pacen, schrieb der Berliner Hindernisläufer auf seiner Homepage humorvoll von einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Läufer mit Migrationshintergrund“, was auf ihn (polnische Eltern) und mich (französische Mutter) zutrifft. Allerdings hoffe ich doch, dass es nicht nur eine Arbeits-Beschaffungsmaßnahme, sondern auch ein sinnvoller und hilfreicher Job, also letztendlich eine „soziale Dienstleistung“ war

Zu guter Letzt noch ein lustiger Kommentar von der Übertragung des Paris-Marathons 2013 im französischen Fernsehen: als die Frauenspitze wenige Kilometer vor dem Ziel durch den „bois de Boulogne“, den Wald am westlichen Pariser Stadtrand, lief und die Hasen nicht mehr dabei waren, sagte der Kommentator „der Hase ist wieder im Wald verschwunden“. So ist es bei Tempomachern: sie starten ins Rennen und sind dann (häufig) irgendwann weg. Das ist auch so geplant. Wenn man wenig später erfährt, dass der/die AthletIn das persönliche Ziel geschafft hat, dann kann man sich umso mehr mit dem Athleten freuen.


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