Kanzlei.org - laufend gut beraten

Bräutigam, Marcel

[eingestellt am 13. November 2015]

By: Volker Goineau

Fotos: Wolfgang Bräutigam

Vom Biathleten zum Spitzen-Marathoni

Der 28jährige Marcel Bräutigam aus Erfurt belegte kürzlich bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in Frankfurt den zweiten Platz. Gleiches gelang ihm bereits 2013 in München. Bis er in der deutschen Marathonspitze mitlaufen konnte, hat der Thüringer einen interessanten und trainingsintensiven Weg hinter sich.

Geboren wurde Marcel am 31. 7. 1987 in Ilmenau. Aufgewachsen ist er im rund 20 km entfernten Großbreitenbach. Dieser Ort ist bekannt als Wintersport-Hochburg. So stammen bekannte Biathleten wie etwa Andrea Henkel aus diesem Ort. Den kleinen Marcel  zog es mit 7 Jahren ebenfalls zum Biathlon. Da spielte er bereits schon ein Jahr lang Fußball bei den E-Junioren. Sein Vater unterstützte damals den Übungsleiter und führte später selbst das Training durch. Als er 13 Jahre alt war, entschied er sich jedoch für den Biathlon und wechselte ans Sportgymnasium nach Oberhof. Nach vier Jahren schloss er die Schule mit der mittleren Reife ab. In dieser Zeit betrieb er den Biathlonsport ziemlich erfolgreich und war Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft. 2004, mit 17 Jahren, begann er eine Ausbildung bei der Thüringer Landespolizei und wurde in die Sportfördergruppe aufgenommen. So war er jeweils nach einem halben Jahr Ausbildung für ein halbes Jahr freigestellt, um sich auf Training und Wettkämpfe zu konzentrieren.

Im Jahr 2006 litt Marcel unter Pfeifferschem Drüsenfieber, auch als Epstein-Barr-Virus bekannt und musste ein halbes Jahr lang auf jeglichen Sport verzichten. Hiernach wurde ihm die Sportförderung gestrichen und er musste seine Polizei-Ausbildung mit „ganz normalen“ Arbeitszeiten fortsetzen. 2007 wandte er sich dem Sommerbiathlon, bestehend aus Crosslaufen und Schießen, zu und betrieb diese Sportart vier Jahre lang und das durchaus erfolgreich. 2009 schloss er seine Ausbildung ab und arbeitete nun bei der Polizei. Als Sommerbiathlet fand Marcel auch immer mehr Gefallen am Laufen, wobei ihm die längeren Strecken schon immer lagen. So lief er bei mehreren Halbmarathons mit. Richtig „mit dem Laufvirus infiziert“ wurde er durch den Rennsteiglauf, wo er im Jahr 2009 seinen ersten Marathon lief, wobei dieser hier ja sogar 43,5 km lang ist.

Umstieg zum Läufer

In der Folgezeit entschloss sich Marcel, es im Laufsport zu versuchen. Im Herbst 2010 erzielte er bei seinem ersten City-Marathon eine Zeit von 2:27:44 Stunden. Nun wollte er es professioneller versuchen und schloss sich dem LC Erfurt und der Trainingsgruppe von Dieter Herrmann an. Seine Trainingspartner waren nun unter anderem Christian Seiler, Christian König und Stefan Eberhardt. 2011 lief er den Hamburg-Marathon bei sehr warmem Wetter in 2:28:28 h. In diesem Jahr erzielte er außerdem Zeiten von 31:42 min über 10 km sowie 68:29 min im Halbmarathon. Im darauffolgenden Jahr verbesserte er seine Zeiten auf 30:59 min, 67:29 min und 2:24:02 h. Außerdem gewann er erstmals die 43,5 km beim Rennsteiglauf in 2:38:09 h. Ende 2012 löste sich die Erfurter Trainingsgruppe auf und Marcel nahm fortan, gemeinsam mit Christian König, sein Training selbst in die Hand und wechselte zum GutsMuths-Rennsteiglaufverein.

Deutscher Vize-Meister im Marathon und Aufnahme in die Sportfördergruppe als Läufer

Nachdem Marcel sich im Laufe des Jahres 2013 auf eine 10km-Zeit von 30:42 min verbessert und seine vorjährige Halbmarathonzeit als Sieger in Karlsruhe mit 67:28 min bestätigt hatte, folgte Mitte Oktober in München sein erster großer Erfolg im Marathon: bei den Deutschen Meisterschaften erlief er sich mit einer Zeit von 2:20:49 h die Silber-Medaille, etwas weniger als zwei Minuten hinter Überraschungssieger Frank Schauer und nur ganz knapp vor seinem Trainingspartner Christian.

Mit dieser Leistung etablierte sich Marcel in der (erweiterten) deutschen Marathonspitze. Außerdem wurde er im Februar 2014 wieder in die Sportfördergruppe der Thüringer Polizei aufgenommen. Damit war Marcel der erste Athlet, dem dies in zwei verschiedenen Sportarten gelang. Im Frühjahr 2014 absolvierte Marcel ein Trainingslager in Kenia, wo er unter anderem die Hahnertwins kennen lernte. So kam es, dass er Anna Hahner Mitte April als Tempomacher zu ihrem überraschenden Sieg beim Wien-Marathon in 2:28:59 h führte. Eine Woche vorher hatte er bei der Halbmarathon-DM in Freiburg seine Bestzeit auf 66:51 min geschraubt und den zweiten Platz mit der Mannschaft belegt.

Der Wien-Marathon diente Marcel als guter langer Lauf in der Vorbereitung auf den Kassel-Marathon am 4. Mai, wo er seine Bestzeit um rund drei Minuten auf 2:17:53 h verbessern konnte. In der DLV-Jahresbestenliste 2014 bedeutete diese Zeit den fünften Rang. Hier rangierte er einen Platz und 24 Sekunden vor seinem Trainingspartner Christian König, während Letzterer über die halbe Distanz sechs Sekunden schneller war (beides jeweils im selben Rennen). Dies verdeutlicht, was für ein gutes Marathon-Trainings-Duo sich mit Marcel und Christian in Erfurt formiert hat, welches in Deutschland in der Form seinesgleichen sucht. Schließlich wohnen die beiden Langstreckler so dicht beieinander, dass sie auch im Trainingsalltag sehr viele gemeinsame Einheiten absolvieren können und nicht nur in Trainingslagern.

Im Herbst 2014 bestätigte Marcel seine Zeit vom Kassel-Marathon als Zweitplatzierter des Köln-Marathons mit 2:17:55 h und schaffte es als erster Deutscher seit 16 Jahren bei einem der fünf größten Marathons Deutschlands auf das Siegertreppchen. Zwei Wochen später machte er beim Berlin-Marathon erneut Tempo für Anna Hahner, diesmal 30 km, und hatte somit auch einen gewissen Anteil an ihrer neuen Bestzeit von 2:26:44 h. Und zwei weitere Wochen später wurde Marcel in 2:25:54 h Polizei-Europameister als Zweitplatzierter des Graz-Marathons. Damit beendete er eine rundum gelungene Saison.

Hohe Trainingsumfänge mit hoher Qualität

Nun galt es, die Saison 2015 vorzubereiten. Marcel und Christian verfolgen den langfristigen Plan, sich in der deutschen Marathonspitze festzusetzen, mit Zeiten von 2:15 h und darunter. Hierfür soll der Trainingsumfang nach und nach erhöht und ebenso die Qualität gesteigert werden. So gibt es neben anspruchsvollen Tempo-Einheiten auch viele lange Läufe in schnellem Tempo, häufig stehen 30 bis 35 km-Dauerläufe in unter 3:30 min/km auf dem Plan. Lief Marcel im Jahr 2012 noch 170 Wochenkilometer in der Spitze, durchbrach er im Jahr 2013 erstmals die 200km-Marke; im darauffolgenden Jahr verzeichnete er einen Spitzenwochenumfang von 256 km. Im Winter 2014/2015 stand erst einmal eine Verbesserung der Unterdistanz an. Marcel steigerte in der Halle seine 3000m-Bestzeit auf 8:38,50 min.

Große Ziele im Marathon 

Insgesamt startet er jedoch sehr selten bei Bahnrennen; nur einige 3000m- und 10.000m-Rennen stehen in seiner Vita.  So lief er auch seine 5er-Bestzeit von 14:56 min auf der Straße, allerdings bei 34°C im Sommer 2014 in Kaiserslautern. Marcel konzentriert sich weitestgehend auf Straßenläufe und speziell auf den Marathon. Seinen höchsten Wochenumfang steigerte im Jahr 2015 nicht, lief jedoch regelmäßig 225 bis 245 Kilometer und setzte außerdem im März einen neuen Trainingsreiz in Form eines 45km-Überdistanzlaufs. Diesen absolvierte er übrigens in der Woche, die er mit dem Desdener Citylauf abschloss, wo er mit 30:43 min seine damalige 10km-Bestzeit nur hauchdünn verpasste. Eine Woche später, am 29. März 2015, lief er dann mit deutlich frischeren Beinen fast das gleiche Tempo über die Halbmarathondistanz. Hier profitierte er in Berlin von einem Klasse-Feld, um seine Bestzeit um über eineinhalb Minuten auf starke 65:06 min herunterzuschrauben.

Mitte Mai steigerte Marcel beim Kassel-Marathon seine Bestzeit auf 2:17:22h. Nachdem er im Sommer zum zweiten Mal im Höhentrainingslager im schweizerischen St. Moritz trainierte, gelang ihm am 6. September bei den Deutschen 10km-Straßenlaufmeisterschaften die nächste Steigerung: Mit 29:51 min durchbrach er die 30min-Marke. Dennoch belegte er lediglich den 15. Rang, da das Niveau im deutschen Langstreckenlauf in der Breite der Spitze zuletzt stark zugenommen hat.

Nach dem erneuten Pacemaking für Anna Hahner beim Berlin-Marathon über 30 km und den Halbmarathons in Köln (65:35 min) und Leipzig (68:41 min) stand mit dem Frankfurt-Marathon sein Saison-Highlight an. Hier lag er nach der Hälfte des Rennens, unterstützt von Hendrik Pfeiffer, auf Kurs unter 2:15 h, hatte jedoch in der Endphase mit Magenproblemen zu kämpfen und erreichte das Ziel schließlich als Deutscher Vize-Meister hinter dem überragenden Arne Gabius in neuer persönlicher Bestzeit von 2:17:05 h. So lief Marcel bereits vier 2:17er Zeiten über die Marathondistanz. Für das Jahr 2016 hofft er auf eine Zeit im Bereich von 2:15 h, um im Sommer 2018, im besten Marathonalter von 31 Jahren, bei der Heim-EM in Berlin dabei zu sein. Außerdem freut Marcel sich auf die Polizei-Europameisterschaft im Crosslauf im März 2016 und würde auch gerne bei der Leichtathletik-EM in Amsterdam über die 21,1km-Distanz die deutschen Farben vertreten. Hierfür steht die Team-Norm bei 64:45 Minuten. Außerdem müsste er wohl zu den besten fünf Deutschen gehören. Beides sind anspruchsvolle Ziele. Doch die setzt sich Marcel sowieso, besonders über die doppelt so lange Distanz.

 

Marcel Bräutigam

geboren am 31. 7.1987 in Ilmenau/Thüringen

Größe/Gewicht: 1,76 m/63 kg

Verein: GutsMuths-Rennsteiglaufverein

Trainer: Autodidakt

Lieblings-Trainingseinheit: langer TWL (35 km)

Lieblings-Laufveranstaltung: Rennsteiglauf

 

Persönliche Bestzeiten:

3000m 8:38,50 min (2015; indoor)

10 km 29:51 min (2015)

HM 65:06 min (2015)

Marathon 2:17:05 h (2015)


Kossmann Laufdesign