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Pfeiffer, Hendrik

[eingestellt am 15. Januar 2016]

By: Heike Klein

Wo geht’s nach Tokio?

Hendrik Pfeiffer kennt den Weg. Der 22-jährige Läufer hat seine Mission fest im Blick. Er macht sich gerade auf, vier Jahre wird er brauchen, um anzukommen. Sein Ziel ist ein Start beim olympischen Marathonwettbewerb. Um dorthin zu kommen, muss er genau planen. Noch hat er keinen Lauf über die 42,195 Kilometer absolviert. Dabei war er schon einmal mitten drin, hat sich gut gefühlt und hätte gerne einfach weitergelaufen. Doch dann hat wohl sein Über-Ich zugeschlagen, er hat daran gedacht, was sein Trainer Anton „Tono“ Kirschbaum davon halten würde, würde der Läufer völlig ungeplant bis ans Ende rennen. Das war beim Frankfurt Marathon 2015. Pfeiffer machte die Pace für Marcel Bräutigam, der schließlich in 2:17:05 Stunden finishte. Geplant und vorgegeben war nur rund die halbe Distanz für den Juniorenläufer. „Ich habe mich gut gefühlt, ich hätte durchlaufen können“, sagt Pfeiffer. Aber dann doch rechtzeitig aufgehört, bevor es ans Eingemachte ging. Und er hat dabei so richtig Marathon-Luft geschnuppert. Die Anspannung am Start, die Vorbereitungen, die Stimmung an der Strecke. „Da wusste ich, da will ich hin, da gehöre ich hin“, betont der Wattenscheider.

Dabei hatte er 2015 zunächst gar keine guten Wochen. Er wollte bei der Europameister der U23 über 10.000 Meter an den Start gehen. Mit einer Bestzeit von 29:16 Minuten ist er überzeugt, wäre er um Silber mitgelaufen. Doch er hatte Schmerzen in der Hüfte. Unerklärlich für die Mediziner. Man plante bereits eine Operation, auch wenn noch nicht klar war, wo die Ursachen lagen. Vorher meldeten sich Zahnschmerzen, der entzündete Weisheitszahn wurde entfernt und binnen weniger Tage gab auch die Hüfte Ruhe, ganz ohne medizinischen Eingriff. „Dann wollte ich nur noch das Jahr gut beenden“, blickt Pfeiffer kämpferisch zurück. Konsequentes, intensives Training folgte und danach der Coup. Beim Halbmarathon am 4. Oktober in Köln löschte er einen Uralt-Rekord der U23 und lief nach 63:40 Minuten über die Linie. Er erzählt das alles völlig unaufgeregt und locker, denn der junge Mann weiß, was Journalisten wissen wollen. Er studiert Journalistik im 7. Semester. Das Studium und der Job in der Presseabteilung des TV Wattenscheid sowie an der Uni ist aber nur die eine Hälfte seiner Arbeitswoche, die bessere Hälfte gehört dem Training. Zwölf Einheiten in der Woche müssen flexibel in das Arbeitspensum eingebaut werden.

Seine sportliche Biografie deckt sich mit vielen anderen Läuferkarrieren. Pfeiffer kommt nämlich aus dem Fußball. Obwohl er auch einmal in der Jugend zum Probetraining bei Schalke 04 eingeladen war, lief es im Mannschaftssport nicht optimal. Zu oft saß er beim Heimverein auf der Bank. Und musste feststellen, dass im Team nicht die Eigenverantwortung zum Erfolg führt. „Man ist immer abhängig von der Leistung der Mitspieler“, so Pfeiffer. Das sei beim Lauf anders. „Sieht man vom Doping ab, ist es die ehrlichste Sportart überhaupt. Es zählt nur die eigene Leistung.“

Ernüchternd dann das erste Jahr bei Wattenscheid und Trainer Tono Kirschbaum. Seit drei Jahren ist Pfeiffer dort dabei. „Ich kam mit zwei Ermüdungsbrüchen an. Es war nicht leicht. Ich trainierte zunächst nur alternativ. Das hatte aber den Vorteil, dass ich Zeit für die Uni hatte und mit Schwung das Studium beginnen konnte“, erinnert sich Pfeiffer. Dann fasste er Fuß, die Umfänge erhöhten sich stark. Sein Trainer Tono Kirschbaum sagt: „Er will Kilometer machen. Solche Leute braucht man. Es gibt zwar kaum Langstreckler, die man extra anschieben muss, aber Hendrik hat wirklich Spaß an langen Läufen.“ Dennoch lässt Kirschbaum nicht locker. „Wichtig sind die Unterdistanzen. Hier kann er sich noch weiter entwickeln.“ Ein großes Plus von Pfeiffer ist, dass er aus einer kleineren Trainingsgruppe kommt, wo er unter Jürgen Palm bei der LAZ Rhede mit der Langstrecke begonnen hatte. Kirschbaum beobachtet: „Hendrik ist ein hervorragender Frontläufer. Er versteckt sich nicht im Feld und kann in den Schmerz hineinlaufen.“

Pfeiffer erhält Unterstützung von Freundin Annika Gomell, die auf 10.000 Metern eine Bestzeit von 33 Minuten stehen hat. Dann braucht er auch Seelenmassage, wie jüngst nach der Cross EM der U23 im Dezember. Es lief gar nicht so wie geplant, obwohl das Team und Pfeiffer mit einem guten Gefühl an den Start gingen. Statt einen Platz unter den Top Ten, wie erhofft, wurde Pfeiffer nur 35. Das Ziel, eine Mannschaftsmedaille, war damit „verbockt“. Erklären kann er sich das nicht.

Jetzt hat er die Europameisterschaft im Halbmarathon in Amsterdam im Visier und eine stetige Verbesserung seiner Zeiten auf den kurzen Strecken.

Was die Nominierungsrichtlinien des Deutschen Leichtathletik Verbandes f. Olympische Spiele angeht, hofft Pfeiffer auf eine Reform. Er könnte sich ein System wie in der USA vorstellen, etwa ein Ausscheidungsrennen aller Athleten, die die internationale Norm geknackt haben.

Ansonsten steht für den 1,79 Meter großen und 61 Kilogramm leichten Läufer für die nächsten Jahre weiterhin der Sport im Vordergrund. Wobei er in idealer Weise Sport und Beruf bereits jetzt verknüpft. Und den Journalisten auf sehr kompetente Art vermittelt, was sie über seinen Sport wissen müssen. Denn eines dürfte ja in Läuferkreisen unbestritten sein: Das Laufen, das doch ausgesprochen viele Teilnehmer besonders auch im Freizeitbereich aufweist, ist in den großen Medien wie Fernsehen und Tagespresse vollkommen unterrepräsentiert. Daher braucht es Fachleute wie Pfeiffer, die ihr Insiderwissen auch konsequent anwenden, um den Sport medial nach vorne zu bringen.

Bestzeiten:

1.500 Meter: 3:52 Minuten

3.000 Meter: 8:10 Minuten

5.000 Meter: 14:04 Minuten

10.000 Meter: 29:16 Minuten

Halbmarathon: 63:40 Minuten

Interview mit Hendrik nach seinem fulminanten Marathondebut im April 2016 in Düsseldorf, das ihm die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio einbrachte.

Marathon: 2:13:11 h

 


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