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Probst, Marius

[eingestellt am 20. Januar 2016]

By: Heike Klein

Der Pechvogel

Marius Probst hat immer noch daran zu knabbern: bei der U23 Europameisterschaft in Tallin lief er im Vorlauf Bestzeit in 3:45,36 Minuten und wollte im Finale noch einmal zulegen oder zumindest mit einem kräftigen Schlussspurt in der letzten Runde in die vorderen Ränge stürmen. Doch er konnte nicht wie gewohnt auf seine Spurtstärke zurück greifen. Eine Oberschenkelverhärtung „wurde falsch diagnostiziert und behandelt“, sagt er ein halbes Jahr später im Rückblick. „ich konnte überhaupt nicht mehr zulegen und joggte quasi ins Ziel“. Über 1000 Meter und 1500 Meter rangiert Probst jeweils auf Platz zwei der DLV-Rangliste hinter Abdi Uya Hundessa, einem Migranten aus Äthiopien, hinter dessen tatsächlichem Lebensalter auch einige Fragezeichen stehen. So gab es Ende 2014 eine ausgiebige Diskussion um das tatsächliche Geburtsjahr, in der aktuellen Rangliste wird er dagegen als Jahrgang 1995 beim DLV geführt. In diversen Medien-Texten aus dem Jahr 2015 steht aber auch weiterhin der Satz in Bezug auf Hundessa: „Der Zweifel läuft mit“, belegt mit Fotomaterial und ausgiebigen Recherchen. (Quelle: Wolfgang Birkenstock, freier Journalist).

Für Marius Probst und weitere junge DLV-Läufer mit eindeutigen Papieren und Geburtsurkunden, die sie als in Deutschland geborene ausweisen, ein schwacher Trost. Die jungen deutschen Talente müssen auf sich selbst schauen und dürfen sich von solchen Szenen nicht entmutigen lassen. Gerade im Doping-Bereich bei den Aktiven laufen zurzeit ja ebenfalls einige Mut machende Überprüfungsergebnisse, die vielleicht dafür sorgen, dass der Sport sauberer wird und Missetäter speziell aus anderen Ländern mit teilweise Fantasie-Resultaten, besonders in der jeweiligen Altersklasse, auch schnell erwischt werden.

Zurück zu Probst. Er liegt mit 8:12,56 Minuten in der DLV Rangliste über 3000 Meter 2015 auf Platz eins der U23. Dabei ist er diese Distanz erst einmal gelaufen „spaßeshalber“, betont er.

Jetzt hat der 20-Jährige die Europameiserschaften in Amsterdam in den Blick genommen. „Über 1500 Meter habe ich momentan eine 3:41,90 stehen. Die Norm von 3:38 bei den Aktiven ist zu schaffen“, sagt er optimistisch.

Die Teilnahme an der U23 EM in 2015 kam für ihn noch überraschend. Im ersten Jahr in dieser Altersklasse als einer der jüngsten Läufer wollte er damals seine Ziele nicht so hoch ansetzen. Doch jetzt hat er internationale Luft geschnuppert und weiß, was alles möglich ist.

In Dortmund studiert er im dritten Semester Deutsch, Mathematik und Sport und möchte einmal Grundschullehrer werden. Das ist gut so, denn dann steht einmal ein Pädagoge in einer Grundschulturnhalle, der echte Ahnung von Sport hat.

Marius Probst war zunächst ein ausgezeichneter Hochspringer, bevor es zum Lauf ging. In der Altersklasse M15 überwand er bereits 1,70 Meter. Doch dann wurde er als „Aushilfe“ gebraucht, und sollte seinem damaligen Verein über der DMM (Mannschaftsmehrkampf) über 1000 Meter aushelfen. Diese besondere Art der Mannschaftsbildung in der Leichtathletik besteht aus einer Kombination der einzelnen technischen Disziplinen, Sprint und einem Mittelstreckenlauf. Je nach Umfang des Vereins gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Mannschaft zu melden. Im Idealfall gehen in den jeweiligen Disziplinen drei Starter für einen Verein ins Rennen, die beiden besten werden dann für die Endabrechnung, in der alle Disziplinen mit Punkten erfasst werden, gewertet. Bis vor zwei Jahren gab es hier auch eine bundesweite DMM-DLV-Rangliste. Durch den Versuch, alle Startplätze bei der Teammeisterschaft zu besetzen, werden so auch Athleten aufgestellt, die nicht nur in ihren Schokoladendisziplinen an den Start gehen, sondern auch als erfolgreiche „Lückenfüller“ für Punkte sorgen.

Als für Marius bei diesem ersten Mittelstreckenlauf vor rund fünf Jahren 3:06 Minuten gestoppt wurden, wechselte er in die Laufabteilung. Seit seinem Studium trainiert er bei Tono Kirschbaum beim TV Wattenscheid.

„Das ist eine tolle Trainingsgruppe“, schwärmt er. Mit Fabian Gering und Hendrik Pfeiffer bildet er ein flottes Trio. „Unser Rezept ist Lockerheit“, betont Marius Probst. So sei er auch selten oder fast nie nervös. Höchstens „gesund angespannt“, aber nie gestresst. Sein Plus, den enormen Antritt auf den letzten Metern, möchte er jetzt in 2016 möglichst oft ausspielen. Man habe ihn sogar schon als „weißen Kenianer bezeichnet“, so Probst.

Den inneren Schweinehund kennt er eigentlich kaum. Lust zum Laufen sei fast immer vorhanden. Ganz, ganz selten komme da mal ein Gedanke hoch, beim Aufstehen „ah – 15 Kilometer jetzt, puh“. Doch Marius weiß: „Das geht doch wohl jedem Läufer so.“

Aber nach dem Lauf, nach der Trainingseinheit, siegt das Gefühl: „Das war richtig gut“ über die schwarzen Gedanken, das Laufen mal sein zu lassen. Und damit sind die Zeichen gesetzt bei Marius Probst, noch viele weitere internationale Einsätze zu absolvieren.

 

 

 


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