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Wiegand, Frank

[eingestellt am 08. April 2016]

By: Jörn Harland

Fotos: privat

1965 in Mainz geboren, lange Jahre wohnhaft im Taunus, nunmehr angesiedelt in Ober-Ramstadt. Dies trifft auf den 1,85 m großen Multisportler zu, darf ich vorstellen: Frank Wiegand. Frank überzeugte in diesem Jahr schon in so mancherlei Hinsicht: Neben zwei Altersklassensiegen über die 50 km Distanz in Marburg und Eschollbrücken setzte sich der studierte Diplom-Informatiker Anfang April mit dem M50 DM-Titel im 6h-Lauf selbst die Krone der Langstreckenläufer auf.

laufticker.de wollte wissen, wie es Frank bei seinem Parforceritt über die knapp 80 km während seines ersten 6h-Laufes ergangen ist. Der für die LG Bad Soden/Sulzbach/Neuenhain startende Athlet erzählt weiterhin, wie seine sportliche Laufbahn ihn vom Triathleten zum Ultraläufer machte. Zudem wird den Lesern ein Einblick in Franks Verhältnis zur Natur sowie seine läuferischen Pläne für 2017 gewährt.

1.     Du hast am Samstag, den 02.04.2016, sensationell den DM-Titel im 6h-Lauf in deiner Altersklasse M50 geholt, dazu noch mit einer sehr ansprechenden Leistung: 78,631 km. Wie hast du das Rennen am Samstag erlebt? Hast du jeden Kilometer mitgerechnet?

Zunächst einmal war es eine neue aufregende Erfahrung. 6 Stunden am Stück zu laufen und nicht eine bestimmte Distanz zu bewältigen. Das ist kopfmässig vor dem Start etwas anderes. Man läuft dadurch schon viel entspannter, verhaltener an als bei einem Marathon. Auch die Spitzenathleten. In der ersten Stunde achtet man eigentlich gar nicht auf bestimmte "Benchmarks", sondern konzentriert sich darauf, möglichst gleichmäßig seine Runden abzuspulen und dabei locker zu bleiben. Ansonsten achtet man darauf, im Wechsel immer wieder zu essen, trinken und Salz zu supplimieren. Das erste Mal habe ich nach 10 Runden (15,22 km) meine tatsächlich gelaufene Strecke mit der vom GPS-Tracker ermittelten Distanz verglichen. Dabei gibt es leider immer leichte Abweichungen, die mit zunehmender Distanz größer werden, da man auf dem eckigen Kurs (1.522 m) sehr oft im Kurvenäußeren überholen musste. Mein angepeiltes Tempo war 4:30 min/km, was ich 3,5 h lang immer knapp unterboten habe, so dass ich tatsächlich diesen Schnitt auch lief. Bei 50 km hatte ich 3:44 h, was perfekt war. Danach konnte ich dieses Nieveau leider nicht mehr halten, aber immerhin noch mit 4:40 min/km die letzten 2,5 h durchlaufen. Man hangelt sich dann von "Milestone" zu "Milestone": 4 h, 60 Km, 5 h, 70 Km, 5,5 h, 75 Km - das war mein Minimalziel. Am Ende war dann nochmal Vollgas angesagt. Es standen dann 79,44 km auf meiner Garmin-Uhr. Komplett durchgelaufen, das war mir wichtig.

2.     Was gab es als Belohnung? Bier und Schnitzel?

Die Belohnung hatte ich schon während des Rennens im Kopf und einige Mitstreiter teilten meine Leidenschaft: erst mal ein Weißbier und ein Paar Nürnberger mit Sauerkraut. Das war super lecker. Die größte Belohnung war aber das strahlende Gesicht meiner Lebensgefährtin Anna, die mich das ganze Rennen über unterstützt hat und mir sogar eine warme Nudelsuppe nach 4 h angereicht hat, weil ich irgendwann keine süßen Gels mehr sehen kann. Auch ein psychologischer Trick, den ich selbst einmal für den Triathlon entwickelt hatte, wo ich immer bei 100 km auf dem Rad eine schön salzige Suppe zu mir nahm.

3.     Würdest du diesen DM-Titel als deinen größten sportlichen Erfolg bezeichnen? Oder welche anderen errungenen Erfolge sind dir besonders wichtig?

Ich denke, dass dies eine logische Folge einer Chronologie der letzten 25 Jahre war. Eine Entwicklung die nicht nur durchs Laufen, sondern vor allem durch meine jahrelange Langdistanzerfahrung im Triathlon möglich war. Ich würde diesen lang gehegten Traum auf eine Stufe mit meinem ersten Finish auf Hawaii 2005 stellen. Das waren einfach überwältigende Emotionen. Auch der Deutsche Marathon-Meister Titel mit der Mannschaft in der M50 im letzten Jahr in Frankfurt reiht sich da nahtlos ein, da Marathon in Deutschland den höheren Stellenwert hat. Aber ein Einzeltitel ist immer etwas Besonderes.

4.     Nachdem das Jahr nun so erfolgreich begonnen hat, was sind deine weiteren Ziele für 2016?

Tatsächlich sieht es so aus, das ich nach den Siegen über 50 km in Marburg und Eschollbrücken und dem jetzigen DM-Titel erst mal keine Meisterschaftsambitionen habe. Vielmehr bereite ich mich langfristig auf das Projekt Deutschlandlauf 2017 vor. Dazu gehört es, in diesem Jahr (September) auch den Transalpine Run, einen 7-Tage Lauf durch die Alpen, zu bestreiten und anschliessend nahtlos den Schwarzwaldlauf, eine 5-tägige Veranstaltung, zu absolvieren. Beide Rennen sollen der Härtetest für die 1300 km im Juli 2017 werden. Ansonsten wird man mich sicher wieder bei den Deutschen Marathonmeisterschaften in Frankfurt sehen, wo ich gerne meinen Titel mit den Kollegen der LG Bad Soden-Neuenhain (LG BSN) verteidigen würde.

5.     Lange gelaufen bist du ja schon immer: so hast du in 2010 und 2012 beispielsweise den Weiltal-Marathon gewonnen und eine Marathon-Bestzeit von 2:39 h aufzuweisen. Wie bist du aber zum Ultralaufen gekommen?

Ja, den Weiltalmarathon könnte man als mein Wohnzimmer bezeichnen. Den bin ich 12-mal gelaufen und habe dabei neben vielen Altersklassenpokalen in allen Jahren in 2010 und 2012 den Gesamtsieg erringen können. Meine Marathonbestzeit konnte ich in Frankfurt 2011 laufen. Erstmals unter 2:40 h war eine lang angepeilte Marke, die ich danach auch nie wieder geschafft hatte. Das war das Jahr nach Beendigung meiner Triathlon Langdistanzkarriere, von der ich noch lange gezehrt habe. Das Ultralaufen an sich betreibe ich aber schon viel länger. Ich bin immer ein Grenzgänger zwischen 3 Sportarten gewesen: Straßenlauf, Triathlon und Traillauf. Begonnen hat das Ganze 1996 mit dem langen Rennsteiglauf (68,5 Km-Trail).

Nach meinen Hawaii-Starts habe ich mir immer ein Jahr Auszeit genommen und in dieser Zeit Langstreckenprojekte gestartet: zum Beispiel den 100 km Lauf in Biel 2006 oder den Transalpine Run 2009. Ich bereite so etwas immer langfristig vor, nie spontan. Ich setze mir da neue Ziele, die jenseits meiner Grenzerfahrungen liegen und versuche sie zu erreichen. Traillaufen ist inzwischen zu einer Passion geworden und die Grenzen sind da unfassbar weit.

6.     Wer solch lange Strecken läuft, muss auch im Training viele Kilometer abspulen. Machst du das alleine oder hast Du Trainingspartner? Bist du jemand, der auch mit Musik im Ohr läuft?

Trainieren muss ich leider oft alleine, da bei dem Trainingspensum Zeitmanagement neben dem Beruf eine große Rolle spielt. Außerdem wohne ich seit kurzem im Odenwald, weit ab von meinen Vereinskammeraden, so dass ich viel mit meiner Freundin laufe oder mich einfach zu Trailevents mit Freunden im Odenwald oder Taunus verabrede, die wir selbst organisieren. Die Truppe nennt sich "Trailfever".

Ich laufe nie mit Musik im Ohr, da ich die Natur viel zu sehr liebe. Ich nehme nicht nur optische Reize, sondern auch akustische und olfaktorische Einflüsse wahr. Das macht den Reiz des Landschaftslaufens aus und erhöht den Erlebnissfaktor. Außerdem würde die Musik den Gedankenfluss behindern, da Laufen auch eine Entspannungsübung ist. Der Körper wird belastet während sich das Gehirn mehr und mehr entspannt und die Gedanken anfangen zu fliegen. Das schließt allerdings nicht aus, dass ich auch mal gerne eine schnelle Runde durch den Wald ballere.

7.     Welche Trainingsphilosophie verfolgst du hierbei?

Wie oben beschrieben bin ich eher der Genussläufer, was mir die Meisten wegen meiner Zeiten nicht abnehmen wollen. Natürlich muss ich einen guten Mix aus Be- und Entlastung finden, aber das ist immer ein Spiegelbild meines körperlichen Befindens. Deshalb trainiere ich schon seit vielen Jahren nicht mehr nach Plänen, sondern entwickle diese von Woche zu Woche neu in meinem Kopf, aber nie ohne mein Ziel aus den Augen zu verlieren.

8.     Welche Trainingseinheit nervt dich am meisten? Welche Einheit ist für dich besonders hart?

Nerven tut mich am meisten das Bahntraining, das aber sehr effektiv für die Grundgeschwindigkeit und Technik ist. Härter empfinde ich aber den Tempodauerlauf, der für die längeren Distanzen einfach unerlässlich ist, wenn man schnell sein möchte. Aber auch den kann man genießen. Ist eine Kopfsache. Oder man bestreitet einfach Wettkämpfe.

Stabi hat mich früher genervt, gehört aber inzwischen zu meinem morgendlichen Tagesablauf dazu wie Zähne putzen. Ohne das könnte ich nicht mehr laufen.

9.     Verrate uns doch einen Psychotrick, der dir über den toten Punkt im Training und/oder Wettkampf hilft. Rechnest du jeden Kilometer mit?

Na ja, alle Tricks soll man nicht verraten, gelle. Aber eines ist sicher sehr individuell, nämlich das Schmerzempfinden jedes Einzelnen und die Art damit umzugehen. Wenn man in der Lage ist über den Schmerz hinweg zu gehen, indem man aus dem reichlichen Fundus seiner jahrelangen Lauferfahrung profitiert und sich besinnt wie man solche Situationen in der Vergangenheit bewältigt hat, dann wird man mit jeder überstanden Krise noch stärker im Kopf werden.

Man schaut öfter auf die Uhr, wenn es einem mies geht. Das ist mir schon aufgefallen. Diesen Reflex sollte man besser unterdrücken, da es schlecht für den Kopf ist.

10. Viele Athleten achten besonders auf ihre Ernährung. Verfolgst du eine besondere Philosophie hinsichtlich dessen, was du isst oder trinkst?

Au weia, da würde jeder Ernährungsberater schreiend davonlaufen. Ich bin ein sogenanter Allesfresser, wobei alles nicht unausgewogen bedeutet. Ich esse auch viel Gemüse, Obst und Salate. Ich hab nichts gegen Veganer. Ich habe das ausprobiert, für mich wäre es aber nichts, fleischlos zu leben. Ich trinke auch gerne mal ein Bier mit Alkohol, da ich noch nicht feststellen konnte, das es meinen Leistungen abträglich ist. Ich habe es auch umgekehrt ausprobiert. Warum soll ich also auf die Belohnung nach dem Training verzichten?

11. Was sind deine liebsten Laufgewohnheiten: Hast du eine Lieblingsstrecke? Eine Lieblingstageszeit?

Eher nicht. So lange ich nicht morgens um 6 laufen muss, ist mir alles recht. In der glühenden Mittagshitze im Hochsommer muss auch nicht sein. Lieblingsstrecken gibt es einige im Taunus, die ich leider nur noch selten laufen kann, aber ich suche mir gerade eine neue Runde im Odenwald, der auch ein phantastisches Laufrevier ist.

12. Bleibt eigentlich neben deinem Job und dem Laufen noch Zeit für andere Dinge?

Ja definitiv. Nach Beendigung der Ironman-Geschichte habe ich erst mal gemerkt, wieviel Zeit mir neben dem Training noch bleibt. Im Moment arbeite ich viel an meinem Häuschen, mache Ausflüge mit Anna und vieles mehr, z.B. Radeln, Sightseeing, Lesen, Kino, "Schoppepetze" mit Freunden.

Der Quickie:

Film oder Buch? Film

Bier oder Wein? Bier

Berge oder Meer? Berge

Bayern München oder Borussia Dortmund? Borussia

Fleisch oder Gemüse? Fleisch

Volksmusik oder Metal? Metal

TV oder Buch? TV

Bestzeiten:

5.000m:

16:58 min.

Hofheim

2006

10km:

0:34:14 min.

Offenbach

2011

Halbmarathon:

1:16:45 h

Frankfurt

2012

Marathon:

2:39:13 h

Frankfurt

2011

50km:

3:26:17 h

Marburg

2015

100km:

8:50:01 h

Biel

2006

6h:

78,631 Km

Nürnberg

2016

 

 

 


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