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Interview Hendrik Pfeiffer

[eingestellt am 26. April 2016]

By: Volker Goineau

Fotos: Klaus Pfeiffer

Das Experiment des Unbekümmerten

Der 23jährige Hendrik Pfeiffer lief am vergangenen Sonntag mit 2:13:11 h in Düsseldorf ein famoses Marathon-Debüt und qualifizierte sich damit für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Wie er das Rennen erlebt hat und wie seine Vorbereitung verlief, lest ihr im Interview.

 

Laufticker: Hendrik, herzlichen Glückwunsch zu diesem Marathon-Debüt! Hattest du  ansatzweise mit einer solch schnellen Zeit gerechnet?

Hendrik Pfeiffer: Nicht wirklich. Ich hatte gehofft, dass ich eine 2:13er Zeit laufen und das Rio-Ticket lösen kann, aber mir war bewusst, dass es auch schief gehen kann. Ich hatte gehörigen Respekt vor der Strecke und dieser schnellen Zeit. Dass es eine 2:13:11 geworden ist, ist einfach super!

Wie hast du den Wettkampf erlebt und wie waren vor allem die äußeren Bedingungen während des Rennens?

Also die Bedingungen waren zwar nicht ganz so schlecht wie aufgrund der Vorhersagen befürchtet, jedoch nicht wirklich einfach. Es war schon windig, da haben mir meine Tempomacher sehr geholfen. Und jenseits der 30km kam sogar ein Hagelschauer auf. Zum Glück hatte ich da bereits einen Puffer auf die anvisierte Zeit und konnte das gut durchbringen. Beide Hälften waren so ziemlich gleich schnell, was super war und zeigt, dass ich genau das richtige Anfangstempo gewählt habe.

Den Mann mit dem Hammer hast du also gar nicht getroffen. Hast du in den Tagen vor dem Rennen eine Saltin-Diät o. ä. gemacht und wie hast du dich während des Laufs verpflegt?

Nein, so etwas Spezielles habe ich nicht gemacht. Ich habe aber natürlich zugesehen, dass ich viele Nudeln etc. esse, damit die Kohlenhydratspeicher gut gefüllt sind. Während des Rennens habe ich ab der ersten Verpflegungsstelle immer getrunken. Nach 5km nur Wasser, und danach immer ein Kohlenhydratgetränk, jeweils ein paar Schlucke. Ich habe die ganze Zeit auf den Mann mit dem Hammer gewartet, aber er kam einfach nicht!

Kommen wir zu deiner Vorbereitung: Wie hoch war dein Umfang und wie viele lange Läufe hast du gemacht?

Eigentlich war es gar keine so ernsthafte Marathonvorbereitung. Das Training war eher auf den Halbmarathon in Berlin ausgelegt, um dort die Nominierung für die EM in Amsterdam sicherzustellen. Ich habe nur leicht den Umfang erhöht, hatte in den Belastungswochen zweimal jeweils 200 km und weitere drei Wochen zwischen 175 und 195 km. Neben einem Trainingslauf über die Marathondistanz in ca. 2:30 h habe ich einen 35er und einen 32er gemacht, ansonsten keine so richtig langen Läufe. Nach diesem richtig langen Lauf war ich die letzten neun Tage vor dem Düsseldorf-Marathon sogar etwas verletzt am Schienbeinmuskel, sodass der Start sogar fast auf der Kippe stand. Optimal verlief die Vorbereitung also nicht.

Du warst auch in Kenia. Wie hast du das Training dort erlebt und in welcher Hinsicht hast du am meisten davon profitiert?

In Kenia habe ich ganz schön gelitten im Training. Die Höhe und das Streckenprofil haben mich fertig gemacht und ich konnte mit meinen Trainingspartnern Manuel Stöckert und Tom Gröschel häufig gar nicht mithalten. Insgesamt konnte ich wohl nicht so effektiv trainieren, wie ich es bei mir zu Hause hätte tun können, aber die Zähigkeit, die man dort erlernt, hat mich vor allem mental stark gemacht.

Auch die Tatsache, dass du nach dem erfolgreichen Berliner Halbmarathon die EM-Teilnahme sicher hattest, hat dir den Marathonstart sicherlich mental erleichtert, oder?

Ja, auf jeden Fall! Ich konnte unbekümmert an das Experiment Marathon herangehen. Nach der Absenkung der Olympianorm wollte ich es einfach schon ein Jahr früher als geplant auf dem „langen Kanten“ probieren. Vor allem hat mich auch das eher überraschende „ja“ meines erfahrenen Trainers Tono Kirschbaum darin bestärkt, den Marathon anzugehen.

Es hat sich ja gelohnt! Marathon scheint dir zu liegen...

Ja, auf jeden Fall! Marathon ist meine Strecke. Ich sehe hier für die Zukunft noch viel Steigerungspotenzial.

Nun hast du Julian Flügel, der ebenfalls die Norm unterboten hatte, aus dem Team für Rio  verdrängt. Des einen Freud ist des anderen Leid... Was würdest du eigentlich von „Marathon-Trials“, wie sie in den USA durchgeführt werden, halten?

Prinzipiell fänd ich das eine gute Sache. Es sollte richtig aufgezogen werden und sich auch finanziell lohnen. Auch der Fünft- und Sechstplatzierte sollten noch gut entlohnt werden, schließlich betreiben die Athleten dann alle einen sehr großen Aufwand, um an dem einen Tag fit zu sein. Allerdings wäre es schon krass, wenn ein Arne Gabius dann genau an dem Tag krank wäre... dann würde er zu Hause bleiben. Das wäre der Haken an diesem Qualifikationsmodus.

Danke für diese Einblicke und Einschätzungen von dir, Hendrik! Wie geht es denn jetzt für dich genau weiter?

Zunächst stehen zwei Wochen Reha auf dem Programm. Es wird auch erst einmal untersucht, ob in meinem Schienbein etwas kaputt ist. Hoffentlich komme ich dann wieder gut auf die Beine und dann geht es auch schon los mit der spezifischen Vorbereitung auf den EM-Halbmarathon im Juli in Amsterdam und den Olympiamarathon im August in Rio, ohne andere Wettkämpfe. Bahnrennen sind für dieses Jahr keine geplant.

Dann danke ich dir für das Gespräch und wünsche dir jetzt nicht nur für Amsterdam, sondern vor allem auch für Olympia in Rio viel Erfolg!

Im Januar hatte Heike Klein Hendrik in Monte Gordo kennengelernt und dieses Portrait über ihn geschrieben.


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