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44. Volkslauf Neustadt-Gimmeldingen

[eingestellt am 02. Juli 2016]

By: Heike Klein

Ein Lauf für die Seele, Geist und Körper

Neustadt, 01. Juli 2016 - "Das ist keine Strecke für Bestzeiten", prognostizierte Organisator Harald Hoffmann vom TV Gimmeldingen wenige Minuten vor dem ersten Start. Vier Distanzen sind im Angebot des Volkslaufs.

Ein Jahr pausierte der Verein,  bedingt durch einen maroden Holzsteg, der im Vorjahr dafür sorgte, dass der Veranstalter vergeblich auf eine Instandsetzung wartete und deshalb mit der Veranstaltung aussetzte.

Auch beim Neubeginn 2016 war die Brücke noch nicht repariert, ein kleines Zeichen, wie langsam im "Tal der Mühlen" die Mühlen von Forst und Verwaltung mahlen. Die Geschichte der kleinen Holzbrücke ist dabei eine Besondere. Auf Nachfrage bei den einzelnen Institutionen vor einigen Monaten, behauptete die Forstverwaltung Reiter und Pferd hätten die Brücke beschädigt. Andere vermuteten hingegen, es sei die Forstverwaltung selbst gewesen, als sie im idyllischen Gimmeldinger Tal in Massen Holz "machte". So oder so - diese fehlende, einfache Brücke interessierte nur noch die Wanderer des Pfälzerwald Vereins und eben die Läufer. Es gab zwar eine kleine Umgehung. Aber wer die Pfälzer kennt, weiß wie stur sie sein können. So hing eines Tages auch ein offiziell aussehendes Schreiben an einem Baum bei der maroden Brücke, in dem behauptet wurde, der Forst sei dermaßen beschäftigt, dass es noch Jahre dauern würde, bis die Brücke erneut begehbar sei. Unterschrieben mit "Pfälzerwald Verein". Doch dort wusste man von nichts. Es war die Aktion eines Einzelnen. Dieser blieb zwar unerkannt und unentdeckt. Aber er machte die Berichterstatterin auf das Problem aufmerksam. So war die Aktion immerhin wirkungsvoll genug, dass Presseanfragen bei der Gimmeldinger Ortsvorsteherin und dem Forst ergaben, dass die Brücke sogar auf dem Grenzgebiet zum Kreis Bad Dürkheim liegt. Die bohrenden Fragen sorgten für etwas Bewegung. Irgendwie haben es dann der Deidesheimer Bürgermeister und die rührige Ortsvorsteherin geschafft, die verschiedenen Parteien an einen Tisch zu bringen, wobei der Forst keine Dringlichkeit in dieser Angelegenheit sah. Kein Wunder, hat die Forstverwaltung doch schon längst alle Hände voll zu tun, überall abzuholzen, Wege mit ihren Maschinen zu zerstören und auch die prächtigsten Bäume zu schlagen. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Wer den Volkslauf in Gimmeldingen noch nicht kennt, sollte sich also dann 2017 auf den Weg machen. Und selbst nachsehen, ob die Brücke zumindest bis dann endlich wieder begehbar ist. Kurz nach der umstrittenen Brücke führt die Strecke durch eine Talaue, wie sie schöner und lieblicher nicht sein könnte. Zwar hat dort der Forst auch einige der prächtigsten Bäume entfernt, und der Kahlschlag schmerzt körperlich und seelisch, doch die Natur überdeckt hoffentlich mit ihrem Wildwuchs die menschlichen Sünden.
Doch ob mit oder ohne Brücke - die Strecke des Volkslaufs ist genial. An heißen Sommertagen beträgt die Temperatur rund drei Grad weniger als auf städtischem Asphalt. Diesmal jedoch herrschte sogar perfektes Laufwetter. Der Wind, der sich manchmal in leichten Böen auf dem Sportplatz zeigte, machte den Läufern im engen Tal überhaupt nichts aus. Dort konnten sie zwar windgeschützt ihre Bahnen ziehen, mussten aber neben rund 100 Höhenmetern Steigung auf der Zehn-Kilometer-Runde  auch entsprechend bergab Passagen hinnehmen. Also keine Strecke, um neue Bestzeiten anzupeilen.

Durch die Umleitung wegen der fehlenden Brücke gab es einen kleinen Umweg.

Doch Hoffmann verlegte den Start um einige Meter. "Wir haben heute noch die Wege etwas "trocken" gelegt. Der Waldboden ist weich, dazu kommen noch die Steigungen", erläuterte Hoffmann, wieso er nicht damit rechnet, dass die alten Streckenrekorde fallen.

Gut angenommen wurde die Premiere über 3000 Meter. Ein Angebot, das vor allem das "kleine Olympia", das Sportabzeichen, unterstützen soll. Das Ergebnis über drei Kilometer kann  für den Bereich Ausdauer beim Sportabzeichen gewertet werden. Gewonnen hat bei der Premiere Max Böhnke. Der Gimmeldinger ist bei dem Volkslauf für die Technik zuständig. "Ich hatte nicht mehr Zeit zur Verfügung, sonst wäre ich vielleicht den Zehner gelaufen. Aber ich gebe immer alles, und jetzt bin ich komplett ko", gestand der 22-Jährige. Ümit Akyayla aus Neustadt hat das Sportabzeichen im Blick. Der Boxer hofft, dass "die Zeit reicht". Tobias Bauer, der Rang zwei belegte, war etwas angeschlagen und wollte daher auch nicht eine längere Strecke laufen. "Es ist ein tolles Ereignis und es macht einfach Spaß dabei zu sein", meinte der 17-jährige Gimmeldinger. Auch der Jugendlauf wurde auf das Sportabzeichen zugeschnitten und ging über 800 Meter. Gewonnen hat Maximilian Ley aus Worms. Dritter wurde Fabian Schulz aus Gimmeldingen. "Es ist mein Heimatverein und diese Distanz ist meine Lieblingsstrecke", betonte er. Schnellstes Mädchen wurde Mia Böckenhoff. Die elfjährige Gimmeldingerin wohnt um die Ecke. Auch sie läuft am liebsten die Mittelstrecke.
Über zehn Kilometer wurde es eine klare Angelegenheit für einen Saarländer. Matthias Merk hatte über 20 Sekunden Vorsprung vor Daniel Kopf aus Haßloch und dem Dritten, Mario Steiner aus Esthal, der für den 1. FC Kaiserslautern antritt. Kopf, offensiver Mittelfeldspieler beim VfB Haßloch sieht die Volksläufe als Vorbereitung auf die Saison. "Aber meine Zeit war nicht vergleichbar mit der vom Altstadtlauf. Heute war ich über drei Minuten langsamer." Ein Hinweis, dass die Strecke, landschaftlich reizvoll am Bach entlang durch den Wald, tatsächlich nicht für Rekordjagden geeignet ist. Im Halbmarathon hatte der spätere Sieger Joshua Klein (LG Region Karlsruhe) zwar seine Uhr fest im Blick, doch es ging für ihn vor allem darum "nicht zu schnell zu laufen". Für den Neustadter waren die Bergab Passagen der anstrengendere Teil. "Die Waldwege waren in Ordnung, es war nicht mehr matschig", lobte er den Veranstalter.   Klein hielt sich indes genau an den Marschroute seines Trainers. Auf der zweiten Runde begleitet von seinem Heimtrainer Jens Laudage auf dem Mountain-Bike blieb der 18-Jährige stets in seinem Komfort-Bereich. Trotzdem gelang Klein bei seinem ersten Start beim Gimmeldinger Lauf ein deutlicher Sieg in 1:27 Stunden mit zwei Minuten Vorsprung vor zwei Haßlocher Läufern. Überhaupt war die Entscheidung um die nächsten Plätze hinter dem Sieger die spannendere Show an diesem Abend. Lange Zeit lag Jonas Wachtendorf (Worms) auf Rang zwei. Bei der letzten Wende, rund fünf Kilometer vor dem Ziel, betrug sein Vorsprung rund 150 Meter. Doch die beiden Verfolger, Martin Postel und Dominik Beck, zogen sich immer näher an ihn heran und gingen schließlich zusammen eine Minute vor ihm über die Ziellinie. "Wir haben taktisch klug gearbeitet", sagte Postel. Bergab hätten sie schließlich ihre Chance gesehen, bei den Steigungen wäre es nicht möglich gewesen, an Wachtendorf heran zulaufen, ergänzte Beck. Beide bereiten sich auf den Amsterdam Marathon im Oktober vor. Schnellste Frau über 21,1 Kilometer wurde Sabine Zürker. Sie siegte bereits vor zwei Wochen beim Altstadtlauf im Gimmeldingen. Es war ihr erster Start in Gimmeldingen. "Eine wunderschöne Strecke. Ich komme hier wieder zum Wandern her", betonte sie. Diesmal habe sie sich auf ihren Lauf konzentrieren müssen und von dem idyllischen Tal weniger mitbekommen. Auf Rang zwei landete zehn Sekunden hinter Zürker die Haßlocherin Yvonne Jung.
Interessant auch die kleinen Geschichten am Rande.

So ist fast jedes Wochenende  das Familienquartett Silzle aus Landau bei einem Volkslauf in der Umgebung am Start.

Die Zwillinge Lara und Marty ziehen begeistert mit. Auch wenn sie beim Volkslauf in Gimmeldingen "nur" drei Kilometer gelaufen sind. "Wir sind auch schon Distanzen über fünf Kilometer gelaufen", sagt die siebenjährige Lara. Der "kleine" Schülerlauf über 800 Meter ist den Geschwistern jedenfalls "viel zu kurz".

Ihre Eltern sind dabei, weil sie gerne Ausdauerläufe machen. "Locker, zum Spaß und ohne Leistungsdruck", betont Mutter Stefanie. Vor zwei Wochen waren sie als Familienstaffel über zweimal 2,5 Kilometer am Start. "Diesmal war es in Gimmeldingen besonders spannend", erzählt Vater Frank. Er und Sohn Marty seien etwas zu spät zum Start gekommen, das Feld sei bereits unterwegs gewesen. "Und trotzdem haben wir noch einige überholt", freute sich Marty. Die Botschaft der Vier aus Landau: "Laufen in der Natur macht Spaß. Besonders hier, das ist eine der schönsten Strecken überhaupt."

Dass die Duschen beim Vereinsheim und der kleinen Sporthalle am Sportplatz des TV Gimmeldingen marode sind, erklärte Organisator Hoffmann bereits am Start. Er verwies auf die Möglichkeit, in die zweite Sporthalle, rund einen Kilometer entfernt zu fahren. Die wenigsten Läufer machten davon allerdings Gebrauch.

Und auf alle Fälle waren Karen Drees und ihr Partner Lutz Schmeckenbecher aus Speyer vorbereitet. Die beiden Hobbyläufer haben ihre eigene Dusche im Auto immer dabei. Beim Volkslauf des TV Gimmeldingen verzichteten sie auf die baufälligen Duschanlagen beim Vereinsheim der Gimmeldinger ebenso wie die Fahrt zur Vereinsturnhalle am Hildenbrandseck. Sie sprühten sich mit einer Spritze ab, wie sie auch Landwirte, Gärtner oder Winzer benutzen, wenn sie Schädlinge chemisch bekämpfen wollen. In der Spritze mit fünf Liter Fassungsvermögen war aber "nur" reines Wasser. Auch auf Duftstoffe oder eine leichte Mischung mit Duschzusätzen verzichten die beiden Läufer. Statt Schädlingsbekämpfung sollte nur der Schweißgeruch beseitigt werden.  "Wir sind nicht die Schnellsten. so gibt es manchmal bei den offiziellen Duschräumen nur noch kaltes oder sogar dreckiges Wasser", meinte Drees lachend. Sie wollen es nicht darauf ankommen lassen, dass ihnen der Spruch "wer zu spät bekommt, den bestraft das Leben", aus den Sanitärräumen entgegen schallt. Mit 73 Minuten war Schmeckenbecher  als Viertletzter rund 35 Minuten langsamer als die Schnellsten über zehn Kilometer. Gefallen hat es den Domstädtern im idyllischen Gimmeldinger Tal dennoch sehr gut. "Wir kommen immer gerne hierher. Alles ist familiär, kurze Wege, kein großer Aufwand, mit viel Idealismus richtig "handgemacht", lobt Schmeckenbecher. Und seine Partnerin ergänzt: "Mit unserer Handdusche führen wir vielleicht mal einen neuen Trend ein. Einfach in den Baumarkt gehen, dort kann man so ein Teil kaufen."  Ob sie das allerdings auch im Winter praktizieren, diese Frage wurde an diesem Sommerabend nicht erörtert. Nach dem zarten Sprühnebel fühlten sie sich immerhin "ausgehfein". Und begaben sich auf den Weg zu einem der vielen netten Lokale in Gimmeldingen oder den angrenzenden Weindörfern.

 

KOMMENTAR:

Das Beispiel der zerstörten Brücke im Gimmeldinger Tal beweist eines: Die Forstverwaltung in Rheinland-Pfalz plündert momentan die Natur. Egal, wo man rund um Neustadt unterwegs ist. Überall sind die Wege, die selbst Reitern oder Mountain-Bikern strikt verboten sind, durch die überbreiten Erntemaschinen mit ihren dicken Stollenreifen in Mitleidenschaft gezogen. Es ließe sich an vielen Beispielen belegen. Dass die Verwaltung zumindest eine Art "schlechtes Gewissen" dabei hat, zeigt auch, dass dei Holzabfälle und Baumstümpfe teilweise an manchen Stellen recht schnell spurlos verschwinden. Doch der zerstörte Boden und irgendwo im nirgendwo die aufgestapelten dicken Baumstämme verraten die Sünden. Und wie Meldungen aus Landau oder Grünstadt und Bad Dürkheim beweisen, ist das nicht nur in der Neustadter Gemarkung der Fall. Momentan kann man nur noch mit zusammen gepetzten Augen durch den Pfälzerwald laufen. Und überall mit großem Bedauern feststellen: "Mein Freund der Baum ist tot."

 

Ergebnisse: www.laufinfo.eu


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