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Naegele, Lukas

[eingestellt am 13. Oktober 2016]

By: Jörn Harland

Fotos: Inger Diederich

Den am 06.03.1989 in Freiburg geborenen Blondschopf könnte man auch Mr. Transalpin nennen. Gewann der für den PTSV-Jahn-Freiburg startende Athlet doch im letzten Jahr sensationell die Bronze-Medaille beim TAR und wurde damit einem großen Publikum in der Berg- und Traillaufszene bekannt. Darf ich vorstellen: Lukas Naegele mit ae und nicht mit ä bitte.

Lukas hat seinen Bachelor der Sportwissenschaften an der DSHS in Köln absolviert (2009-2013). Damals trainierte er in einem sehr leistungsstarken Mittelstrecken-Laufteam und war eher auf den 1500m und 3000m zu Hause. Nach seiner Kölner Zeit kehrte der sich in Eigenregie trainierende Läufer in seine Heimatstadt Freiburg zurück. Dort studierte er zunächst Sportwissenschaften im Master und war danach in einem Leistungsdiagnostik-Institut angestellt. Mit seinem damaligen Umzug in den Breisgau wuchs bei Lukas das Interesse an den langen Distanzen, erst flach und dann auch bergig. Seit einem Monat hat es Lukas jobbedingt wieder nach Köln verschlagen. laufticker.de traf den sympathischen Freiburger.

 

1.     Im Jahr 2015 konntest du sensationell den dritten Platz beim Transalpin-Run (TAR) belegen. Was ist das Besondere an diesem Event?

Der TAR ist ein unbeschreibliches Erlebnis! Das Format, 8 Tage einen Etappenlauf im Team über die Alpen zu bewältigen, übt eine riesige Faszination aus und das Rennen lässt sich als ein großes Abenteuer beschreiben! Es ist der Teamgeist (und damit meine ich nicht nur das Verhältnis der Laufpartner, sondern aller Teams, Organisatoren, Fotografen, Zuschauern…zueinander), der dieses Event so einzigartig und besonders macht. Man begibt sich gemeinsam auf eine lange, harte Reise über die Alpen, in der jeder einzelne so viele physische, mentale und emotionale Höhen und Tiefen durchlebt, die das Leben während dieser Zeit unglaublich intensiv machen. Für mich war es eine ganz neue Erfahrung eines Wettkampfes. Er hat wenig mit Läufen auf der Straße, geschweige denn auf der Bahn zu tun. Aber genau diesen Unterschied konnte ich in vollen Zügen genießen: Das große Miteinander und der Traum jedes Einzelnen etwas ganz Besonderes in einer großartigen Landschaft zu schaffen und zu erleben.

 

2.     Im Juni dieses Jahres durftest bei der Berglauf-WM Langdistanz das erste Mal das Nationaltrikot tragen. Dieses Erlebnis beschreibst du sehr eindrucksvoll auf deiner Webseite. Wie hast du das Rennen erlebt? Bist du zufrieden mit deiner Platzierung?

Das Rennen war bislang wohl das beste und eindrucksvollste, das ich in meiner Laufkarriere gelaufen bin. An diesem Tag funktionierte alles und mit der Platzierung bin ich mehr als zufrieden. Es war ein unglaubliches Erlebnis sich mit den besten Bergläufern in diesem Bereich messen zu dürfen. Ich konnte das Rennen vom ersten Kilometer an genießen; immer mit einer Gefühlslage irgendwo zwischen Ehrfurcht, unglaublicher Freude und großem Ehrgeiz meine beste Leistung an diesem Tag abliefern zu wollen. Im Voraus hatte ich mit einer Top-20 Platzierung geliebäugelt; das am Ende ein 8. Platz in der Ergebnisliste steht, ist wie ein Traum, den ich noch immer nicht so wirklich realisieren kann.

 

3.     Vor dieser sagenhaften Höchstleistung lag allerdings eine längere Leidenszeit. Was war passiert?

Ich musste im letzten Winter eine 3-monatige Laufpause überstehen, da ich mir Anfang Dezember letzten Jahres die Plantarfaszie angerissen habe. 12 Wochen kein einziges Mal die Laufschuhe zu schnüren, noch dazu im Winter, in dem Radfahren quasi nur auf der Rolle möglich war, war eine enorme Geduldsprobe. Viele Frühjahrsziele (u.a. Start beim Freiburg Marathon) musste ich absagen und eigentlich hatte ich auch die WM schon abgeschrieben. Anfang März konnte ich dann ganz langsam wieder ins Training einsteigen. Dass die Vorbereitung dann so gut laufen würde, damit hatte ich nicht mehr wirklich gerechnet.

4.     Betrachtet man deine Bestzeiten, so lässt sich erkennen, dass du eigentlich von der Mittelstrecke kommst. Was macht den Reiz dieser Distanzen aus?

In der Jugend waren es immer die 3000m, später dann die 1500m, auf denen ich mich sportlich überwiegend bewegt habe. Im Nachhinein betrachtet bin ich froh darüber, meinen Ursprung als Läufer auf der Bahn zu haben. Es ist die Geschwindigkeit und die Dynamik, die fasziniert. Man lernt technisch sauber zu laufen, lernt die Basics, die meines Erachtens für jeden Läufer (auch Trail- und Bergläufer) enorm wichtig sind. Der Reiz liegt in der Verbesserung der Bestzeiten; im Kämpfen um Sekunden und Hundertstelsekunden und dabei anaerob in seine absoluten Grenzbereiche zu gelangen. Es muss zu einem bestimmten Zeitpunkt alles passen: Das Rennen, das Wetter, die Beine, die Technik, die Taktik… Wenn man dann ein solches Rennen hat, und seine Leistung abrufen oder sogar über seine Erwartung hinaus steigern kann, ist das ein großartiges Gefühl, wonach jeder Bahnläufer strebt.

 

5.     Wie steigt man von der Mittelstrecke auf die Langstrecke um? Einfach Training verdoppeln (sicher nicht)? Was fiel dir am schwersten beim Umstieg?

Bei mir ging der Umstieg von der Mitteldistanz auf die längeren Distanzen einher mit einem Umzug von Köln, wo ich meinen Bachelor gemacht habe, zurück in meine Heimatstadt Freiburg. Aus sportwissenschaftlicher und rationaler Sicht mag ein Umstieg von 1500m direkt auf einen Marathon wenig Sinn machen. Aber für mich persönlich ging es nicht darum, von einem Moment auf den anderen "mich Marathonläufer" zu nennen und auf dieser Distanz auf einmal Topleistungen zu erzielen. Es war viel mehr eine emotionale Entscheidung, die ich damit begründet habe, dass das Laufen auf der Bahn mir nicht mehr den Spaß und die Freude bereitet hat, um es auf einem leistungssportlichen Niveau zu betreiben. In Freiburg habe ich zurück gefunden zu meiner eigentlichen Motivation und zu dem, was mich am Laufen immer so fasziniert und begeistert hat: Schuhe zu schnüren, und einfach los zu laufen, dorthin wo es schön ist, wo man abschalten kann vom Alltag, wo man die Schönheit der Natur ganz intensiv erleben darf. Ich persönlich habe dieses Gefühl immer im Wald und in den Bergen erlebt und die Begeisterung dafür ist tief in meiner Kindheit verwurzelt. Also bin ich los gezogen (nach einem halben Jahr 2013, in dem ich fast überhaupt nicht gelaufen bin) und habe meine Dauerläufe im Schwarzwald ohne Uhr und irgendwelche Zeit- oder Pacevorgaben gemacht. Ich habe den Spaß wiedergefunden! Das Training verdoppelt habe ich sicher nicht: klar, die Umfänge wurden größer, dafür fielen aber intensivere Einheiten weg.  Spaß ist wohl der Schlüssel zum Erfolg, das ist bis heute so geblieben! Ich schöpfe daraus meine Motivation, auch für die Phasen im Training und im Wettkampf, in denen es hart wird. Anfangs sind sicherlich die ganz langen 3h Läufe am schwersten beim Umstieg vom Mittelstrecken- zum Langstreckentraining. Allerdings ist dieser Übergang fließend und 90min. bis 2h Läufe sind eigentlich inzwischen die normale Dauerlauflänge.

 

6.     Der Schritt zum Marathon erfolgte im Jahr 2014. Du hast damals den Freiburg Marathon gewonnen. Hattest du damit gerechnet?

Ich habe damit geliebäugelt, aber beim ersten Marathon kann und sollte man sich seine Ziele niemals zu hoch stecken (egal wie gut das Training lief). Zu groß ist das Unbekannte bei einer solch langen Strecke und niemand vermag vorher zu sagen, was ab km 30-35 passiert. Ich wollte Spaß haben und möglichst weit vorne mitlaufen, das war das Ziel.

 

7.     Wie belohnst du dich nach einem guten Wettkampf oder gar einem Sieg?

Eigentlich habe ich keine wirkliche Belohnung, aber ich liebe gutes Essen und ich freue mich darauf nach dem Wettkampf, am besten im Kreise von Familie und guten Freunden, es mir gut gehen zu lassen; gerne auch mit einem kalten Bier oder einem Glas Wein :-).

 

8.     Welche Trainingseinheit nervt dich am meisten? Welches Programm absolvierst du besonders gerne?

Ich liebe lange Dauerläufe oder lange Grundlageneinheiten auf dem Rad in den Bergen: am besten mit einer großen Gruppe von Freunden und Trainingskollegen. Inzwischen sind Tempoeinheiten (besonders auf der Bahn) eher zur unbeliebten Pflicht geworden, die ab und zu sein müssen. Als ich noch auf der Mittelstrecke unterwegs war, waren es allerdings genau diese Einheiten, die ich besonders gerne absolviert habe.

 

9.     Was ist dein Psychotrick, dein Mantra, was dir über den toten Punkt in einem Rennen hilft?

Ich denke immer an Momente und Phasen, in denen es gut lief. Das können Momente im Training oder aber im Wettkampf gewesen sein. Das baut mich auf, bestätigt mich, dass ich es kann und löst in mir den unbändigen Willen und Ehrgeiz aus, es mir selbst und der Welt zeigen und beweisen zu wollen. Enorm wichtig in einem langen Rennen ist auch das gedankliche Einteilen der Strecke in mehrere Abschnitte. Ich denke niemals an die Distanz als Ganze, sondern setzte mir mentale Punkte, die ich nacheinander erreiche. Das können Verpflegungsstellen sein, oder Punkte an denen Verwandte/Freunde auf einen warten oder aber geographische Punkte (höchster/niedrigster Punkt der Strecke).

 

10.  Die technische Ausrüstung spielt mittlerweile ja eine nicht zu unterschätzende Rolle im Laufen. Welche App, welche Uhr begleitet dich?

Seit März nutze ich Strava und laufe mit einer Garmin Forerunner 235. Die App macht Spaß und ist, wenn man das alles nicht zu ernst nimmt, eine nette Möglichkeit sein Training aufzuzeichnen und sich mit Freunden und Trainingskollegen auszutauschen.

 

11.  Hast du eine Ernährungsphilosophie?

Nein. Ich versuche mich gesund und mit frischen Produkten zu ernähren. Aber Essen ist für mich eine Leidenschaft und bedeutet Genuss. Ich möchte das zu mir nehmen, was mir schmeckt und was meinem Wohlbefinden und meinem Körper gut tut.

 

12.  Was geht deiner Meinung nach gar nicht?

Doping! Und: Wer sich in den Bergen und in der Natur fortbewegt sollte diese auch schätzen und alles dafür tun, dass diese Schönheit nicht beschädigt wird. Jegliches Handeln gegen diese Prinzipien geht meines Erachtens gar nicht.

 

13.  Wer ist dein Vorbild? Hast du einen Lieblings-Athleten?

Ein wirkliches Vorbild habe ich nicht. Jeder schreibt seine eigene, individuelle sportliche Geschichte, die auf seine Art bemerkenswert ist. Faszinierend, auch deshalb weil ich mich selbst damit sehr gut identifizieren kann, ist sicherlich das sportliche Leben eines Kilian Jornet oder anderer Größen im Trailrunning-Bereich. Diese Personen sind häufig Freigeister, die raus gehen, weil sie die Natur und die Berge lieben und nicht um irgendwelchen Zeiten hinterher zu rennen.

 

14.  Wenn du mal nicht durch die Gegend läufst oder trailst, bist du auch sportlich unterwegs?

Ja. Ich absolviere einen sehr großen Anteil meines Trainings auf dem Rad (Rennrad und MTB). Dazu versuche ich so oft es irgendwie zeitlich möglich ist, Sportarten auszuüben, die ich in der Natur und in den Bergen machen kann. Im Winter Ski fahren (Alpin und Langlauf) und im Sommer Klettern, Bergsteigen, Wandern.

 

Ergänze bitte folgende Sätze:

1.     Ich laufe so gerne, weil….ich dabei abschalten kann und die Schönheit der Natur erleben darf.

2.     Wenn ich das nächste Mal in Urlaub fahre, dann…. geht es  vermutlich irgendwo in die Berge.

3.     Ich genieße….mein Leben.

4.     Sage immer die Wahrheit, doch…. bleibe dir selbst immer treu.

5.     Die beste läuferische Entscheidung in den letzten Jahren war… der Umstieg vom Bahnläufer zum Straßen- und Trailläufer.

6.     Freiheit ist für mich…. auf einen Berg zu steigen und dort den Sonnenuntergang bei einem leckeren Picknick zu genießen.

7.     Besonders dankbar bin ich im Moment für… jeden Tag, der mir die Möglichkeit bietet etwas ganz besonderes aus ihm zu machen.

 

Bestzeiten

800m

1:54,06min

1.500m

3:50,23min

3.000m

8:35,55min

5.000m

14:53,50min

10km

31:06min

Halbmarathon

1:09:46h

Marathon

2:28:38h

 

Internetauftritt: www.lukas-naegele.de/


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