Kanzlei.org - laufend gut beraten

Neuer Weltrekord im 6-Stunden-Lauf

[eingestellt am 16. März 2017]

By: Gabi Gründling

Fotos: Guido Gallenkamp

Eine BAERENS-tarke Leistung

Anläßlich der 6-Stunden-DM in Münster pulverisierte die Berlinerin Nele Alder-Baerens den 14 Jahre alten Weltrekord, lief mehr als zwei Kilometer mehr als die Japanerin Norimi Sakurei und gewann damit auch die Gesamtwertung deutlich vor dem schnellsten Mann.

Laufticker.de durfte ihr einige Fragen stellen. Acht der zehn Fragen hat 24 h-Weltmeister Florian Reus beigesteuert.

Dein Titel BAERENStarke Leistung paßt super, da ja mein Mann Matthias Baerens auch mithalf…

1. Hattest Du dir den Weltrekord vor dem Rennen zum Ziel gesetzt? Bzw. welches Ziel hattest Du?

Nun… Zum Ziel gesetzt wäre falsch. Aber als insgeheimen, nichtauszusprechen gewagten Traum im Hinterkopf gehabt schon. Weil ich den Weltrekord von 83,2km im Vorjahr in Nürnberg ja um „nur“ 200m verpaßte. Mit 85,492 km habe ich jedoch niemals gerechnet. Meine irrsinnige Hoffnung war eine 83,3. Für möglich hielt ich es, die 80km zu knacken, unter 75km wäre ich unzufrieden gewesen.

An dem Tag wußte ich aber genau: Wenn du bei 6h noch was reißen willst, dann heute, denn bessere Bedingungen wirst du nie wieder haben: Gutes Wetter mit strahlendem Sonnenschein und nur etwas Wind, große flache asphaltierte Runde, noch relativ jung und bei Kräften genug (man wird ja nicht jünger…). Ach, in Münster paßte einfach alles und es lief perfekt. Ich musste nicht zum pinkeln raus und die Betreuung und Flaschenübergabe durch meinen Mann Matthias Baerens funktionierte reibungslos, was wertvollen Zeitgewinn bedeutete. Ich bin so glücklich, dass es klappte… 

Dazu trug sicher ein besonderes, bisher einmaliges Erlebnis bei: Der Veranstaltungs-Sprecher Heino Krüger aus Ostfriesland organisierte in der dritt- oder viertletzten Runde im Zielbereich und der direkt anschließenden Schnellverpflegungsgasse das „Klatschen“ der Gehörlosen (hochgereckte Arme und die nach oben geöffnete Hand im Gelenk waagerecht hin und her drehen). Alle Zuschauer rechts und links machten mit. Am Ende der Gasse noch eine LaOla-Welle… Das war echt der Hammer. Krieg jetzt noch Gänsehaut. Von einem Ohr zum anderen fassungslos strahlend lief ich da durch und grüßte zurück. Es war der schönste Moment im Rennen (neben dem Stehenbleiben nach 85km nach 6h). 

Eine Erschwernis gab es jedoch – aber vielleicht war es ja gar keine: Sofort beim Start fiel meine Uhr aus. Blackscreen. Keine Tempokontrolle. Erst war ich stinksauer und drückte beim Rennen wild auf den Knöpfen rum, dann hab ich mich dreingefunden: "Gibt ja eine Uhr am Ende der Runde". Der nächste Hammer kam dann, als ich feststellte: "Scheisse, die zählt ja rückwärts!" (eigentlich logisch, klar). Und subtrahieren von vorher grob gemerkten Rundenzeiten im Rennen mit minderdurchblutetem Hirn ist nicht immer einfach... Doch bei der Splitzeit bei 50km von 3:24:13 (momentane Weltbestleistung und schneller als bei der WM in Doha) merkte ich dann: Oha. Vielleicht probiere ich es nächstes Mal auch: Die Uhr zwar starten, aber ignorieren. Nur bei den letzten Minuten fehlte sie mir, weil ich ja nicht wußte, wieviele Minuten / Sekunden verbleiben, um noch Restmeter rauszuschinden.

Die Auslastung der Runde wurde ja kontrovers kommentiert: Einige Läufer fanden es ok, einige zu voll, für mich war es grenzwertig. Einige Teilnehmer meinten, zu viert nebeneinander laufen bzw. walken zu müssen, einige Läufer blieben nach vorzeitigem Beenden auf der Strecke quatschend stehen, viele haben aber auch Rücksicht genommen und liefen außen oder machten Platz. Das Überholen war nicht einfach für mich. Nicht nur durch das schlechte Sehen, auch durch das fehlende räumliche Sehen konnte ich oft nicht erkennen: Laufen vier Läufer als Wand vor mir oder 2x2 Läufer leicht versetzt? Wenn ja, reicht die Lücke zwischen ihnen, um sich in der Mitte durchzuschlängeln? Oder muss ich ganz außen vorbei schlenkerlaufend auf der Grasnarbe stolpernd? Das hat in der Summe bestimmt einige Meter gekostet, aber das ging ja vielen so.

2. Der Winter und demnach auch die Phase der Vorbereitung war verhältnismäßig streng mit häufig glatten Straßen. Inwiefern konntest Du, trotz deiner Einschränkung mit dem Sehen dein Training bei den Bedingungen durchziehen?

Jetzt muss ich mich als rücksichtslose Läuferin outen… Ich lief bei den schlimmen Straßenverhältnissen teils auf der Straße oder auf dem Radweg um meinen Park herum, weil die Wege im Park unpassierbar waren (aber ich war nicht die einzige…). Danke an die Auto- und Radfahrer, die das (verständlicherweise nicht immer freundlich) mitgemacht haben. Es war nicht immer prickelnd, sich im Schneetreiben rauszuquälen oder auf vereisten Wegen zu „laufen“, auch die Kälte macht mir SEHR zu schaffen. Aber sowas ist dann auch ein gutes mentales Training – wichtig im Ultralauf. Doch dass ich daher zeitweise keine ordentlichen Tempoeinheiten laufen konnte, machte mir schon Sorgen.

3. Wie haben die Männer reagiert, nachdem Du sie alle geschlagen hast?

Soweit ich mitbekam, haben die Männer mir gratuliert und sich mit mir gefreut. Einer der beiden platzierten Männer (Benjamin Brade oder Christian Jakob?) sagte hinterher sinngemäß: „Als du mich überholtest, dachte ich, was geht denn hier ab!“. Ein anderer Mann beim zweiten Überrunden: „Hoffentlich nicht noch ein drittes Mal…“

4. Einige Läufer hatten im Vorfeld Befürchtungen hinsichtlich der Getränkeversorgung bei so vielen Teilnehmern, wie hast Du deine Versorgung gemanaget & was hast du im Rennen gegessen bzw. getrunken?

Sehr günstig war, dass Christian Pflügler zwei Verpflegungsgassen einrichten ließ: Eine für die langsameren Läufer und eine für die Schnellen, so konnte ein Geremple deutlich vermindert werden. Wie immer setzte ich wenn möglich komplett auf Eigenverpflegung und einen persönlichen Betreuer, diesmal meinen Mann. Er reichte mir jede Runde eine Flasche mit einem selbst angemixten Kohlehydratgetränk rein (deutlich preiswerter als die Fertigtütchen), manchmal mit einem gummibefestigten Info- oder Motivations-Zettel. So teilte er mir zB mit, dass ich in der letzten Runde das Begleitfahrrad bekomme, dessen Fahrer (danke an Oliver Ruf) dann das Sandsäckchen mit der Startnummer fallen läßt, weil ich die Schlußsirene ja nicht höre. Bisher orientierte ich mich daran, wann die anderen Läufer stehenbleiben. Somit war auch abgesichert, dass der Weltrekord anerkannt werden kann und nicht durch versehentliches Weiterlaufen disqualifiziert wird. Insgesamt trank ich von der Eigenverpflegung ca. 2,5-2,8 Liter, einiges blieb in den Flaschen übrig. Die Zielverpflegung plündere ich immer nach dem Lauf… Leider war diesmal schon fast alles weg. Aber Carmen Gottlob schmierte mir noch extra persönlich ein Chiabrötchen mit Schokoaufstrich – Danke!

5. Mittlerweile ist es fast schon zur Gewohnheit geworden - wenn Nele an der Startlinie steht, dann gewinnt sie auch. Wie gehst du mit dieser Erwartungshaltung, die sicherlich in der Szene herrscht, um?

Nein, es sollte keine Gewohnheits-Haltung werden. Man weiß nie was kommt, ob plötzliche Krämpfe oder ein Umknicken (gerade mit meinen Augen), ein Sturz, mentale Hänger, eine Trainingsverletzung oder pfeilschnelle Newcomer. Eine Erwartungshaltung würde mir schon zu schaffen machen. Vor einem Jahr konnte ich noch unbelastet als unbeschriebenes Blatt an den Start gehen. Nun nicht mehr. Irgendwann ist meine Zeit vorbei, das kann ganz schnell gehen. Aber ich bin so dankbar, was ich bisher erleben, erfahren und erreichen durfte. In die Ultralaufszene eintauchen und von ihr lernen durfte. Und ich möchte die Freude am Laufen nicht verlieren.

6. Wie hast du dich auf das Rennen vorbereitet? Wochenumfänge, längster Lauf etc.?

Eigentlich nicht anders als vorher. Meine Wochenumfänge liegen bei 130km. Dazu kommt Alternativtraining. Durch die Witterungsverhältnisse und damit verbundenen fehlenden „richtigen“ Tempoeinheiten habe ich fürs Gewissen an zwei bis drei Wochenenden noch ein paar zusätzliche Schleichkilometer (jeweils 20km) draufgepackt. Eine Woche vor Münster der letzte lange Lauf wie üblich mit 30km schneller und 10km auslaufen.

7. In welchem Tempo bist du die langen Einheiten in der Vorbereitung auf Münster gelaufen?

30km in ca. 2:04 – 2:08 Stunden, nachfolgend 10km in ca. 53 Minuten.

8. Da wir alle etwas von Dir lernen wollen: Wenn Du für deine tollen Erfolge nur einen Erfolgsfaktor nennen dürftest - welcher wäre das?

Ich fürchte, da kann man nicht viel lernen… Meine Meinung ist, dass es gerade im Ultralaufbereich Auswirkungen hat, dass jeder so individuell beschaffen ist, dass man kaum sagen kann, DAS ist DER Erfolgsfaktor: Der eine braucht jenen Trainingsplan, der andere würde daran kaputt gehen und braucht einen anderen. Der eine verträgt dieses Essen, der andere was ganz anderes. Der eine braucht einen motivierend-in-den-arsch-tretenden oder strukturgebenden Trainer, andere ziehen lieber ihr eigenes Ding durch. Der eine hat den Laufstil, der andere einen anderen – wie eben seine körperlichen Gegebenheiten sind. Um doch noch was Persönliches zu sagen: Bei mir ist es ein Mix aus Disziplin im Durchziehen des Trainings (fast egal wie Scheisse das Wetter, wie manchmal früh am Morgen und wie niedrig die momentane Lust ist – aber auch auf den Körper hörend) und dem Streben (!) nach meditativer Lockerheit beim Laufen. Auch vermute ich Vorteile darin, dass ich das Glück habe, verhältnismäßig wenig zu schwitzen.

9. Belohnst Du Dich für Deine fulminante Leistung? Mit einer Pause? Mit der einen oder anderen Leckerei, die Du Dir sonst lieber verkneifst?

Oja… Leckereien ohne Ende bis zum umfallen (für 1-2 Tage): Kuchen, Kekse, Schokolade, Knuspermüsli, Desserts… Bin ein absolutes Süßmaul. Mit dem Training ging es eigentlich bis jetzt immer recht zügig nach dem Wettkampf weiter. Die erste Woche natürlich mit reduzierter Intensität.

10. Interessieren sich Deine Kollegen für Deine Leistungen? Wie haben sie Dich nach dem WR empfangen?

Es wußte keiner. Also auch kein Empfang. Inzwischen haben es 2-3 Leute hinten herum erfahren. Aber ich habe den Eindruck, sie wissen mit den Ultralauf-Dimensionen nicht so recht was anzufangen. Ich habe dann versucht zu sagen: 2x Marathon hintereinander ohne Pause in 2:57:40 h.

Ein Portrait von Nele haben wir im Dezember 2016 veröffentlicht, Ihr findet es hier.


Kossmann Laufdesign