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Laufen in Peru

[eingestellt am 02. Februar 2010]

By: Luca Bongiovanni und Julia Wagner

Luca und Julia leben seit Dezember vorübergehend in Peru. Ihre Laufumgebung dort ist so interessant, daß wir eine Ausnahme von unserer Regel "keine Erlebnisberichte" machen und die beiden gebeten haben, zu erzählen, wie es bei ihnen so läuft:

Wir sind jetzt schon so lange hier, dass wir einiges zu melden haben. Anfangs dachten wir ja schon, wir würden die ganze Zeit hier alleine trainieren müssen und die ersten Wochen waren auch recht gewöhnungsbedürftig, weil wir noch nicht akklimatisiert waren. wir sind also brav innerhalb der CANCHA , so heisst die Bahn hier (die allerdings nur mit Sandbelag versehen ist -zumindest die in der Nähe unseres Zimmers im Bezirk von Pachakutek, etwas ausserhalb von Arequipa 2300 Metern etwa) unsere 30 min. bis 40 min. gejoggt und dachten, oh, Gott....wie soll daraus mehr als ein 5er Schnitt werden? 

Mittlerweile wohnen wir immer noch in Pachakutek haben aber schon Kontakt zu einer der besten Laufgruppen von Arequipa (die Stadt ist von 3 Bergen mit über 6000 Metern umgeben und zählt etwa 1 Mio. Einwohner, es ist die 2. Stadt Perus nach Lima (16 Mio.) und die Heimatstadt von Vargas Llosa, den Schriftsteller). 

Es gibt wohl einen Centro de alto rendimiento, also eine Art Olympiastützpunkt, wie in Heidelberg, (ähnliche Stützpunkte gibt es in Cuzco und Puno auf 3400 bzw. 3800 m und weil dort gerne auch die Peruaner trainieren) aber der Trainer, ein Cubaner (die Cubaner sind wohl als Trainer hier die erfahrensten und beliebtesten) hat uns nicht gross einbezogen. Dabei ist die Gruppe, zu der wir Anschluss bekommen haben, wirklich sehr gut.  

Wir trainieren jeden Tag und unser Trainer ist Peruaner mit brasilianischem und spanischem Ursprung, heisst aber Bollinger, also wohl auch Deutsch. Er ist sehr kompetent, super involviert in die Organisation der verschiedenen Wettkämpfe in der Region bis zum Colca (Arequipa hat eine sehr grosse Provinz, die bis zum Colca langt). Wir treffen uns jeden Morgen, um "Punkt 6 Uhr" an verschiedenen Orten, wo das Training geplant ist, (die Anführungszeichen für das Wort "in punto", das hier immer fällt, gilt der peruanischen Unpünktlichkeit, wo wir doch in Deutschland. als recht unorganisiert gelten, so sind wir hier die Allerpünktlichsten). Sergio, unser Trainer, kommt meist im Anzug, weil er danach arbeiten geht und fährt einen Jeep. Im Jeep können alle ihre Sachen ablegen, und das ist sehr wichtig, weil die Infrastrukturen und die Geldnot das Ablegen von Sachen wie auch das Duschen im oder ausserhalb des Stadions sehr erschweren. 

Für manche Trainingseinheiten, wenn wir in Cayma, dem höchsten Bezirk von Arequipa kann man Grundstücke für 1200 Soles (ca. 200 €) kaufen, weil es ein recht neues Viertel ist, was wir uns schon überlegt haben, Julia könnte eine Posta (für die medizinische Versorgung) aufmachen ich eine Sprachschule) laufen gehen, begleitet er uns mit dem Jeep, nimmt die Zeiten von allen und beschützt uns vor den Hunden, die hier wirklich sehr zahlreich sind und teilweise gefährlich sein können.  

Hier Trainer zu sein, heisst schon mal, wie überall Leidenschaft für Sport und Menschenliebe, aber auch viel Können und erfordert einiges an Resourcen, mehr als in Europa. 

Die Gruppe ist buntgemischt, wir haben Don Miguel, der mit über 70 (etwa 75) immer alle Meisterschaften gewinnt und immer das Training mitmacht (und das Training ist hart), dann ein paar Jungs, die 800 Meter laufen, und ein paar Mädchen , die entweder abnehmen wollen oder sich fit halten (aber alle machen ohne Ausnahme das Training mit und der Trainer behandelt uns alle gleich) und dann sind einige nationale Stars dabei, die eine extra Vorstellung und ein paar Worte mehr verdient haben. Das sind Miguel Canaza, bei dem wir jetzt wohnen und der hoffentlich auch 2011 in Deutschland aufkreuzen und für das CAPS Team starten wird (das müssen wir aber alles noch besser planen und ist momentan nur ein Traum für ihn und für uns, weil er unser bester und erster Kontakt gewesen ist) und Mariela, eine peruanische Topathletin mit verschiedenen Teilnahmen an IAAF- Meetings und Starts für die Nationalmannschaft (sie läuft 800 Meter und 1500 bis max. 10 km). Ausserdem ist noch Cesar dabei, der bald beim Marathon der Candelaria, dem grössten Event in Arequipa starten wird, der nicht ganz so stark ist wie Miguel, aber sicher der Zweitbeste in der Stadt. 

Einige andere Topathelten trainieren im Hauptstadion von Arequipa, und gehören zur Gruppe des "Professor" (so heissen die besseren Trainer) Cubano, der die Athleten des hiesigen Centro de alto entrenamiento betreut: Mario Bazan (mit einer Bestzeit von 8:28 und Nationalrekord über Hindernisse ist der beste Mann, 23 Jahre alt) und diese Woche war auch eine 800 Meter Läuferin aus Panama dort.  

Miguel und Cesar reichen mir als Trainingspartner völlig aus, da ich auf der Bahn noch eine Chance habe, mit Cesar im 3:10er, 3:05er Schnitt zu trainieren (montags 6 x 1600 m und donnerstags 20-24 x 400), während Miguel auch im 3er schnitt läuft, was ich im Moment noch nicht kann (obwohl sich die aerobe Kapazität meiner roten Blutkörperchen und meiner Muskeln immer mehr steigern) während Julia, die im Moment schon die Führung bei den hiesigen Strassenläufen in Arequipa übernommen hat mit Mariela mittrainiert. 

Was erstaunlich ist, sind die Fähigkeiten bei Bergläufen und die extrem kurzen Pausen bei den Bahnläufen der Männer, ein Grund weshalb ich lieber noch Vieles bei den Frauen mitmache. Die Pausen der Männer bei den 400ern betragen 30 sek . (und wir liegen hier auf einer Höhe von etwa 2300 Metern). Aber wir steigern uns und ich bleibe wohl bis zum Schluss hier in Arequipa, weil das Klima einfach gut ist (immer Sonne und 20-25 ‚Grad, abends frisch), während es in Cuzco, Puno und anderen Städten sowie im Altipiano auf 4000 Metern Höhe deutlich mehr regnet und viel kälter ist. 

Die Verhältnisse zum Tranieren sind hier gut aber auch sehr anders, vor allem mit der frühen Uhrzeit der harten Trainingseinheiten mussten wir uns anfangs konfrontieren. Aber es hilft dem Fettstoffwechsel und ist genau das, was wir nie richtig schaffen , wenn wir zuhause sind. 

Wir haben beide um die 4 Kg abgenommen durch das gesunde Essen (viel Reis und viel Gemüsse und Obst und nur wenig Fleisch und wenn nur Hühnchenfleisch).  

Das Trainingsprogramm sieht so aus: 

Montags: Tramos - Intervalle auf der einzigen Tartanbahn der Stadt (die aber keine 8 Bahnen hat und auch nicht wunderschön blau ist wie viele Bahnen in Deutschland, ganz zu schweigen von den200 Meter Hallenbahnen, für die es hier keinen Bedarf hat , die aber auch viel zu teuer wären) von 1600 Metern oder 1200 Metern, etwa 5 bis 8 x mit 4 Minuten. Pause.

Dienstag: Llomas- kurze Bergsprints, die im Sand stattfinden im reinen Laufparadies von Arequipa, dem Tal des Flusses Chili, in der Chiliana, wo wir gerne auch länger laufen und wo viele Reiter, viel Anbau und viele Campesinos wohnen. 

Mittwochs. machen wir das vielleicht anspruchvollste Training vom Estadio in Alto Cayma um 6:20 h auf 2400 Metern Höhe laufen wir im Dauerlauftempo hoch bis auf 3000 oder 3100 Meter, zum Teil mitten in der Wüste, weil die Stadtgrenze schon bald, nach 5 km überschritten ist, den Vulkan Charkani (oder Chachani) hoch über etwa 10 bis 13,7 km. Dieses Training war für uns am Anfang unmöglich, obwohl wir uns immer bis hoch kämpften, sah es mit unseren Muskeln und unserer Lunge richtig schlecht aus. Heute morgen haben wir es, nachdem alle Anfangsprobleme und Krankheiten (die besonders unserern Magen angegriffen hatten aber auch einen hartnäckigen Husten der mich über 2 Wochen verfolgte) überwunden hatten, aber schon viel besser geschafft. 

Wir müssen uns bei diesem Training, selbst solange wir uns in der Stadt bewegen, sehr vor den Hunden schützen, machmal sogar zu Steinen greifen, obwohl sich die Situation verbessert hat, weil die Hunde, die alle frei sind, obwohl sie oft Besitzer haben (das sind, wie in Deutschland. immer die aggressivsten, da die strolchenden Hunde super zahm sind und ängstlich. Das hat Julia bestätigt, die im Krankenhaus immer viele Wunden von Hundebissen suturieren muss, alle immer nur von Hunden im Feld, die einen Besitzer haben). Das schöne ist auch bei diesem Training, dass Sergio in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit der jeweiligen Läufer uns in kleine Gruppen unterteilt und getrennt mit ausgerechneten Abständen hochschickt, damit wir an gefährlichen Stellen zusammen ankommen und er uns beschützen kann und mit dem Jeep die Zeiten vorgibt. (die Strasse ist hier gut asphaltiert). 

Donnerstag: 400er auf der Tartanbahn 20-24 x mit 1 min. Intervall für die meisten, mit 30 sek. Intervall für Miguel und Cesar, ich schaffe es noch nicht, meine Pause so kurz zu halten 

Freitag:  einen mittleren Dauerlauf im 3:45er bis 4er schnitt über 13 km auf einer abwechslungsreichen, manchmal ein bischen gefährlichen Runde in einem anderen äußeren Teil von Arequipa, der sehr schön ist. Laufen geht nur auf der Strasse, wie in Sizilien, und man muss gut auf die vielen kleinen Taxis aufpassen und auf die Carros, die Busse, die hier sehr viel Umweltverschmutzung verursachen und eine so unreine Qualität von Benzin und Diesel verbrauchen, dass sie seit 20 Jahren in allen zivilisierten Ländern bereits verboten wurden. 

Samstag haben wir nie wirklich mit der Gruppe trainiert, wir machen da entweder einen längeren Lauf in der Chilina oder gehen auf 2700 Meter und laufen hoch bis 3100, um uns an die Laufverhältnisse zu gewöhnen. 

Sonntag einen langen 25er  auf der Marathonrrunde der Candelaria (so heisst der Marathon der am 28. Februar stattfindet) 

Nachmittags joggen wir immer ein paar km, etwa 40 min, und machen selbst ein paar Übungen, um uns vom Morgen zu erhohlen. Meistens treffen wir uns mit Miguel. 

Ja, das war das Sportliche, wobei noch einiges zu berichten wäre. Ansonsten unterrichte ich Deutsch am hiesigen Goetheinstitut und habe viele Unterrichtsstunden und viel Spass dort. Julia kämpft sich durch die Mängel des öffentlichen Gesundheitssystems hier am Hauptkrankenhaus Honorio Delgado. Dort müssen die meisten Verletzten (sie arbeitet in der chirurgischen Ambulanz, Notaufnahme), die keine Versicherung haben, oft 5-6 Stunden Reise im unbequemen Bus hinter sich haben, erst mal alles in der Apotheke kaufen, Handschuhe, Faden und Nadel, Desinfektionsmittel und wenn die Finanzen reichen, auch Anästhetikum, um dann behandelt werden zu können, da das Krankenhaus wörtlich nichts hat. Die etwas komplizierteren Blutanalysen , eine PCR oder ein Westernblock kann nur in Lima gemacht werden. Alle Menschen, die Geld haben, gehen in die Krankenhäuser, die mit Versicherungen verbunden sind oder Privatkliniken entsprechen (wie das Krankenhaus der Polizei), das ist aber gerade für die Ärmsten und vor allem für die Campesinos nicht möglich.  

Unsere Wettkämpfe hier: Wir haben schon 2 hinter uns: einen Aufstieg nach "Alto Cayma"  diesen Sonntag , der um 5:30 morgens stattfand, und von dem wir erst am Vortag zufällig per Radio erfahren haben. Julia hat gewonnen und ich wurde hinter Miguel Zweiter, aber die Preise wurden nur für die Bewohner des Bezirks gezahlt und zwar in Form von Grundstücken, die verteilt oder subventioniert wurdensowie und einen Wettkampf über 7 km bei dem ich 3. war und Julia 1. Frau, da Mariela nicht gern auf der Strasse läuft, wir standen gleich in einem netten Artikel in der Zeitung. 

Diese Wettkämpfe waren aber klein und schlecht besetzt. Bei den guten Wettkämpfen werden viele Laufer aus Lima kommen und aus Puno und Cuzco (diese sind die besten Laüfer in Peru, weil sie auf einer deutlich höheren Höhe trainieren und als ziemlich fit gelten, bis auf Miguel, der auch auf 2300 Metern eine 29er Zeit laufen kann über 10 km, kommen nur wenige mit denen mit und vor allem viele Bolivianer, Das Nachbarland Bolivien liegt oft auf gleicher Höhe also 2400 bis 3000 Meter oder sogar auf 4000 Metern Höhe ist, aber wesentlich ärmer, daher sind die hiesigen Preisgelder für sie sehr verlockend, weil sie den Betrag zuhause verdoppeln können. Von dieser Art von Wettkämpfen haben wir einige auf dem Programm und dafür trainieren wir hart: Am 21 Februar an der Küste (wo wir hoffentlich unsere harterarbeitete aerobe Kapazität voll ausschöpfen können in Camaná am Strand des Pazifik (7 oder 10 km), an diesem Wochenende finden dort die Crossmeisterschaften statt, aber wir trainieren lieber. Am 28 Februar laufen wir die kurze Version der Candelaria in Arequipa (7 km) und sicher auch am 28 März in Lima einen 10er, einen Tag vor dem Abflug nach Deutschland. 

Was uns sehr reizen würde, ist noch am 21 März der Marathon von Chivay, vielleicht nur als Training. Julia kann allerdings nur 8 km laufen, weil der Marathon nicht für Frauen offen ist. Vom Altipiano auf 5000 Metern bis zum Colcatal und der Stadt Chivay auf 3400 Metern runter - er gilt als sehr hart, aber wer weiß, vielleicht kann ich ihn laufen. 

Wir haben schon mit dem Bürgermeister von Chivay gesprochen und bekommen Unterkunft und Essen umsonst wenn wir in den nächsten Wochen in Chivay, wo es super schöne Thermen und Quellen gibt, trainieren möchten. Miguel hat uns vorgestellt und weil er schon 2 Mal am Marathon teilgenommen und sogar eine 2:19 hingelegt hat (wobei es nur abwärts verläuft). So galten wir als ebenbürtige Campeones und werden diese Vorteile auch schon bald zu geniessen wissen!! Die Busfahrt dorhin ist sehr beschwerlich, wie alle Busfahrten in Südamerika, da die Strasse oft unasphaltiert ist und oft auch gefährlich.

 


Kossmann Laufdesign