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Helden für die Ewigkeit - Thomas Steffens, Jürg Wirz

[eingestellt am 03. November 2011]

By: hahnertwins

Helden für die Ewigkeit - Die spannendsten Rennen der Laufgeschichte

7. August 2006. Göteborg/Schweden. Leichtathletikeuropameisterschaften. 10.000m der Männer. 27:12.65min sind gelaufen. Die letzte Runde, die letzten 400m werden eingeläutet. Der Schweizer Belz geht als Führender auf die letzte Runde, in Lauerposition hinter ihm die Spanier Martinez und De La Rosa. Fitschen liegt 15m hinter dem Trio.

„Jan Fitschen kommt da wieder ran. Er wird immer stärker. Was für ein Finish für den Wattenscheider. Komm Junge, das ist deine Chance! Und der Martinez… der kann nicht so doll spurten… und der Belz fällt zurück. De la Rosa geht nach vorne… Martinez… jetzt kommt Jan Fitschen… das wäre eine Sensation, wenn der hier eine Medaille macht. Super Rennen. Kann er das durchziehen?!? Kann er vielleicht noch mehr?!? Der greift die an vorne!! De la Rosa und Martinez sind noch vorne, aber Jan Fitschen… der ist da… Lauf Junge! Das kann dein Rennen werden! De la Rosa und Martinez… und jetzt kommt Jan Fitschen! Laaauuuf Junge! Das ist ja wie Dieter Baumann!! Unfaaasssssbar! Jawohllll! Jan Fitschen wird Europameister über 10.000m!!! Jan Fitschen gewinnt Gold!!!! Das ist grandios, der hat noch Reserven. Eine Sensaatiooooonn!!!“

Dies ist der O-Ton des spannendsten Rennens, an das ich mich erinnern kann. Jedes Mal wenn ich die Videoaufnahmen sehe, bekomme ich Gänsehaut. Nun halte ich das Buch „Helden für die Ewigkeit- die 25 spannendsten Rennen der Laufgeschichte“ in den Händen. Das muss ich haben- 25x dieses Gänsehautgefühl, diese Spannung, diese Emotionen? Auch wenn meine Neugier sehr groß ist, welche Rennen es in diese elitäre Auswahl wohl geschafft haben, und ob mein Favorit dabei sein wird, fange ich an, das Buch von vorne zu lesen , überblättere jedoch das Inhaltsverzeichnis, denn ich möchte jedes Mal aufs Neue überrascht und gefesselt werden. Hat es auch Fitschen in dieses Buch geschafft?

Los geht’s also mit Nr 1, Dorando Pietri 1908 in London. Der Italiener ist ein tragischer Held, kam er doch als Erster ins Ziel und gewann doch nicht die Goldmedaille. Grund dafür war sein „beinahe totaler Zusammenbruch“ kurz vor dem Ziel, so dass er die letzten Meter nur mit Hilfe von Polizisten, Helfern und Ärzten zurücklegte. Dies veranlasste den US Amerikaner J.J. Hayes zu einem Protest, dem stattgegeben wurde. Tragisch für Pietri, doch wer weiß, ob er es sonst unter die Auswahl der 25 spannendsten Rennen der Laufgeschichte geschafft hätte.

Der zweite „Held“ ist Emil Zatopek. Klar, ein Buch über Laufhelden ohne die tschechische Lokomotive wäre genauso wie ein Buch über Rennfahrer ohne Michael Schumacher. Vom Untertitel des Buches „Die 25 spannendsten Rennen der Laufgeschichte“ wird nun etwas abgewichen, lautet doch der Titel der zweiten Geschichte „Drei Goldmedaillen in acht Tagen“. Dies impliziert drei Läufe, was jedoch eine Zahl von 25 Läufen nach 25 Kapiteln unmöglich macht. Sei’s drum. Einer der drei Läufe ist der erste Marathon Zatopeks. „Nach den ersten, durchaus flotten 15km drehte der Tscheche seinen Kopf zu Peters und fragte ihn, ob das Tempo schnell genug sei. Peters war perplex und antwortete: „Nein, wir sind zu langsam.“ Darauf beschleunigte Zatopek […] und gewann in olympischer Rekordzeit von 2:23:03h.“ Diese Geschichte ist kurios, witzig, und auf jeden Fall beeindruckend. Jedoch fehlt das gewisse Etwas, das Besondere, das einen fesselt. Liegt es vielleicht am nüchternen Erzählstil? Die 25 spannendsten Rennen der Laufgeschichte vermögen nicht meinen Puls zu erhöhen, mir das Gefühl zu geben, diese Rennen während des Lesens noch einmal zu erleben. Dieses Gänsehautgefühl, dass ich jedes Mal bekomme, wenn ich das EM Finale mit Jan Fitschen anschaue. Dies ist das kleine Manko des Buches. Die großen Helden der Laufgeschichte sind zweifelsohne genannt, allerdings scheint eher die sportliche Leistung bzw. der Erfolg als Gradmesser gedient zu haben als die vorherrschende Spannung des jeweiligen Rennens.

Am Ende des jeweiligen Kapitels folgen „Insidertipps zu Training, Technik und Taktik“ der Autoren Steffens und Wirz, die z.B. pulsgesteuertes Training oder auch Laufalternativen wie Aquafitness und Skilanglauf ansprechen. Interessante Einschübe, die für den einen oder andern Laufanfänger oder auch Fortgeschrittenen hilfreiche Tipps beinhalten. Komplettiert werden die Kapitel von der Rubrik „Zahlen und Fakten“, die sich mit den Protagonisten der Rennen befassen. Da beispielsweise Haile Gebrselassie in zwei Kapiteln auftaucht, wird er auch zwei Mal steckbriefartig vorgestellt. Warum es dieser Wiederholung bedarf, ist nicht ganz klar, andererseits kann man wohl nie zu oft die persönlichen Bestleistungen von Haile lesen und ihm sei jede zusätzliche Seite im Buch gegönnt.


Die Lektüre macht auf jeden Fall Spaß, denn das Buch ist sehr interessant. Man sollte nicht mit der Erwartung herangehen, ein Herzblut-Buch über den Mittel- und Langstreckenlauf in den Händen zu halten. Dafür ist es zu emotionslos geschrieben. Auch wenn vielleicht nicht die 25 spannendsten Rennen der Laufgeschichte aufgezählt wurden, so sind es definitiv 25 große Momente des Laufsports, die man sich immer wieder gerne vor Augen führt.

Und was ist nun mit Jan Fitschen? Ich kann mir nur vorstellen, dass er vergessen wurde. Aber man könnte ja ein weiteres Buch herausbringen. An spannenden Momenten im Laufsport fehlt es wohl nicht. Da wäre noch das famose Comeback von Kenenisa Bekele über 10.000m in Brüssel in diesem Jahr, oder der spannende Kampf gegen die Zeit beim Frankfurt Marathon, wo die Uhr für einen neuen Weltrekord gnadenlos nach unten zählte und dieser nur um einen Hauch von 4s verpasst wurde.

Steffens/Wirz: RUNNER’S WORLD. Helden für die Ewigkeit. Die spannendsten Rennen der Laufgeschichte
Meyer&Meyer Verlag
ISBN: 978-3-89899-691-4
€16.95


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