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Auf der Suche (Sucht) nach Extremen

[eingestellt am 20. Februar 2009]

Von: Olga Schlawunzel

Mein zutiefst empfundener Dank gilt Frau Inspirationswolf für die heutige Plauderei. Vielleicht ist es Ihnen ja auch schon aufgefallen: im Ausdauersport wird immer häufiger von Extremsport oder Extremsportlern gesprochen bzw. geschrieben. Doch was sagt der Begriff eigentlich aus? Genau genommen sagt er gar nichts. Es gibt keine Definition des Extremen. Dies bedeutet laut Duden „höchster Grad, äußerster Standpunkt, Übertreibung“. So wollen aber sicher die wenigsten ihren Sport definiert wissen. Andererseits klingt es so spektakulär. Das Fremdwort an sich ist ja schon losgelöst von seiner Bedeutung eine Extravaganz, die gerne eingesetzt wird. Manchmal wohl auch, weil es das Nachdenken erspart: „Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen. Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“[1] Die einen laufen schnell, die anderen lang. Extrem klingt in der Tat wie der Gipfel des Ausdauersports. Anders als die anderen eben. 

Zunächst fallen mir da die 80er Jahre ein und Billy Joel. Wir erinnern uns: 

Call me a joker, call me a fool
Right at this moment Im totally cool
Clear as a crystal, sharp as a knife
I feel like Im in the prime of my life
Sometimes it feels like Im going too fast
I dont know how long this feeling will last
Maybe its only tonight

Chorus
Darling I dont know why I go to extremes
Too high or too low there aint no in-betweens
And if I stand or I fall
Its all or nothing at all
Darling I dont know why I go to extremes
 

Ein schönes Lied, aber ein doch etwas anderer Kontext. Auch weil das Extreme hier noch nicht automatisch positiv als das Höchste der Gefühle verstanden wird. Eher etwas skeptisch, weil mit hohen Nebenwirkungen behaftet. Das passt zur Begriffsdefinition des Dudens. Musikalisch und lyrisch sehr schön umgesetzt. Im 21. Jahrhundert wandelt sich der Begriff aber, und die Presse spricht nun gerne ehrfurchtsvoll von Extremsportlern. Einige vergeben den Titel auch an sich selbst, weil es leider kein anderer tut. Dabei gibt es im Laufen doch eine klare Einteilung: Sprint, Mittelstrecke, Langstrecke (Marathon, wenn man dies noch spezifizieren mag) und Ultra. Ultra ist nach oben, d. h. in der Länge oder Dauer offen. Wie die Richterskala. Da spricht man auch nicht von extremen Erdbeben. Die sind ja definiert. Wie Läufe auch. 100 km, 24 Stunden, 6 Tage. Eine klare Beschreibung. Für Mittelstreckler sind das natürlich extreme Distanzen. Aber das mag nun jeder selber entscheiden, was er für extrem hält. Extrem ist hier relativ. Was für eine bezaubernde Paradoxie! Extrem wird von sogenannten Extremsportlern wohl im Sinn von herausragend gebraucht. Leistungen, die meist wegen ihres Umfangs aus der Masse herausragen. Aber was ist dann mit dem Leistungssport? Sprinter, die unter 10 Sekunde laufen sind extrem schnell, Sprinterinnen unter 11 Sekunden auch. Ist das nicht Extremsport par excellence? Schließlich gibt es auch extrem wenig Menschen, die das schaffen. Die werden sich aber nicht als Extremsportler oder Extremläufer titulieren und auch von der Presse nicht so genannt. Sie sind einfach schnell. Sehr schnell. Die schnellsten der Welt. Spitzensport. Leistungssport. Aber kein Extremsport. Dabei überragen die Leistungen doch tatsächlich fast alles. Ende Mai startete im Siebengebirge der erste Rheinsteig-Extremlauf. Aus Schweizer Sicht wäre das Läufli in der Tat extrem. Extrem flach, mit extrem breiten und guten Wegen, extrem schnell zu laufen. Damit sind wohl alle Finisher Extremläufer, oder? Was sind dann aber die Finisher des Ultratrails Montblanc? Extremstläufer? Irgendwann wird die Verwendung von Superlativen natürlich absurd. Und wenn die Extreme uns überall begegnen, gibt es sie de facto nicht mehr. Da können wir den Ultralauf ruhig extreme running nennen. Das macht den Sport immer noch nicht populärer, aber vielleicht fühlt der eine oder andere sich besser. I run to extremes. Das klingt für meinen bescheidenen Geschmack extrem profilierungssüchtig. Ich weigere mich ja schon zu joggen. Ich laufe. Und wenn ich länger als Marathon laufe, dann laufe ich Ultra. Tout simplement. Die Zeit oder die Kilometer ordnen die Leistung ein, meine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit auch. Für 400-Meter-Läufer mag das extrem sein. Für 6-Tage-Läufer bin ich eine Unterdistanzlerin, die sich auf Bambinistrecken tummelt. Ist der Ion-Man-Triathlon schon extrem oder erst der Triple-Ion-Man? Oder die zehnfache Distanz? Extrem ist offensichtlich das, was wir dazu machen. Interessant ist die Frage, warum wir neuerdings so scharf darauf sind. Was soll der Extremismus kompensieren? Und was ist das Gegenteil von extrem? Das Wort müsste mit „in“ anfangen. Mir fällt allerdings keins ein. Das finde ich nun extrem spannend. Wenn Sie meine semantische Bildungslücke schließen können, freue ich mich über eine mail an info<ät>fvump·org.

 

A la prochaine

Olga Schlawunzel

 

 


[1] Mephisto in Faust I

 


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