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Transsexuelle in der Volkslaufszene

[eingestellt am 11. August 2009]

Von: Gabi Gründling

In der Rhein-Main-Laufszene sorgt derzeit eine Läuferin für reichlich Wirbel. Nicht ob ihrer sportlichen Leistungen sondern wegen der Tatsache, daß sie vor Jahresfrist zumindest “optisch” noch ein Mann war. Die Rede ist von Martina Kurz. 

Seit 10 Jahren ist sie in Hormonbehandlung, seit November 2008 auch operiert. Zu ihrem eigenen Verdruß hat die Hormonbehandlung aber nicht wie gewünscht angeschlagen, sie ist recht flachbrüstig. Aber Hand aufs Herz: das sind doch auch und gerade im Ausdauersportbereich viele Frauen, ohne jeglichen “männlichen Hintergrund”. Sieht man Martina von hinten, könnte man wirklich einen Mann vermuten, wären da nicht die Haare. Die allerdings künstlich sind, denn ihre eigenen Haare sind der 39jährigen ausgegangen. Und ihre Haare wuchsen auch durch die Hormonbehandlung nicht nach. Kurz gesagt: Martina Kurz geht als Frau nicht einfach in der Menge unter, zumal sie auch noch über 1,80 m Körpergröße aufweist. 

Nun scheiden sich an ihr die Volkslaufgeister. Einige Veranstalter haben sie ganz normal in der Wertung gelassen, andere haben angefangen, sie in einer Sonderwertung mit ihrer Zeit aufzuführen, aber aus der normalen Ergebnisliste zu streichen. Beim Schwanheimer Pfingstlauf wurde sie bei der Siegerehrung ausgebuht, beim Start zum dortigen 10 km-Lauf kam sie bei einem Gerangel zu Fall. Ob beabsichtigt oder versehentlich, das kann sie selbst nicht sagen. 

Eine Regel des Internationalen Olympischen Komittees (IOC) vom 17. Mai 2004 besagt u.a., daß transsexuelle SportlerInnen nach ihrer Geschlechtsumwandlung einer Zwei-Jahres-Sperre unterliegen. Gleich, in welche Richtung die Umwandlung erfolgte. 1968 wurde erstmals bei Olympischen Spielen ein Sextest durchgeführt, um Schiebereien mit AthletInnen zu verhindern. Weil dieser Test allgemein als sehr demütigend empfunden wurde, schaffte man ihn zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen ab und führte die Zwei-Jahres-Sperre ein. Ob dieser Zeitraum willkürlich gewählt wurde oder medizinisch begründet ist, habe ich bisher leider nicht herausfinden können. 

Um Testosteron kann es dabei nicht gehen. Bei vom Mann zur Frau gewordenen Menschen ist das Testosteron innerhalb kürzester Zeit abgebaut, wenn die Hoden entfernt sind. Bleibt das Problem des Muskelapparats. Braucht dieser zwei Jahre, um sich anzupassen oder ist dieser Zeitraum zu lang angenommen? Für die NADA ist das übrigens kein Thema. In Sachen Doping ist es wichtig, daß die Blutwerte in Ordnung sind – und das sind sie ja, wenn kein Testosteron mehr vorhanden ist. 

Wie auch immer – es stellt sich die Frage, ob man päpstlicher sein muß als der Papst und die Regel auch in der Volkslaufszene anwenden sollte. Wohlgemerkt bei einer Athletin, die Zeiten von über 40 min über 10 km läuft. In der heutigen Zeit kann man damit natürlich, je nach Besetzung eines Laufes, auch schon mal aufs Treppchen laufen. Zumindest in der Altersklasse ist das häufig der Fall. Aber 41er/42er Zeiten sind ja nun keine Ergebnisse, die rekordverdächtig sind. 

Martina Kurz hat, nachdem sie bis Mitte der 90er Jahre schon mal gelaufen war, um Gewicht abzubauen, nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation angefangen zu laufen und an Volksläufen teilzunehmen, weil sie wollte, daß man sie als Frau wahrnimmt. Das ist ihr gelungen. Leider nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. 

Sport soll ja eigentlich integrierend wirken – im Fall von Martina Kurz passiert leider vielerorts das Gegenteil. Für den Mainlaufcup hat man sich am 28. Juli 2009 gemeinsam mit Martina entschieden, für das laufende Jahr wie folgt vorzugehen: egal, welchen Platz sie jeweils belegt, es wird eine weitere Frau neben ihr geben, ihre Platzierung wird doppelt vergeben. Gewinnt sie also zum Beispiel einen Lauf, wird sie zwar als Erste geführt, aber die eigentlich Zweite wird auch als Siegerin gelistet. Martina bekommt ihre Urkunde als Siegerin, verzichtet aber auf alle Sachpreise und Pokale. Die bekommt die “zweite Siegerin”. Für 2010 wird man im Herbst 2009 neu “verhandeln”. Gerhard Timmermann, stellvertretender Volkslaufwart beim Hess. Leichtathletikverband, zuständig für Südhessen und gleichzeitig als Veranstalter des Berkersheimer Dorflaufes, der auch im Mainlaufcup vertreten ist, formuliert das Ziel so: “Ziel ist es, Frau Kurz selbstverständlich und ohne Vorbehalte in der Frauenwertung zu führen”. Timmermann war der erste Veranstalter, der für Martina Kurz eine Sonderwertung einführte. Sicher gut gemeint, aber trotzdem diskriminierend. Allerdings muß man den Veranstaltern auch zugute halten, daß sie von und mit der Situation oft überfordert sind. Nur wenige Transsexuelle treiben überhaupt Sport oder beteiligen sich gar an Wettkämpfen. So betreten mit ihnen natürlich auch die Veranstalter Neuland. Die Triathletin Nicole Schnass war nach ihrer OP für zwei Jahre gesperrt, konnte aber dennoch außerhalb der Wertung an Wettkämpfen teilnehmen – nach Absprache mit den Veranstaltern. Sie berichtet über ihre Erfahrungen auf ihrer Homepage www.nicoleschnass.de 

Eine weitere Regel des IOC ist übrigens, daß der/die AthletIn auch rechtlich anerkannt das Geschlecht gewechselt haben muß. Das ist in Deutschland kein Thema. Denn vor der von der Krankenkasse bezahlten geschlechtsumwandelnden Operation muß der/die Transsexuelle schon im Besitz eines Ausweises des anderen Geschlechts sein. Im Fall von Martina Kurz passierte das bereits Anfang 2000, also mehr als acht Jahre vor der Operation. 

Persönlicher Kommentar: Die, die mit dem Finger auf Martina Kurz zeigen, sollten sich mal Gedanken darüber machen, wie groß der innere Druck eines transsexuellen Menschen sein muß, um sich durch eine Umwandlung (Martina Kurz nennt es “Anpassung des Körpers an den Kopf”) dem immensen sozialen Druck auszusetzen, der wohl unvermeidlich ist. Auch im 21. Jahrhundert noch.

 

Bernhard Behle, Abteilungsleiter des TSV Berkersheim, hat einen ausführlichen Leserbrief geschrieben

 


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