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Alter, Helga und Julia

[eingestellt am 20. August 2009]

Von: Gabi Gründling

Eine schrecklich nette Läuferfamilie

Helga und Julia Alter im Februar 2009

Julia Alter und Christian Fatton im Mai 2009 beim TE-FR

Ich treffe Helga (64) und Julia (37) Alter an einem Freitagnachmittag in Viernheim. Im Wohnzimmer von Alter der Älteren bei Tee und Kuchen aus der Küche von Alter der Jüngeren, die allerdings in Mannheim zu finden ist. Julia ist nämlich gelernte Konditorin, arbeitet aber heute als Lebensmitteltechnikerin in einer Schokoladenfabrik und bebackt ihre Umgebung perfekt und perfektionistisch. Ich überrasche die beiden mit der Nachricht, dass sie am 20. April bereits 15 Jahre DUV-Mitglied sind. Beide. Julia überlegt “das muß gewesen sein, als ich gerade mit den langen Strecken anfing”. Damals war sie 22. 

Zum Laufen gekommen sind beide über denselben Mann. Norbert Alter, Ehegespons von Helga, Vater von Julia. Er war schon Zeit seines Lebens sportlich, bewegte und bewegt sich immer. Helga war auf einem Bauernhof in Rimbach im Odenwald eher ohne sportliche Betätigung aufgewachsen-. Zuhause gab es immer zu tun, da blieb kein Zeit für gezielte Bewegung. Als ihr Mann immer fitter und sie immer unfitter wurde und auch noch mit oder gegen Blutdruckprobleme kämpfte, begann sie mit dem Laufsport. Lange hat sie sich gequält, bis sie dann zufällig die IGÄL (heute IGL)-Mitglieder, die Ehepaare Radicke und Grelle traf, mit denen sie trainierte und die sich auch zu ihrem ersten Volkslauf mitnahmen. Die 25 km in Ludwigshafen-Maudach waren das. 1984 lief sie dann in Kandel und Karlsruhe Marathon und nach zweijähriger Vorbereitung 1987 zum ersten Mal in Biel. Noch im selben Jahr war sie Teilnehmerin an der ersten 100 km DUV-DM in Rodenbach. Bis heute hat sie zehn 100er auf dem Buckel, den schnellsten schaffte sie in 10:37 h. 

Ihr Mann hat übrigens ein paar Marathons (den zweiten beendete er gleich in 2:55 h, den Familienrekord hält aber Julia mit 2:54 h) das Laufen wieder aufgesteckt. Heute “trainiert” er heimlich in Straßenkleidung, wenn er auf seinen ausgedehnten Spaziergängen unterwegs ist und wird dabei dann von Julia überrascht, die zufällig im selben Gebiet und zur selben Zeit eines ihrer vielen Trainingsläufchen absolviert. 

Helga hatte bis Ende 2008 insgesamt 46.609 km unter den Füssen. Ihr stärkstes Jahr war 2001 mit 2.897 km, das schwächste 1989. Da lief sie im Januar 20 km und dann für den Rest des Jahres gar nicht mehr. Aus ihrer Sinnkrise half ihr Julia, als sie sich 1990 auf ihren ersten Marathon vorbereitete und die Mutter animierte, es ihr wieder gleich zu tun. Beide schreiben akribisch jeden Kilometer auf, den sie laufen. Helga, von Beruf Grundschullehrerin, kann sogar genau nachweisen, wann sie mit wem gelaufen ist. Julia hat aber in Vor-PC-Jahren nur in Heften Buch geführt, ohne ihre Umfänge jemals exakt zusammen zu zählen. Daß sie im Januar 2009 618 km gelaufen ist – das weiß sie sogar auswendig. 

Früher sind Mutter und Tochter oft gemeinsam zu Wettkämpfen gefahren und haben auch zusammen trainiert. Gemeinsames Training ist inzwischen eher eine Seltenheit, gemeinsam zu Wettkämpfen fahren sie noch hin und wieder. Eigentlich hatte Helga zusammen mit Julia und Chris nach Stein fahren wollen, um dort ihr Rundenlaufdebut zu geben. Dummerweise hat sie sich bei einem Laufsturz im Januar den Arm gebrochen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. 

Ihren ersten gemeinsamen Volkslauf absolvierten sie 1983 in Frankenthal, wo Klein-Julia (11) ohne Training ihren ersten 10 km-Lauf hinter sich brachte. Damals war sie aber eigentlich sportlich noch mit dem Turnen beschäftigt und entschied sich erst später für Mutters liebstes Hobby. Ihre beiden älteren Schwestern sind übrigens nicht vom Laufvirus befallen. Die eine joggt ein bißchen für die Gesundheit, die andere schnürt gar keine Laufschuhe.

Der nächste gemeinsame Familienlaufausflug ist dann eher ein Familientreffen. Julia zieht mit der Transeuropalaufkarawane von Bari ans Nordkap, weil Chris als Wettkämpfer im Rennen ist. Mitten in diese Zeit fällt die 24 h-World-Challenge in Bergamo (Italien). Und weil Chris anderweitig beschäftigt ist und Mutter Helga zu Julias Rundendrehfrühzeiten schon  Betreuungsmeriten verdient hat, wird sie auch in Bergamo mal wieder mit an Bord sein. Zusammen mit ihrem Mann, der so auch wieder mal unmittelbar Wettkampfluft schnuppern wird. Wer weiß, vielleicht wird er ja wieder angefixt?! 

Julia war bereits in jungen Jahren eine sehr gute 24 h- und 48 h-Läuferin. 1995, im zarten Alter von 23 Jährchen, lief sie erstmals in Apeldoorn – und danach jedes Jahr wieder. Insgesamt war sie bis 2002 fünf 24er in Apeldoorn und einen in Uden durchgelaufen, hatte einen in Apeldoorn vorzeitig abgebrochen – und bekam bei der European Challenge in Gravigny eine Sinnkrise, die ihre Hamster-Karriere beendete. Vorerst, wie sich erst 2008 herausstellen sollte. Fortan frönte sie überwiegend den Landschafts- und Bergläufen. Kurzen und langen. Bei den ersten fünf Zermatt-Marathons war sie fünf Mal in der Top5. Sie gewann zum Beispiel den Albmarathon in Schwäbisch Gmünd, den Uewersauer Trail in Luxemburg, diverse Trails in Frankreich, ein Mal den Défi Val de Travers in der französischen Schweiz und nicht weniger als drei Mal den Marathon an derselben Stelle. 

Dorthin zieht es sie seit drei Jahren auch regelmäßig ohne Wettkampf, denn Chris Fatton lebt in Noiraigue, direkt an der Strecke des Swiss Jura Marathons, den er schon vier Mal gelaufen ist. Und durch ihn, bzw. zuerst mal mit ihm, kam sie dann auch wieder zu 24 h-Läufen. Chris ist zweifacher Schweizer Meister in dieser Disziplin und Schweizer Rekordhalter im 48 h-Lauf. Klar, daß Julia ihn in den letzten Jahren betreute. Und so wieder Blut leckte. Eigentlich wollten die beiden Ende September 2008, Chris bereitete sich auf die 24 h WC in Seoul vor, in Rotenburg beim Waldhessenlauf nur ein bißchen trainieren. Julia hatte sich vorgenommen, nach 3 h aufzuhören. Aber sie war von Anfang an wieder vom Kreiselvirus infiziert, gewann ihren ersten 6 h-Lauf mit knapp 69 km. 5 Wochen später lief sie in Troisdorf 72,997 km und flog Ende November nach Palermo, um heimzukehren auf die 24 h-Strecke. Diesmal revanchierte Chris sich und versorgte Julia bei ihrem fulminanten Durchstart in eine zweite 24 h-Karriere. Mit 225,103 km gewann sie den Lauf, qualifizierte sich für Bergamo, setzte sich an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste und lief neuen deutschen Rekord in der W35. Vier auf einen Streich. 

Wie gut die beiden zueinander passen und/oder was, so O-Ton Julia, die übrigens auch ihren Humor von ihrer Mutter zu haben scheint, “ich alles mit dem mitmache”, zeigt das nette Valentinsgeschenk, das Chris seiner Herzdame in diesem Jahr gemacht hat: einen 7 h-Trainingslauf. Er konnte allerdings nicht versprechen, ihr jedes Jahr etwas so Großes schenken zu können. Naja…. 2008 hat er 8.200 km auf die Beine bekommen, bei ähnlichen Umfängen in den nächsten Jahren wird er auch mit ähnlichen großen Geschenken kein Problem haben.

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Geschrieben habe ich dieses Doppelportrait Anfang Februar 2009 für die Dt. Ultramarathonvereinigung. Update August 2009: Inzwischen sind Helga und Julia ein Jährchen älter. Julia war mit ihrem Chris beim Transeuropalauf und ist dort als Etappenläuferin selbst rund 1.500 km gelaufen. Zwischendurch war sie in Bergamo bei der 24 h-Worldchallenge, wo sie mit 219,293 km Fünfte wurde.