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Laufen bildet

[eingestellt am 07. Oktober 2009]

Von: Olga Schlawunzel

Bildungsfaktor Laufen 

„Es bildet ein Talent sich in der Stille, ein Charakter in dem Strom der Welt.“Dies wusste Goethe, der schon durch die Weisheit „Es wechseln Pein und Lust, genieße, wenn Du kannst und leide wenn Du musst“ das Ultralaufen so wunderbar zutreffend in zwei Zeilen zu (ver)dichten wusste. Sicher hatte er dabei keinen Marathonlauf im Sinn, aber der Vers ist so prägnant, mehr muss man gar nicht lesen, um den Langstreckenlauf zu verstehen. Denn grau ist alle Theorie. Doch auch das erste Zitat lässt sich gut ummünzen: Es bildet ein Lauftalent sich in der Trainingsstille, ein Laufcharakter auf den Strecken dieser Welt. Womit wir beim Thema Bildung sind. Wir wissen spätestens seit Pisa um den Notstand, doch die Frage, ob und was Laufen mit Bildung zu tun hat, ist noch nicht beachtet worden. 

Hat Laufen also einen Bildungsfaktor? Zweifellos bilden sich Muskeln, dies lässt sich an den Beinen beobachten. Blasen können sich ebenso bilden. Aber hier geht es natürlich um die geistige Bildung. Gerade ein Ultralauf macht deutlich, dass wir viel mehr von der Strecke mitnehmen als Kilometer, Schweiß und Ergebnisse. Bedenkt man die Erlebnisse und Eindrücke, die man bei einem langen Lauf mitnimmt und vergleicht dies mit dem, was uns an einem lauffreien Wochenende so beeindruckt, so wird der Mehrwert, der sich bildet, schnell sichtbar: zunächst die Anfahrt. Man lernt teilweise Gegenden kennen, die man niemals bereisen würde. Ich erinnere mich z. B. an einen 10-km-Lauf in Dierdorf im Westerwald. Kennt kein Mensch, der dort nicht wohnt, und das sind auch nicht so viele. Ich musste für die Mannschaft mit. Das ist schon über zehn Jahre her. Viele Orte, an denen ich war und die mehr Sehenswürdigkeiten haben, habe ich vergessen. Dierdorf bleibt unauslöschlich in meinen Gedächtnis. Warum auch immer. So wie das Begreifen sich davon ableiten lässt, was wir mit den Händen greifen, so gibt es auch ein belaufen. Was wir unter den Füßen hatten, prägt sich ein, wir erlaufen uns die Welt. 

Wir laufen Wege, die wir ohne Laufschuhe nie beschreiten würden. Straßen, über die wir achtlos fahren würden, denen wir aber durch markante Pfeile, Kilometerschilder Beachtung zollen. Kleine Unebenheiten, die wir nie bemerken würden, müssten wir die müden Beine nicht über sie hinwegheben. Es sind unendlich viele Kleinigkeiten, für die man auf einmal einen Blick hat. Wer in Bad Neuenahr die 100 km lief, konnte zwanzigmal lesen, wie die Deutsche Weinkönigin 1973/74 heißt. Nicht viele Menschen wissen dies. Um nicht immer nur „linker Fuß, rechter Fuß“ denken zu müssen, lenken wir uns ab. Wir nehmen mehr wahr als sonst, und die vielen Gespräche am Rande, egal wie kurz sind ein Quell kommunikativer Inspiration. Nicht immer sind es die großen Themen, über die wir uns unterhalten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sind sie überwiegend banal. Lauftratsch, Small talk, Aufmunterungen, Zynismus – alles ist erlaubt. Selbst jammern hebt das Gemüt. Und was im Gedächtnis haften bleibt, sind oft die Randbemerkungen, die Eindrücke am Streckenrand. Meist sind es nicht einmal die wirklich markanten Punkte, sondern irgendwelche Nebensächlichkeiten: ein Schild, ein Haus, ein Baum. Außerdem kann man sich ganz wunderbar auch mit fremden Menschen über Gott und die Welt unterhalten. Natürlich erfährt man häufig, wie wenig andere trainiert haben und wie verletzt sie sind. Und viele Geschichten über andere Läufe. Oder auch einfach über die Wetter- und Bekleidungsfrage. Daneben gibt es aber auch ganz lauffremde Themen, man kann so zwanglos wie sonst kaum auch über Politik, Religion oder die Frage sinnieren, wie die Pflanze in dem Vorgarten heißt und ob es ein Laufen nach diesem Lauf geben wird.

Allerdings müssen wir wohl auch eingestehen, dass Laufen oft nicht nur etwas mit Bildung, sondern auch mit Einbildung zu tun hat. Wir bilden uns ein, eine Zeit oder eine Strecke laufen zu können und werden bisweilen eines besseren belehrt. Diese Weiterbildung ist meist schmerzhaft. Oder wir bilden uns zwischendurch ein, dass wir nicht mehr weiterlaufen können. Und dann tun wir es doch. So oder so: auch dies zeigt, dass Laufen Lebensschule ist. Wir müssen uns einschätzen können, uns überwinden und durchhalten. In der Stille würden wir nie so weit kommen, wie mit anderen, auch wenn jeder seine Kilometer laufen muss. Im Strom der Welt kommen wir weiter, sind schneller, und das bildet die Faszination einer scheinbar monotonen Sport- und Lebensart. Katharina von Siena, dachte sicher nicht an Ultralaufen, aber erkannte richtig: „Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten.“ Laufen bildet also in jedem Fall, also bilden Sie sich nicht ein, es wäre nur die Zeit, die Platzierung oder die Strecke, die dazu führt, dass wir es nicht lassen können und wollen.

Laufen Sie wohl!

 

 


11. Bottwartal Marathon