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Schleifer, Christine

[eingestellt am 01. November 2009]

Von: Nicole Benning

Foto privat

Wenn sie etwas macht, dann macht sie es richtig

Flink wie ein Wiesel

Um mehr über die ebenso zierliche wie schnelle Läuferin aus Mühlacker zu erfahren, treffen wir uns abends in einem Café in ihrem Heimatort. Dass es „nur“ Tee gab, da die Hochglanzkaffeemaschine schon gereinigt war, kann sie gut verschmerzen, denn sie mag gar keinen Kaffee.

Christine ist schnell, sehr schnell. Meist auch schneller als fast alle Männer. Bis vor kurzem hielt sie die württembergischen Rekorde über 10 km (33:59 min) und im Halbmarathon (1:14:52 h), jetzt ist es nur noch der über die 10 km Strecke. Auf meine Frage, ob sie sich den auf der Halbmarathonstrecke zurückholen möchte, kommt kein klares „Ja“, aber auch kein „Nein“. Wir müssen uns also überraschen lassen.

Seit einigen Jahren ist das Wieselchen, wie sie auch heißt, nach einer sehr erfolgreichen leistungssportlichen Karriere nur noch Freizeitläuferin, worüber sie sehr glücklich ist. Und sie macht ihrem Spitznamen alle Ehre und wird immer schneller.

Sie wechselte nach dem Ende des Leistungssports zum TriTeam Heuchelberg, für das auch ihr Freund Sebastian Kienle, ein sehr erfolgreicher Triathlet, startet. Sie hat keine Lust mehr auf Meisterschaften und das ganze Drumherum wie nur auf einen Termin hin ausgerichtete Trainingspläne und Trainingslager, Bahntraining und was sonst noch alles dazu gehört hat. Deshalb fühlt sie sich bei den Triathleten gut aufgehoben. Sie möchte Freizeitsportlerin sein – wenn auch auf SEHR hohem Niveau. 2008 lag sie im Halbmarathon auf Platz 5 der deutschen Bestenliste, vor ihr nur die (Halb)-Profisportlerinnen Mikitenko, Mockenhaupt, Hahn und Viellehner. „Das muss ich mir noch ausschneiden“ meint sie mit strahlenden braunen Augen über dieses glanzvolle Abschneiden.

Wenn sie etwas macht, dann macht sie es richtig und mit voller Konsequenz. Deshalb gibt es auch kein Zurück mehr zum Hochleistungssport. Der Entschluss hat eine lange Historie. Die ehemalige Hindernisläuferin des deutschen B-Kaders hatte viel Ärger mit den Verantwortlichen des DLV, vergoss Tränen über nicht erfolgte Nominierungen für internationale Einsätze, obwohl die Leistungen vorhanden waren, fühlte sich allein gelassen von den Funktionären, um nur einiges zu nennen. Doch das Kapitel ist abgeschlossen. „So wie es jetzt ist ist es gut. Es war die richtige Entscheidung für mich.“

Zum Laufen kam Christine 1997 als 14-jährige über „Jugend trainiert für Olympia“. Bis dahin hatte sie sich mehr oder weniger erfolglos mit Turnen und erfolgreicher mit Fechten und nebenher mit allgemeiner Leichtathletik versucht. Dann wurde ihr Lauftalent entdeckt. 1998 holte sie sich im Trikot der LG Maulbronn die erste Medaille auf Landesebene über 800 m und wurde für den D-Kader nominiert. Es ging schnell vorwärts, zusammen mit ihrem Wechsel 1999 zum VfL Waiblingen bestritt sie auch ihren ersten Straßenlauf über 5 km in Schwaikheim. Es folgten tolle Zeiten, 2001 die Aufnahme in den C-Kader des DLV, 2002 in den B-Kader, 5 goldene, 8 silberne und 4 bronzene Medaillen bei Deutschen Meisterschaften und internationale Einsätze für den Deutschen Leichtathletikverband insbesondere über die 3.000 m Hindernis.

Als ihren größten Erfolg nennt sie ihren 9. Platz bei der Junioren-Europameisterschaft in Grosseto / Italien im Jahr 2001. Ende 2004 war dann Schluss mit der Bahn, Christine wechselte mal wieder, wenn auch mehr zufällig. Dieses Mal auf die Straße, was ihr auch viel besser gefällt, denn lange Bahnwettkämpfe empfindet sie als langweilig. Sie wurde dann auch gleich deutsche Vizemeisterin im Halbmarathon bei den Junioren.

Nach erneuter Missachtung bei der Kadernominierung 2005 – dieses Mal beim Halbmarathon - hat sie 2006 das Handtuch als Leistungssportlerin hingeschmissen und sich dann mit gleichem Elan voll in ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing und Kommunikation gestürzt. Wenn sie etwas macht, dann macht sie es richtig.

So schloss sie 2007 mit Auszeichnung ab, hängte noch den Master dran und hatte parallel dazu seit 2008 den Job in der Marktforschung eines Pforzheimer Automobilzulieferers in der Tasche. Das war eine stressige Zeit, sie ist froh, dass der Master nun auch erfolgreich hinter ihr liegt und sie nach Feierabend nun nur noch trainieren und ausruhen kann. Und sie kein schlechtes Gewissen begleitet, wenn sie sich mal faul aufs Sofa legt und einfach nur Musik hört. Aus der Ecke der Musik stammt übrigens auch ihr Spitzname „Wieselchen“, den hat ihr Rüde, der Bassist ihrer Lieblingsband Sportfreunde Stiller, verpasst.

In normalen Trainingszeiten kommt Christine auf etwa 6 Trainingseinheiten in der Woche, jeweils mit ca. 14 km. Es kann natürlich auch mal etwas mehr oder weniger sein. Tempotraining in Form von Intervallen oder Bahntraining macht sie nie, statt dessen Fahrtspiel oder Minutenläufe auf ihren normalen Trainingsrunden. Am Wochenende versucht sie, auch mal etwas länger zu laufen, was allerdings, seit sie das Rennradfahren entdeckt hat, immer öfter ausfällt.

Überhaupt hält sie Rennradfahren für eine ideale Ergänzung zum Laufen, seit sie dies macht, ist sie noch schneller geworden. „Am Anfang konnte ich gar nicht radfahren, ich war die absolute Nichtradfahrerin, bin noch nicht einmal in die Schule geradelt. Mehr als 30 min war nicht drin. Doch jetzt bin ich völlig begeistert.“ Die Radeinheiten haben sie, davon ist sie überzeugt, schneller gemacht. „Eine anstrengende Radeinheit mit Tempospitzen ist so gut wie Tempotraining.“

Bei ihrem Rekordlauf über 10 km 2008 in Pforzheim hat sie das Experiment gewagt und aufs Einlaufen verzichtet. Stattdessen hat sie sich wie die Eisschnellläuferinnen auf der Rolle eingefahren und ist dann den Lauf ihres Lebens gelaufen. Einmal mehr ein Beweis dafür, dass unkonventionelle Methoden nicht automatisch falsch sein müssen. Sie führt auch kein Trainingstagebuch, dafür stoppt sie jede kleine Unterbrechung beim Laufen heraus, wofür, das weiß sie selbst nicht. Unkonventionell ist wohl auch, dass sie gerne auf dem Laufband läuft. Sie genießt es, wenn es im Winter draußen kalt ist, drinnen in Shorts und T-Shirt rennen zu können. Außerdem kann sie so Laufen und Radfahren beliebig miteinander kombinieren. Runter von der Rolle, rauf aufs Laufband.

Wann immer es am Wochenende möglich ist, trainiert sie zusammen mit ihrem Freund. Entweder hechelnd im Windschatten auf dem Rad oder locker laufend im 4er-Schnitt. Er macht ihr auch schon mal das Tempo, wie etwa beim Alsterlauf dieses Jahr in Hamburg. Dafür betreut sie ihn dann beim Triathlon.

Apropos Triathlon: Dass sie auch das gut kann hat sie 2008 als Rookine bei der Kraichgau Challenge bewiesen. Heimlich hat sie sich dort für das Rookie-Programm beworben. „Ich wusste gar nicht, ob ich das schaffe.“ Dummerweise hat es ihr Freund dann doch erfahren, die Überraschung war damit geplatzt. Überraschend gut war dafür ihr Abschneiden: sie wurde 5. im Frauenfeld und gewann ihre Altersklasse! Dieses Jahr hat sie dann gleich ihren ersten Gesamtsieg beim Zabergäu-Triathlon folgen lassen. Ganz zum Triathlon wechseln möchte sie nicht, aber sicher immer wieder einmal aus Spaß am Sport bei einem teilnehmen.

Gerne möchte sie nochmals unter 34 min über 10 km laufen, dafür muss aber eben alles passen, so wie letztes Jahr in Pforzheim. Wetter, Form, der Kopf muss mitspielen und man braucht richtige Gegner. Damals in Pforzheim waren einige schnelle Kenianerinnen am Start, mit denen ist sie einfach mitgelaufen. Für das Jahr 2010 hat sie noch keine konkreten Pläne, im Frühjahr plant sie, einen Halbmarathon zu laufen. Alles andere wird sich zeigen. Ihr Lieblingslauf ist der Halbmarathon in Karlsruhe, vielleicht ist sie da ja im Herbst wieder am Start.

Ob die 26-jährige einmal Marathon laufen möchte, weiß sie noch nicht. Denn wenn, dann soll dabei auf jeden Fall eine Zeit von unter 2:40:00 h herauskommen. Und dabei scheut sie ein wenig den hohen Trainingsaufwand und hat Angst davor, dass sie sich im Rennen quälen muss. Das kann sie, so Christine über sich selbst, nämlich gar nicht. „Ich sehe bei Siegerehrungen immer die Marathonläufer und dann können die kaum noch gehen – das schreckt mich ab.“ Aber – auch im Marathontraining können ja unkonventionelle Methoden ans Ziel führen. Ihr Hauptziel ist es, mit Spaß zu laufen, gesund zu bleiben und weiterhin an der Spitze der deutschen Frauen mitzulaufen. Ganz ohne Druck. Den hatte sie lange genug.


11. Bottwartal Marathon