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Laufen - Jean Echenoz

[eingestellt am 29. Dezember 2009]

Von: Nicole Benning

Ein Buch über die tschechische Lokomotive Emil Zatopek

Klappentext Er hasst den Sport, aber er hat keine andere Wahl. Bei einem Wettkampf im "Reichsprotektorat" wird sein Talent als Läufer entdeckt; er ist siebzehn. Auf der ersten Meisterschaft nach dem Krieg läuft er zwei Landesrekorde. Sein Laufstil lässt zu wünschen übrig, aber er ist sein eigener Coach, trainiert mit schwerem Schuhwerk, hängt sich Gewichte ans Bein und erfindet den Endspurt. Auf der ersten Nachkriegsolympiade in London holt er Gold für die CSR. Er wird zum Leutnant befördert. Vier Jahre später, in Helsinki, dreimal Gold. Die Welt jubelt ihm zu.Er hält acht Weltrekorde. Er wird zum Hauptmann befördert. Und läuft immer in Rot, der Farbe der proletarischen Revolution: Er ist zur Symbolfigur für den Erfolg des realen Sozialismus geworden. Nur einmal stand er auf der "falschen" Seite: Im "Prager Frühling", als er auf dem Wenzelsplatz von einem Panzer herab die sowjetischen Soldaten aufforderte, nach Hause zurückzukehren. Er wird für acht Jahre in ein Uranbergwerk verbannt, darf nach Prag zurück aber wenn er, zur Müllabfuhr relegiert, hinter einem Karren durch die Vorortstraßen läuft, jubelt ihm die Bevölkerung immer noch zu. Die atemberaubende Karriere des Langstreckenläufers Emil Zatopek ist zwischen zwei historische Daten gespannt: die Besetzung seiner Heimat 1939 durch die Deutschen und der Einmarsch der Russen 1968, der dem "Prager Frühling" ein Ende machte. Und wie nebenher gerät Echenoz der kleine Roman, den er aus Zatopeks Leben spinnt, zu einer bestürzenden Parabel der Diktatur. 

„Laufen“ ist der tschechischen Lokomotive, wie der Ausnahmeläufer Emil Zatopek wegen seines ungewöhnlichen aber schnellen Laufstils auch genannt wird, gewidmet. Der französische Autor Echenoz hat sich nach seinem Werk über den Komponisten Ravel eine ganz andere Hauptfigur ausgesucht. Wer glaubt, dass sich „Laufen“ nur an Sportbegeisterte und Läufer wendet, dem sei gleich zu Beginn widersprochen. Das kleine 125 Seiten starke Büchlein bietet mehr als die Geschichte eines Läufers. „Laufen“ ist keine Biografie Zatopeks sondern eine biografische Erzählung, die sein Leben skizziert, aber nicht minutiös nachzeichnet und Echenoz damit die literarische Freiheit bewahrt.  

Da es keine Biografie über Zatopek gibt, hat sich der Echenoz, der von Sport überhaupt nichts verstand, durch sämtliche Ausgaben der „L’Équipe“ durcharbeiten müssen, die es aus den entsprechenden Jahrgängen in der französischen Nationalbibliothek gab. Das waren seinen Angaben zu Folge mehrer 1000 Exemplare.  

Das Leben Zatopeks wird von seiner Jugend an begleitet: die einfachen Verhältnisse, die harte Arbeit in der Schuhfabrik, die Besetzung der Tschechoslowakei und der Ausbruch des zweiten Weltkrieges und dann als 17-jähriger eben die mehr zufällige Entdeckung des Lauftalents. Er nimmt an einem von den deutschen Besatzern in Mähren organisierten Wettkampf teil, weil man es ihm als Berufsschüler in einer Schuhfabrik so aufgetragen hatte. Also läuft er – und wird zweiter.  

Laufen beginnt Emil, in dieser persönlichen Form begegnet er uns im Buch, Spaß zu machen. Und das obwohl er bis dahin alle, die freiwillig solch einer sinnlosen Beschäftigung nachgegangen sind, nur müde belächelt hatte. Er trainiert, erst heimlich nachts im Wald, dann mit anderen und auch anders als die anderen. Er erfindet den Endspurt, das Intervalltraining mit Trabpausen. Man wird Zeuge, unter welch widrigen Umständen Emil läuft und mit welchem Willen. Oft genug muss man schmunzeln angesichts der absurden und grotesken Begebenheiten, denen er ausgesetzt ist. Etwa bei der Europameisterschaft oder in Berlin bei den alliierten Militärmeisterschaften wo er - zuerst belächelt - einen großen Triumph feiert.  

Emil entwickelt sich zu einem der größten Läufer des letzten Jahrhunderts. So wie Zatopek läuft, kann man eigentlich gar nicht laufen! Sein Stil ist einzigartig, er rudert mit den Armen, verzieht das Gesicht, verzerrte Mimik vor Anstrengung. Viele misstrauen seinem Erfolg, sagen ihm ein schnelles Ende voraus, denn es kann nicht gesund sein, wie er läuft. Dennoch wird er erfolgreicher als alle anderen. 18 Weltrekorde stellt er auf, bei den olympischen Spielen in Helsinki gewinnt er Gold über die 5 km, 10 km und im Marathon. Das hat noch keiner vorher und auch nach ihm geschafft.

Und immer wieder wird man Zeuge der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, mit denen Zatopek konfrontiert ist. Der Autor schildert dies in einer unaufdringlichen Leichtigkeit und mit entsprechender Ironie, die die Diktaturen, die Emil miterlebt, sehr gut greifbar werden lassen. 

Reisen ins Ausland außerhalb des Ostblocks sind ihm untersagt, man muss ihn schützen, er soll nicht zu viele Rennen laufen, vor allem nicht im verfeindeten Westen. Interviews sind verboten, er wird begleitet von einem Tross Offizieller, aus Angst, er könne verschwinden. Ob er wirklich aus freien Stücken immer im roten Hemd als Repräsentant des Sozialismus läuft bleibt offen. Von den Menschen in der Tschechoslowakei wird er jedenfalls als Volksheld verehrt. Auch hier gibt es wunderbare ironische Schilderungen der teilweise grotesken Begebenheiten etwa mit der Staatssicherheit.  

Beim „Prager Frühling“ steht Zatopek dann allerdings auf der falschen Seite, er schließt sich in Prag dem Demonstranten an, was für ihn zur Folge hat, dass er aus der Partei und der Armee ausgeschlossen und als Arbeiter in Uranminen verbannt wird. Nach Ablauf dieser Zeit versucht man, ihn mit der Beförderung zum Müllmann in Prag weiter zu demütigen, was aber nicht gelingt. Zatopek erträgt auch dies in stoischer Ruhe, so wie die vielen Aufopferungen und Schmerzen während seines Lauftrainings. Und die Menschen jubeln ihm auf der Straße noch immer zu, auch wenn er nun seinem Müllkarren hinterher läuft.  

Ein schönes Buch, das sich locker und leicht geschwind an einem langen Abend oder am Wochenende liest. Zatopek, der beste Läufer aller Zeiten, erscheint uns ganz ohne Heldenpathos. Die vertraute Anrede „Emil“ bringt ihn uns nahe, dennoch bleibt aufgrund der teilweise lakonisch-trockenen Schilderungen der Erlebnisse eine vom Autor wohl gewollte Distanz. Manchmal muss man angesichts der komischen Begebenheiten lachen, auch wenn die historischen Ereignisse, denen Zatopek begegnet, nicht zum Lachen sind.

Berlin-Verlag, ISBN-10:3-8270-0863-8, € 18,90