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Die Einsamkeit des Langstreckenläufers - Alan Sillitoe

[eingestellt am 29. Dezember 2009]

Von: Stefan Hinze

Noch 100 Meter – die Ziellinie vor Augen und niemand ist vor ihm. Ein riesiger Vorsprung vor dem folgenden Läufer. Der Sieg im Geländelauf über fünf Meilen ist ihm nicht mehr zu nehmen. Er wird langsamer, absichtlich so langsam, dass er fast auf der Stelle tritt und unter maximaler Anstrengung überholt der Zweite in torkelndem Schritt und gewinnt den prestigeträchtigen Fünfmeiler der Erziehungsanstalt in Essex. Wer hat den sicheren Sieg verschenkt und warum? 

Der junge Colin Smith, der dem Industrieproletariat entstammt und zur Zeit Häftling der Erziehungsanstalt ist, erzählt in umgangssprachlichem Idiom von seinen Erlebnissen in der Anstalt und in der Zeit zuvor. 

Nach dem grausamen Tod des Vaters, der medizinische Empfehlungen von sich wies und sogar die behandelnden Ärzte aus seiner Wohnung warf und damit Colins Widerstand vorlebte, bringen der Sohn und seine Mutter die Versicherungsprämie durch. 

Während sich seine Mutter nebenan mit ihren Verehrern vergnügt, testet Colin das neue Fernsehgerät. Besonders begeistert ist er von der Möglichkeit, den Politikern mit ihren hohlen Phrasen den Ton abzudrehen und sich dann an ihren dummen Gesichtsausdrücken zu ergötzen. 

Colin ist intelligent und gewieft. Ein Einbruch in eine Bäckerei wird ihm allerdings durch einen Zufall trotz seiner Gerissenheit zum Verhängnis. In der Erziehungsanstalt gewinnt er dank seiner läuferischen Begabung bald die Sympathie des Direktors, der aus beruflichem Ehrgeiz den Sieg Colins beim jährlich stattfindenden Geländelauf der Erziehungsanstalten wünscht. Colin wird sogar ein Wechsel zum Profiläufer in Aussicht gestellt.

Für Colin bedeutet das Laufen eine Zeit der Freiheit. Auf seinen Trainingsläufen in der winterlichen Natur verschwinden die Gedanken an seine soziale Klasse und seine kriminelle Vergangenheit. Ihm wird klar, dass nicht die vom Direktor geforderte Ehrlichkeit zu seinem Lebensgrundsatz werden kann. Sein Sieg bei dem bevorstehenden Wettkampf wäre ein Akzeptieren der Spielregeln und der übermächtigen Autorität des Establishments. Und so trainiert er nur, um bei dem Laufwettstreit als Erster bis kurz vors Ziel zu laufen und sich dann von seinem schärfsten Konkurrenten ein- und überholen zu lassen. Dieses Verhalten nimmt ihm natürlich jede Chance auf vorzeitige Entlassung. Die letzten sechs Monate der Haft werden durch den rächenden Zorn des Direktors zum Martyrium. 

In dieser konsequent durchgreifenden Repression des Direktors, der detailliert alle höchst fragwürdigen Werte der etablierten Gesellschaft repräsentiert, und dem zornigen, aber auch durchdachten Individualismus seines protegierten Häftlings, stehen sich zwei einander ausschließende Lebensansichten gegenüber. Colin selbst versteht diesen Konflikt als einen mit aller Konsequenz geführten Krieg. Er will sich beweisen, dass er ein wirklich freies Individuum ist. Mag man ihn auch einsperren und quälen, käuflich ist er keineswegs, denn ganz allein er entscheidet über seine Laufbegabung und somit über seinen Willen. Er zieht die Rolle des Außenseiters einem Verlust an innerer Freiheit vor.

Die Erzählung beschreibt sehr gut, was innere Standhaftigkeit bedeutet. Zwar ist sie bereits 1959 erschienen, aber dennoch vollständig auf die heutige Zeit übertragbar. Charakterfestigkeit und Rückgrat sind Eigenschaften, die man gegenwärtig gerade unter Hochleistungssportlern oft vermissen muss.

Diogenes Verlag, ISBN-10:3-257-20413-2, € 7,90


11. Bottwartal Marathon