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Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils - Marc Buhl

[eingestellt am 05. März 2010]

Von: Nicole Benning

Klappentext: Mensen Ernst kann nicht stillsitzen, er muss laufen. Stunde um Stunde, Tag für Tag. Das macht den unehelichen Sohn einer norwegischen Bäuerin früh zum Außenseiter. Bis der sensible Lehrer Skulberg den Jungen fördert und ihm einen Platz an der Seekadettenschule in Kopenhagen verschafft. Eine Kiste mit den Hinterlassenschaften seines Vaters ist der einzige und stolz gehütete Besitz des Jungen. Darin: Ein Sextant und die geheimnisvolle Karte von den Quellen des Nils, auf deren Suche der Vater verschollen ist.Bald macht sich Mensen Ernst einen Namen als schnellster Läufer im nachnapoleonischen Europa. Er durchquert den Kontinent, wird durch seinen phänomenalen Lauf von Paris nach Moskau weltberühmt und stellt seine Talente in den Dienst von Königen und Revolutionären. Doch bleibt sein Leben geprägt von der unstillbaren Sehnsucht nach dem einen Ort auf der Welt, der ihm endlich Ruhe bringt. In Afrika glaubt er ihn schließlich zu finden und erlebt dort das Wunder der Stille. 

Marc Buhl versucht in seinem Werk über den sonderbaren Langstreckenläufer Mensen Ernst, der von 1793 bis 1846 lebte, eine wahre Geschichte mit einer erfundenen zu kombinieren. Dabei lässt er die historischen Vorlagen weitgehend links liegen und erfindet rund um die Ankerpunkte des Lebens des Wunderläufers seine eigene Geschichte. Mensen und seine Läufe über Kontinente gab es wirklich, dass sein Leben aber sicher sehr viel anders ausgesehen hat, als es uns Marc Buhl in Rashida in seiner schönen Erzählsprache nahe bringt, mag störend sein oder auch nicht, je nachdem, was man von dem Buch erwartet. Eine perfekte Biografie oder ein erfundener Roman? Anspruch, dass alles so gewesen sein muss, wie beschrieben? Oder einfach Unterhaltung mit etwas literarischem Anspruch beim Lesen der Geschichte des Schnell- und Weitläufers? 

Mensens größte Leistung war wohl der Lauf 1832 von Paris nach Moskau – wie aktuell dies doch im Jahr des Transeuropalaufes ist. Angeblich hat er Moskau nach 14 Tagen und mehr als 2.500 km erreicht. Damit aber nicht genug, er rannte auch die 8.300 km von Konstantinopel nach Kalkutta, ganze 59 Tage benötigte er, mehr als 150 km am Tag. Sein Geld verdiente er unter anderem als Kurierläufer für Fürst Pückler oder als Schauläufer auf Jahrmärkten. Mensen war im 19. Jahrhundert ein Star des Sports über den die Zeitungen berichteten und dem die Menschen zujubelten, er lebte vom Laufen. Er war aber nicht nur Star und Berufssportler, sondern auch ein Getriebener, den die Sehnsucht nach dem Ankommen und dem Ziel immer weiter laufen ließ. Selbst Beatrice, die Frau, die ihn liebt, kann ihn nicht so fesseln, dass er bleibt und zur Ruhe kommt. Er läuft weiter, und bricht zu seinem letzten großen Lauf auf, zur Quelle des Nils, die damals noch nicht entdeckt war. Dort findet er endlich die Ruhe, die er wohl immer gesucht hat. 

Mancher Leser mag – zumindest zu Beginn – an Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ erinnert sein. Ob Buhl wirklich vor hatte, sich in Sprache und Stil mit diesem wahrhaft meisterlichen Werk zu messen, sei dahin gestellt. Erreichen kann er es jedenfalls nicht, dafür wird die Geschichte Mensens an einigen Stellen zu verworren, zu lange oder auch zu unklar. Außerdem liegt die Latte der „Entdeckung der Langsamkeit“ dafür natürlich auch sehr hoch. 

Buhl gelingt es, mit einer angenehm poetischen Sprache zu fesseln. Es werden Bilder gezeichnet und Stimmungen greifbar, was einen als Leser neben der über weite Teile aufrechterhaltenen Spannung nicht los lässt. Man spürt die Wüste, man kann die Landschaften sehen, durch die Mensen rennt. Hat man das Buch einmal in die Hand genommen, kann man die 205 Seiten über Mensen Ernst am Stück lesen und möchte es nicht mehr vor der letzten Seite weglegen. 

Da kann man es verschmerzen, dass das Buch insbesondere in der Mitte an einigen Stellen den erzählenden Charakter etwas aus den Augen verliert und etwas viele sportliche Erfolge Mensens aufgezählt werden oder dass der Schluss in Ägypten etwas konstruiert erscheint. 

Die ruhige Lebensbeschreibung Mensens ist nicht nur für Läufer ein absolut lesenswerter Roman, keine Biografie, sondern eher eine „Variation“. Ideal für die stilleren Stunden im Winterhalbjahr. 

Erschienen im Eichborn-Verlag (2005), 205 Seiten, ISBN 13-9783821857473, EUR 18,90 (gebundene Ausgabe)