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Laufen in Peru - Teil 2: Wettkämpfe II

[eingestellt am 05. Mai 2010]

Von: Luca Bongiovanni

Luca und Julia sind schon seit Ende März zurück, er hat uns den letzten Teil seiner Peru-Trilogie nochmal überarbeitet. Was bisher geschah, lest Ihr hier und hier.

Eigentlich sollte es nur eine Trainingseinheit werden und ohne Vorbereitung fuhren wir vor 2 Tagen nach Chivay. Miguel hatte noch den Bedingungen seiner Esposa Folge zu leisten und wusch die Kleider der gesamten Familie in den Morgenstunden auf dem Dach, sodass wir erst einen Bus am Nachmittag nehmen konnten. Als wir endlich um 16 Uhr im letzten Bus nach Chivay saßen, wussten wir nicht genau, was uns nach der dreistündigen Reise, die uns an den Zementwerken  Yuras vorbei und über das Altiplano zum Colca auf nur zum Teil asphaltierten Strassen führte, erwartete.

Als wir ankamen, war es ziemlich kalt und schon dunkel. In der kleinen Stadt Chivay war jedoch noch Leben und als wir vom Busterminal um die Ecke bogen, vorbei am mit Fähnchen geschmückten Ziel des Marathons, kamen uns die kleinen dreirädrigen Taxis entgegen und schon an der Turnhalle angekommen, wurden wir freundlich empfangen, da Miguel bereits als „Campeon“ oft hier gefeiert wurde und bald hatten wir unsere Laufshirts mit Nummern in der Hand.

Wie gesagt finden sich oft dieselben Läufer bei den unterschiedlichen Wettkämpfen ein. Auch Reporter waren anwesend und bald wurden unsere Stimmen auf einfachen Tonbandgeräten aufgenommenen und improvisierte Interviews kamen so zustande. Doch was natürlich zählt ist für uns immer die Bedeutung, die man als Ausländer hierzulande zugeteilt bekommt. So erging es auch zwei belgischen Touristinnen, von denen uns ein paar peruanische Trainer mit Freude und nicht ohne schelmischem Lächeln über den Lippen berichteten, sie hätten die beiden dazu ermuntern können, beim 8 km Lauf der Frauen zu laufen. So sah man die beiden am folgenden Tag auf allen Ehrentribünen sitzen, bei allen Interviews und natürlich als die Hymne der Stadt und die Fahne der Stadt Chivay auf dem Masten gehisst wurde, auf dem Ehrenplatz oder in strammer Pose waren sie dabei . Den beiden, die nicht gerade sportlich aussahen, sondern eher wie zwei sympathische Touristinnen, die sich zu einem Tag als „Queens“ überreden lassen hatten, schien das Schicksal nicht zu bekümmern. Sie schienen es in vollen Zügen und mit der verantwortungsvollen Miene derer, die wissen, dass sie gerade eine wichtige Funktion erfüllen, zu genießen und hatten sich perfekt ihrer ungewohnten Rolle angepasst. Immerhin waren sie ja nicht den Gefahren der Abenteuern  ausgesetzt, von denen uns Kipling in seiner Novelle über die zwei Engländer erzählt, die sich in Afghanistan während der indischen Besetzung zu Königen ernennen ließen und beide elend endeten.

Bei Brod und „Quake“ eine Art Müsli, das hier als heißes Getränk mit Kokosmilch getrunken wird und seinen Namen der religiösen Gemeinde der Quäker verdankt, die der Marke des Produkts ihre Schirmherrschaft leisten, wurden wir von den Unbequemlichkeiten der langen Anreise geheilt. Danach stand uns aber die Suche nach einer Bleibe bevor. Auch dieses Problem schien sich im Nichts aufzulösen als wir, gerade aus der Gaststätte herausgetreten, dem „Alcalde“, dem Bürgermeister fast über die Füße liefen. Sobald wir ihm als zwei aus Arequipa angereisten „Campeons“ vorgestellt wurden, einer davon sogar aus dem weitentfernten Italien, zog der Mann, der ebenso am folgenden Tag laufen wird, prompt aus seiner Tasche 40 Soles, drückte sie Miguels Freund in die Hand, der sich bis vor einigen Sekunden noch Sorgen gemacht hatte, wo er uns billig unterbringen könne, da das Hotel für die Sportler bereits überfüllt war, und nach einem paar Versuchen fanden wir endlich ein Hostal, das uns zwar überteuert aber in viel luxuriöseren Zimmern aufnahm als die vom Autocolca Hostal in dem alle anderen Sportler umsonst schliefen. Und wir hatten nur 5 Soles dazu zahlen müssen. Miguel strahlte von einem Ohr zum anderen als er mir kund tat, dass sogar die Duschen warm seien und wir ein Bad im Zimmer hätten. Alles schien gelöst zu sein und nach einer sorglosen Nacht sicherten wir uns zeitlich die „Pasaje“, die Fahrkarte für den Rückweg, um zu verhindern, dass es uns wie Miguel im Vorjahr erginge, der als er todmüde vom Marathon zurückkam, im Hotelzimmer eingeschlafen und keinen Bus für den Rückweg mehr gefunden hatte.

Nach langen Feierlichkeiten, bei denen natürlich die zwei Belgierinnen immer in vorderster Reihe präsent waren, fuhren uns die zwei Riesenbusse auf den ehemaligen Gletscher über Chivay. Die Fahrt dauerte eine gute Stunde und von dort wo uns der Bus absetzte, mussten alle noch gute 40 Minuten hoch laufen. Wie aufmerksam von unserem Schutzengel, dass er uns nur wenigen Sekunden nachdem Miguel zu mir gemeint hatte: „Luca, wir müssen schauen, dass uns jemand hochfährt, sonst sind wir platt noch bevor es anfängt!“ den Chef des Hauptsponsors von Taxitourismo in einem nagelneuen Fiat vorbeischickte, der, als er uns sah, prompt anhielt und uns einsteigen ließ!

Auch als er uns aussteigen ließ, mussten wir unseren Anstieg fortsetzen, um an den Start zu gelangen. Dort warteten schon einige Läufer und der Bürgermeister in voller andinischer Volkstracht. Nach den Gruppenfotos mit Lama und unter den wachsamen Blicken der Leute vom Bergrettungsdienst, die auf 4800 Metern die Nacht verbracht hatten ging es endlich los. Es war 10:45 und als ich die ersten Meter hinter mir gebracht hatte, schienen mir bereits die ersten Läufer aus Huancayo, Puno, Cuzco und Huncavelica schon Kilometer weit. Wie ich nach dem Schlag an der Schläfe  beim Start des 7 Km Lauf der Candelaria gelernt hatte, ließ ich mich brav zurückfallen, denn an „Verrückten“ fehlt es hierzulande am Start nie: sie schlagen umher und treten wie wildgewordene Stiere an, um dann nach einigen Metern halbtot weiterzugehen oder ganz anzuhalten.

Ich sagte mir immer wieder, dass es nur ein Trainingslauf sei und sowieso hätten mir die Steine einen schnellen Schritt unmöglich gemacht. Um so mehr freute ich mich, nicht wie die ersten alles aufs Spiel setzen zu müssen. Schon bald erschien die Strasse und mein Schritt konnte etwas freier und unbekümmerter in den Rhythmus einfinden. Ich überholte von da an nur und kam bei km20 noch recht frisch an mit dem Gedanken, dass ich mich da mit Miguel verabredet hatte, um locker auszutraben oder sogar im Bus zurückzulaufen, denn Sergio hatte uns gemahnt in Vorbereitung zum 10 Km Lauf in Lima, der nur eine Woche später sein wird, nur einen Trainingslauf zu absolvieren. Tja, doch von Miguel war da keine Spur. Ich lief also weiter bis 30 und dachte, also jetzt muss er doch wohl auf mich warten, aber es war wieder keine Spur von ihm. Ich konnte schon unter mir die Stadt von Chivay, die vom Gletscher aus nicht einmal sichtbar gewesen war, in Reichweite sehen und dachte, ab dem Schild „Chivay“ werde ich nur noch gehen, denn die Oberschenkel brannten und riefen in mir schmerzhafte Erinnerungen wach an die Tage nach allen Marathons, die ich bereits gelaufen war und das wollte ich nun wirklich nicht. Mit Schmerzen ging ich schon fast die letzten Kurven, bis mich die ersten Menschen anfeuerten. Als ich dann einen Touristen mich mit „Ciao Bello!“ anfeuern hörte, schämte ich mich fast meiner Absicht bei der ersten Gelegenheit zum Hotel links abzubiegen und als dann auch noch ein Polizist mir mit einem Zeichen der Hand zuwinkte, ich müsse gerade aus, blickte ich ein letztes Mal sehnsuchtsvoll in Richtung Hotel und sagte mir, es lohne sich doch den Marathon fertig zu laufen. Von Miguel, der in Wirklichkeit mit einer Zeit von 2:19 bereits als 7. angelangt war, keine Spur. Ich sah ihn erst 15 min. später nachdem ich die letzten 2-3 km um die Stadt hinter mich gebracht hatte und glücklich mit einer 2:36 über den Zieleinlauf gelangte. Noch irrealer als der riesenhafte Soldat, der von mir die Daten wissen wollte und der vor Freude strahlende Reporter, der mich nach einem Interview fragte, erschienen mir die zwei Belgierinnen, die wohl schon seit Stunden am Ziel sitzen mussten und auf weitere Ehrungen ausharrten, die noch bis zur Ankunft des Bürgermeisters ausgeblieben wären.

Zum Ausgang des Wettkampfs sei noch in Kürze erwähnt, dass der junge Läufer aus Huancavelica, der in mit einer inoffiziellen Zeit von 2:04 gewann, nicht von ungefähr kam. Er gehört zum peruanischen Nachwuchsprogramm für Marathonläufer, mit dem die besten Läufer aus Peru auf London 2012 vorbereitet werden sollen. Mit einer Zeit von 1:04 über Halbmarathon hat der junge 23 Jährige eine tolle Karriere vor sich. Die schnelle Zeit dagegen ist wohl auf den abwärtsverlaufenden Kurs zurückzuführen und entspricht auf der Ebene einer Zeit, die mit Sicherheit um die 2:15 anzusiedeln ist.

Doch zurück zu uns. Nach dem mir Miguel erklärt hatte, er hätte sich doch überlegt ganz zu laufen, als er sich den Preisgeldern genähert hatte und an 7. Position lag, holten wir unsere Sachen im Hotel und fuhren im Taxi schleunigst zum Thermalbad. Der heftige Hagel, der uns auf dem Weg überraschte ließ nichts Gutes für die Konkurrenten ahnen, die sich noch auf der Strecke befanden. Dennoch ließen wir uns nicht aus der Fassung bringen, verbrachten eine Stunde im 35-40 Grad heißem Wasser, spülten die Müdigkeit von uns und aßen uns später im Markt von Chivay satt.

Um Acht, nach einer superschnellen Fahrt über den Altiplano, kamen wir dann in Arequipa an, wo uns sogar ein Apfelkuchen und ein Zopf erwarteten... 

Kurz vor unserem Abflug nach Europa nahm ich noch an einem 10 Km Lauf in Lima teil. Bei der Anmeldung wurden die berühmten Schuhe aus Hunacayo verkauft, Sportschuhe made in Peru mit denen die besten Nachwuchsläufer  versorgt werden, wenn sie das Geld nicht haben, sich Adidas, Fila oder Nike zu leisten. Julia durfte im Journalisten-Fahrzeug mitfahren, da sie am Laufen gehindert war: für ein Tag war sie eine von Deutschland angereiste Reporterin. Es gewann ein Kenianer dicht gefolgt von der peruanischen und bolivianischen Elite.

Für die vielen anderen Dinge, die ich noch gerne über Peru erzählt hätte, würde man noch viele andere Berichte brauchen, für die es an dieser Stelle keinen Platz mehr hat!

 


19. Ludwigshafener Stadtlauf
Swiss City Marathon Luzern