5. Kirbachtallauf mit 1. Ultratrail in Ochsenbach
Fotos: Nicole Benning & Jochen Höschele
Start-Zielsiege beim Stromberg-Extrem – neuer Streckenrekord auf der Mittelstrecke
Ochsenbach, 09. Mai 2010 - Zum fünften Mal fand am vergangenen Muttertagssonntag im malerischen Kirbachtal im Naturpark Stromberg-Heuchelberg nord-westlich von Stuttgart der Kirbachtallauf statt. Zum Jubiläum hatten sich die Organisatoren rund um Volker Schoch und Rahel Baumgärtner vom TV Ochsenbach etwas Besonderes ausgedacht. Ein Landschaftsultralauf sollte die vorhandene Streckenvielfalt – im Programm befinden sich neben Schüler- und Walkingstrecken ein 22 km-Lauf, ein 11 km-Lauf und ein 7,2 km-Einsteigerlauf – ergänzen. Stromberg-Extrem, so sein Name. Er führt über knapp 55 km und zahlreiche Höhenmeter, 1.200 laut Ausschreibung.
Ochsenbach, 1993 immerhin als schönstes Dorf Baden-Württembergs ausgezeichnet, reiht sich damit in die Liste der deutschen Landschaftsultras ein. Eines haben sie alle gemeinsam: sie finden in landschaftlich reizvollen Gegenden Deutschlands statt und die Startorte sind weithin unbekannt. Oder wer außer den Einheimischen und den treuen Fans der Laufstrecken kennt Schmiedefeld, Bödefeld, Hoppstädten-Weiersbach, Reichweiler, Ochsenbach oder ähnliche Namen?
Das Wetter meinte es dieses Jahr nicht so gut mit den Kirbachtaler Läufern, sehnte man sich im Vorjahr nach einer Abkühlung und Sonnenschutz, so hätte man sich im Jubiläumsjahr etwas mehr Sonnenstrahlen und weniger Nass von oben gewünscht.
Als sich die ca. 70 Ultraläufer morgens um 8 Uhr in der noch ruhigen fachwerkgesäumten Dorfmitte Ochsenbachs an der Startlinie versammelten, schliefen die Teilnehmer der anderen Läufe sicherlich noch. Ihre Starts waren erst um 11 Uhr, sie nutzten die späte Startzeit sicher für ein ausgedehntes Muttertagsfrühstück.
Auf 100 Teilnehmer war die Ultralaufstrecke begrenzt, 64 Finisher waren am Ende sicher ein gutes Ergebnis für die Erstauflage, zumal Nachmelder aufgrund des strömenden Regens eher dünn gesät waren. Ein paar zusätzliche Starter hätten sicherlich bei einem etwas großzügigeren Zeitlimit noch gewonnen werden können. Maximal 6.45 h für 55 km und 1.200 Höhenmeter ließ manchen älteren und / oder langsameren Ultraläufer aus Furcht, das Zeitlimit nicht zu schaffen, zu Hause bleiben. Die Ochsenbacher wollten mit dem Limit verhindern, Anfänger auf der Strecke zu haben, allerdings gibt es eben gerade bei den Ultraläufern einige sehr erfahrene Läufer, die aber nicht (mehr) sonderlich schnell sind.
Die Streckenführung des Stromberg Extrem Laufes ist bis km 21 identisch mit dem Parcours des Langstreckenlaufes. Kurz nach dem Start erklimmt man die ersten Höhenmeter in Richtung Rennweg, um von dort oben auf dem Strombergrücken durch kühlen Wald zur Pfeiferhütte zu laufen. Dann geht es durch die herrlichen Weinberge mit Aussichten à la Toskana in den kleinen Weinort Hohenhaslach, steil bergab ins Kirbachtal, dann zurück mit der einen oder anderen Welle nach Ochsenbach. Hier biegt der Ultra dann links ab und verlässt den dem Tal den Namen gebenden Kirbach. Die Langstreckenläufer müssen gegen später an dieser Stelle nur noch etwa 1 km laufen, bis sie wieder im Start- und Zielort Ochsenbach sind.
Wer sich auf der Ultrastrecke bis zur 21 km Marke schon total verausgabt hatte, der konnte jetzt ein kleines blaues Wunder mit dem netten Namen „krummes Steigle" erleben. Das Steigle ist nicht nur krumm, sondern vor allem steil. Und es führt auf den mittleren Strombergrücken, auf dem sich auch die höchste Erhebung, nämlich der 477 m hohe Baiselsberg, befindet. Auf halber Strecke befand sich zum Glück eine der zahlreichen Verpflegungsstellen, an denen überaus freundliche Helfer die Läufer mit Wasser, Iso, Obst und Brot versorgten. Nach der Erfrischung konnte die zweite Hälfte des Anstiegs erklommen werden. Oben angekommen folgte eine etwas erholsamere mehr oder weniger flache Passage auf dem mittleren Rennweg bis zur Salzeiche und dem Hamberger See.
Der gesamte Stromberg ist ein ständiger Wechsel zwischen Wald und Weinbergen. An den Südhängen wächst in fast mediterranem Klima der Wein, der schon seit dem 8. Jahrhundert dort gepflanzt und kultiviert wird, die Nordhänge sind mit dichtem Laubwald, meist Eichen, bewachsen. Maßgeblich geprägt hat die ganze Region das 1147 von Zisterziensermönchen gegründete nahe gelegene Kloster Maulbronn, das nicht nur den Weinbau in der Region stark nach vorne getrieben hat. Zeichen ihres alten Besitzes zum Beispiel in Form von jahrhundertealten Grenzsteinen kann man im Wald an der Strecke des Stromberg Extrems eine Menge finden, ob die Läufer dafür am vergangenen Sonntag einen Blick hatten? Wohl eher nicht.
Nach dem Hamberger See und begeisternden Anfeuerungsrufen einiger versprengter Starkregenwanderer kam eine erneute Härteprüfung für die Beine in Form eines sehr unangenehmen langen Abstiegs, der oberhalb von Gündelbach gleich wieder in eine deftige Steigung mündete. Kaum oben wartete eine weitere Herausforderung mit einem matschigen Wiesenstück, bevor man Sternenfels erreichte. Zwischendurch waren sogar einige Sonnenstrahlen zu sehen gewesen, über den Wiesen verdunstete die Feuchtigkeit wie in einem Dampfbad, was allerdings nur ein kurzes Intermezzo sein sollte. Immerhin blieb es dann bis ins Ziel trocken, es war auch nicht mehr ganz so empfindlich kalt. Von Sternenfels aus führte die von den zahlreichen Helfern in 10-stündiger Kleinarbeit perfekt markierte Strecke im stetigen Auf- und Ab über den Rennweg gen Osten in Richtung Ochsenbach. Bei km 50 mussten die müden Beine noch mal 2 km Gefälle zurück ins Kirbachtal ertragen, um dann idyllisch an Pferdekoppeln vorbei den Rand des Zielörtchens zu erreichen. Nun trennte nur noch der Anstieg durch die Krebsgasse auf die Dorfstraße vom Zieleinlauf, den auch fast alle in der vorgeschriebenen Zeit von 6:45 h schafften. Bei denen, für die 6:45 h nicht ganz ausreichten, wurde die Zeit von Hand gestoppt, selbstverständlich mit Wertung und begeistertem Empfang von den zahlreichen Schlachtenbummlern. Überhaupt ist der Zieleinlauf auf der Dorfstraße Ochsenbachs ein besonders schöner, eine Trommelgruppe motivierte mit südamerikanischem Rhythmus, Sprecher Volker Schoch kündigte jeden Läufer enthusiastisch an, es wurde unter lautem Applaus und Anfeuerungsrufen bis zum letzten Meter gekämpft.
Während die Ultras schon lange unterwegs waren, mutierte die Ochsenbacher Dorfstraße zum Läuferzentrum. Erst wurden die Kinder und Bambini auf die Reise geschickt, dann die Walker und zum guten Schluss die Läufer der Strecken von 7,2 km bis 22 km.
Schnellster Läufer über die 7,2 km Strecke (inkl. 190 Höhenmeter) war Sven Kratochwil vom Team Roy Sports in 25:52 min mit deutlichem Vorsprung auf Ekkehard Beier (27:38 min) und Bernd Straub (28:20 min). Bei den Frauen siegte Bettina Dorna in 36:02 min vor Angela Regelmann (36:12 min) und der erst 12 Jahre alten Marlene Aupperle (37:32 min), die im Vorjahr den Schülerlauf gewonnen hatte.
Der Vorjahreszweite Jörg Walter vom EK Schwaikheim dominierte klar die 11,2 km lange und mit 240 Höhenmetern gespickte Mittelstrecke. Der in Markgröningen lebende Walter ist dieses Jahr in einer Bombenform und läuft von Sieg zu Sieg. „Am ersten Berg habe ich den Führungsradler abgehängt und bin dann mutterseelenallein gerannt. Das war nicht ganz leicht." Er freute sich über seinen Sieg in 42:10 min, was auch neuer Streckenrekord ist. Er hat noch einiges vor und möchte nach zahlreichen Bestleistungen in diesem Jahr die Form nutzen und gerne noch eine 34er Zeit auf 10 km laufen. Hinter ihm klaffte eine große Lücke. Nach 45:51 min erreichte Igor Schiffner (Spvgg Bietigheim) das Ziel, gefolgt von Markus Jancura (LG Kraichtal) in 47:11 min.
Bei den Frauen ging der Sieg in schwachen 1:01:35 h an Annette Möhle vom ASC Heidehof. Zweite wurde Birgit Fender (1:03:38 h) vor Edeltraud Schestag, die bereits in der W65 startet und gute 1:04:51 h benötigte.
Auf der Langstrecke (22,2 km und 570 Höhenmeter) wurden die Streckenrekorde nicht unterboten. Bei den Männern gewann Thomas Kirschey (Rot Weiß Koblenz) in guten 1:24:30 h vor Tilmann Reuter (1:25:37 h) und Erwin Olescher (1:36:43 h). Christine Knoß aus Ludwigsburg war schon mehrfach in Ochsenbach gestartet und konnte 2010 in 1:49:22 h das Frauenrennen gewinnen. „Ich hab’ mich gefreut als ich gesehen habe, dass Nicole Benning für den UItra gemeldet ist, denn damit hatte ich eine Chance auf den Sieg." Die nutzte sie auch und strahlte mit der Nachmittagssonne um die Wette. Zweite wurde die von ihrem Podestplatz ganz überraschte Laura Illing (Team Leosport) in 1:54:58 h vor Ingrid Scheinhütte (Team Roy Sports) in 1:57:05 h. Laura Illing war ganz begeistert von diesem landschaftlich reizvollen Lauf: „Wenn man aus dem Wald herauskommt und nach Hohenhaslach hinunter rennt, das ist ja wunderschön!"
Bei den Ultras war im Männerrennen ein Zweikampf zwischen dem passionierten Trailläufer Petru Muntenasu aus Schwaigern und dem Esslinger Marian-Jan Olejnik zu erwarten. Olejnik ist von beiden sicher der schnellere, aber im Gelände und auf Berg- und Talstrecken, da können Muntenasu nur noch wenige das Wasser reichen. Ob der Stromberg Extrem allerdings extrem genug ist, das sollte die spannende Frage sein. Am Ende hatte Marian-Jan die Nase vorn. Er rannte in seiner gewohnten Art schnell los und gab die Führung auch nicht mehr ab. Nach 3:57:02 h blieben für ihn die Uhren im Ziel stehen. Die Organisatoren hatten nicht damit gerechnet, dass die Siegerzeit so schnell sein würde. „Ich fand den Lauf sehr schön, auch heftig giftig und schwierig." Als nächstes läuft er wie fast jedes Jahr in Schmiden beim 6 bzw. 12 Stundenlauf. 2010 möchte er etwas ruhiger machen und nicht ganz so viele Rennen laufen. Ca. 130 km trainiert er in der Woche, dazu fährt er noch Rad. Als Zweiter erreichte Petru Muntenasu in 4:01:37 h die Dorfstraße. „Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis, für mich war die Strecke zu einfach und zu wenig trailig, da hatte ich gegen Marian-Jan keine Chance." Er war sehr froh über den vielen Regen während des Laufs, denn dann plagen ihn die Pollen, die ihm im Frühjahr immer so schwer zu schaffen machen, etwas weniger. Dritter wurde ebenfalls ein bekanntes Gesicht der Ultraszene: Gernot Helferich kam nach 4:07:54 h ins Ziel. Er hatte bis kurz vorm Ziel gar nicht bemerkt, dass er 30 km lang einen treuen Verfolger hatte, der es beinahe noch geschafft hätte, ihn einzuholen. Reiner Fischer von der LG Neckar-Enz war ihm immer dicht auf den Fersen, konnte es aber nicht mehr ganz auf Platz drei schaffen. 4:08:30 h bedeuteten Platz vier für ihn. Gefallen hat es ihm trotzdem und er gönnte Helferich den Treppchenplatz.
Das Frauenrennen ging fast erwartungsgemäß an die Kleinglattbacherin Nicole Benning, die es sichtlich genoss, in ihrem Trainingsgebiet auf bekannten Pfaden einen Ultra zu laufen. Sie und ihr Mann Jochen Höschele hatten im Vorjahr noch davon geträumt, selbst einen solchen Lauf zu organisieren, die private Testversion hatte am 01. Mai 2009 stattgefunden. Als dann der Kontakt zu den Ochsenbachern zustande kam und diese von ihren Ultra-Plänen berichteten, war klar, dass beide dort wenn irgendwie möglich, teilnehmen wollten. Die eigenen Pläne für einen Ultra verschwanden in der Schublade. Benning war vor zwei Wochen erst im Rahmen eines Einsatzes der Fördergruppe Leistungssport der Deutschen Ultra Marathon Vereinigung ein 100 km Rennen gelaufen und hatte ihre Meldung für Ochsenbach daher hinausgezögert. „Ich bin noch lange nicht erholt von den 100 km, wollte aber unbedingt starten. Ich habe meine Beine doch ziemlich gespürt und daher versucht, so zu laufen, dass es muskulär einigermaßen vertretbar war." Überglücklich über ihren Sieg lief sie nach 4:41:23 h als erste Frau und Gesamtneunte ein. Zweite wurde Andrea Feller, vielen bekannt von den Laufveranstaltungen der Familie Feller am „Bärenfels". Sie benötigte 5:07:13 h für die Strecke; Angela Höfle, ebenfalls eine Ultralaufmitorganisatorin, nämlich vom neuen KUSUH 100 Meilen Lauf in Oberderdingen im September, wurde in 5:25:20 h Dritte. Auch sie kennt den Stromberg wie ihre Westentasche, rennt sie doch mit ihrem Mann stundenlang auf Erkundungstouren für den eigenen Ultra durch die Gegend. „Ich bin total zufrieden mit mir und richtig glücklich", so Angela Höfle im Ziel.
Einige Starter hatten die Gelegenheit des Ultradoppeldeckers Rennsteig – Ochsenbach genutzt. Jochen Höschele, Gerhard Bracht und Stefan Fecher ließen es sich nicht nehmen, samstags in Thüringen fast 73 km und sonntags in Ochsenbach 55 km weit zu laufen. Es hat sich aber gelohnt, denn die Veranstaltung im Kirbachtal war wieder ein voller Erfolg und sogar das Wetter spielte nachmittags beim gemütlichen Zusammensein und bei der Siegerehrung noch mit.
Direkter Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.kirbachtallauf.de

