2. Keufelskopf Ultra Trail in Reichweiler
Fotos: Peter & Gabi Gründling
Ja, Mama, mir geht’s gut
Reichweiler, 15. Mai 2010 – Zum zweiten Mal fand im kleinen idyllischen Ort Reichweiler, im Landkreis Kusel direkt an der Grenze zum Saarland gelegen, der Keufelskopf Ultra Trail (KUT) statt. Der Keufelskopf liegt im Pfälzer Bergland und ist Teil der "Preußischen Berge". Reichweiler hat unter 600 Einwohner, aber eine eigene Autobahnausfahrt. Es liegt nämlich unmittelbar an der A62 Kaiserslautern-Trier. Hier lebt Eric Tuerlings, der den KUT 2009 anlässlich seines Geburtstages als Einladungslauf aus der Taufe hob. Früher selbst begeisterter Straßenläufer, ist er inzwischen zum eingefleischten Trailläufer geworden, im Internet ist er längst als Trailjunkie bekannt. Seine große Laufliebe ist der Ultra Trail Tour du Mont Blanc (UTMB). Was lag da näher, als selbst einen Trail im wahrsten Wortsinn aus dem Boden zu stampfen und dafür dann auch noch Qualifizierungspunkte für den UTMB zu beantragen und auch zu bekommen.
Für 2010 sicherte er sich den Rückhalt seines Vereins SV Reichweiler, bei dem er bereits 2002/2003 den örtlichen Lauftreff installierte und schrieb den KUT ganz normal als Laufveranstaltung aus. Da der KUT in diesem Jahr 85 km und 2.800 Höhenmeter aufwies, wurde auch noch ein Minitrail über 22 km angeboten, der mit 750 Höhenmeter allerdings auch alles andere als einfach war. Da der Kut um 6 Uhr und der Mini-KUT um 9 Uhr gestartet wurden, sollte “der Kleine” ein bißchen den Start-Ziel-Bereich rund um das Reichweiler Sportheim beleben und gleichzeitig Trailanfängern eine Schnupperstrecke und begleitenden Nichtultras eine Beschäftigungsalternative bieten.
Möglichst viel Strecke mit möglichst vielen Trailpassagen auf möglichst engem Raum – das ist das Fazit des KUT. Um die 85 km zusammen zu bekommen, hat Eric Tuerlings zwei Runden abgesteckt, die sich am Sportheim kreuzen. So ist der Start nach 42 km logistisch geschickt wieder erreicht und die Läufer können sich an der dann schon zweiten Verpflegungsstelle ihre Trinkgerätschaften auffüllen. Die erste Wasserstelle war bei km 23, die dritte ist bei km 55 aufgebaut und die vierte und letzte bei km 69. Der Lauf ist als Selbstversorgerlauf ausgeschrieben. Die Sportler haben ihre gesamte feste Nahrung sowie ein Behältnis für und mit mindestens 1,5 l Flüssigkeit mitzuführen. An den Versorgungsstellen wird ihnen nur Wasser zur Verfügung gestellt, das dieses Jahr versehentlich leider kohlensäurehaltig war. Die Läufer können morgens noch Eigenverpflegung für die Versorgungsstellen abgeben. Allerdings ist nur Eigenverpflegung in flüssiger Form erlaubt. Deponiertes Essen wurde nach mehrmaliger Ansage gnadenlos aus den Kisten entfernt. Nicht ganz so rigoros ging Tuerlings mit den Cut offs um, aus dem Rennen genommen wurde niemand wegen Zeitüberschreitens, auch wenn seine Schwester Mayke als Letzte schon deutlich nach Einbruch der Dunkelheit das Ziel erreichte.
Zusätzlich zu den Versorgungspunkten waren noch vier Kontrollpunkte eingerichtet, an denen Durchgangszeit und Startnummer jedes Läufers notiert wurden. Laut Ausschreibung hätte das Fehlen schon einer Durchgangszeit zur Disqualifikation geführt. Auch hier wurden schon mal beide Augen zugedrückt, da sich trotz nach Aussagen vieler Läufer ausgezeichneter Streckenmarkierung doch der Eine oder die Andere verlief. Leider sehen auch in der Umgebung von Reichweiler viele Jäger und sonstige Zeitgenossen den Läufer als natürlichen Feind des Waldes an und waren alles andere als begeistert von dieser Veranstaltung. Schon im Vorfeld kam es auf manchen Streckenabschnitten mit den Markierungen zu Problemen, ein Jäger fühlte sich zum Beispiel dazu bemüssigt, die blauen Punkte mit olivgrüner Farbe zu übermalen. Mit ihm konnte zum Glück ein klärendes Gespräch geführt werden, das dann noch vierzehn Tage vorm Tag X zu einer geringfügigen Streckenänderung führte. Aufgrund der zu erwartenden Probleme konnte die zusätzliche Markierung mit Flatterbändern erst am Wettkampftag angebracht werden. Ein Mountainbiker startete bei Anbruch der Dämmerung gut eine Stunde bevor die Läufer auf die Strecke entlassen wurden. Er hätte auch ohne Reifenpanne gegen die schnellen Läufer keine Chance gehabt, die gesamte Strecke vor ihnen zu markieren. Zirka ab km 65 waren die Spitzenflitzer darauf angewiesen, sich nur an den blauen Punkten und ein paar aufgestellten Hinweisschildern zu orientieren, was aber auf diesem Streckenabschnitt kein wirkliches Problem mehr darstellte. Selbst im Ortsbereich von Reichweiler gab es ein paar “freundliche Zeitgenossen”, die sich gestört fühlten und Flatterbänder ab- und umhängten. Gegen solche Sabotageakte ist ein Veranstalter einfach machtlos.
Ist die erste Runde noch eine wirklich als Runde anzusehende Strecke, so wird man beim Ansehen des GPS-Streckenbildes der zweiten 43 km fast schwindlig. Manche Punkte liegen praktisch nur wenige Meter auseinander, um sie auf der markierten Strecke zu erreichen, ist man aber einige Kilometer unterwegs. Das macht Abkürzen einfach und die zusätzlichen Kontrollpunkte erforderlich. Der weiteste vom Sportheim entfernte Punkt der Strecke ist mit dem Auto innerhalb von nur ca. 10 min zu erreichen.

Trail mit Aussicht
Nachdem seine Ausschreibung stand, wurde Eric Tuerlings von Anmeldungen fast überrollt. Anfang Mai standen 142 Namen in der Teilnehmerliste des KUT. Diese Liste dezimierte sich schon in den letzten zwei Wochen vorm Start. Am Freitag, also dem letzten Tag zuvor, meldeten sich nicht weniger als 20 Läufer ab – teilweise wegen Problemen, die sie schon seit drei Monaten zu weniger bis keinem Training zwangen. Am Starttag selbst holten dann 13 Angemeldete ihre Startnummern nicht ab, also nochmal 10% der Verbliebenen. Bei einem eng kalkulierten Startgeld von 25 €, in dem außer dem Wasser unterwegs noch eine Medaille, zwei Getränke und eine warme Mahlzeit nach Zieleinlauf sowie kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten enthalten waren, ist ein solcher Ausfall wirklich erheblich. Im besten Fall kann man ein solches Verhalten wohl als gedankenlos einstufen. In der kleinen familiären Ultraszene, in der jeder jeden kennt und so auch virtuell umtriebige Leute wie Eric Tuerlings den meisten zumindest durch seine diversen Forenbeiträge bekannt sein dürfte, sollte eigentlich ein anderer Umgangsstil herrschen als bei einer anonymen Großveranstaltung. Kein Wunder, daß auch immer mehr kleine Veranstaltungen den Aufwand einer Vorkasse betreiben müssen – was die anonymen Großveranstalter schon viele Jahre praktizieren und was von den Teilnehmern auch klaglos hingenommen wird.
99 standen am Ende morgens um kurz vor 6 Uhr im weiten Bogen um Eric Tuerlings herum, der noch ein kurzes Briefing vornahm, bevor er die Meute auf die Strecke schickte. Einer mußte leider schon nach 10 km die Segel streichen, einer nach 23 km, neun weitere zogen es vor, die zweite Runde nicht mehr zu beginnen und drei Läufer brachen irgendwo auf Runde 2 ab. Mit 85 kamen, Wunder der Mathematik, 85,85 % der Gestarteten ins Ziel, fünf allerdings nicht mehr innerhalb des Zeitlimits von 14:10 Stunden.
Dabei war das Wetter, im Gegensatz zur Hitzeschlacht 2009, als äußerst lauf- und läuferfreundlich einzustufen: bedeckt, überwiegend trocken, vor allem natürlich im Wald weitestgehend windstill. Für die Helferschar war's draußen im Freien oft ein wenig "für die Jahreszeit definitiv zu kalt".
Nach Studium der Starterliste wurden im Vorfeld Wetten abgeschlossen, ob Petru Muntenasu oder René Strosny das Rennen machen würden. Bis km 41 lag Muntenasu vorne, der sich kurz vorm Erreichen des Durchgangsziels “km 42” am Sportheim allerdings verlief und von Strosny überholt wurde. In der Folge hatte Strosny bei km 55 satte 20 min Vorsprung, den er dann seinerseits durch einen üppigen Verlaufer einbüßte. Km 69 erreichten die beiden gemeinsam. Im Lauf der letzten 16 km forcierte Muntenasu dann doch nochmal das Tempo, Strosny wollte ihm nach seinem Mammutprogramm der letzten Wochen, das am vergangenen Samstag in einem fünften Platz und neuer persönlicher Bestzeit auf dem Rennsteig gipfelte, nicht mehr folgen und begnügte sich mit Platz 2. Zehn Minuten trennten die beiden Kontrahenten am Ende, Petru Muntenasu brauchte 8:32 h, lief also ziemlich genau einen 6er Schnitt. So richtig zufrieden war er nicht mit sich und der Veranstaltung auch wenn sein Plan, den KUT zu gewinnen, am Ende aufging.

Auf Platz 3 lief Ingo Saatweber ein. Der 42jährige ist von der Statur her alles andere als eine Bergziege. Bei einer Körperlänge von von ca. 1,90 m wirkt er recht kompakt und muß deutlich mehr Gewicht die Berge hochstemmen als zum Beispiel die kleinen zierlichen Ultras Muntenasu und Strosny. Die Ultramarathonstatistik der DUV weist für ihn bisher sieben Ergebnisse aus, keines auf einer Strecke weiter als 63 km und auch nur eines der Marke “Trail”. Er hatte gehörig Respekt vor Streckenlänge und –profil. Und lief trotzdem gleich von Anfang an beherzt los. Selbst zwei Stürze konnte ihn nicht bremsen. Total glücklich erreichte er das Ziel als Dritter nach 9:14 h. Zu seinem Kilometerumfang schreibt er selbst im DUV-Forum "Nach meinem GPS-Track habe ich 90,66km zurück gelegt - ca. 89km zu Fuß und ca. 1,5 - 1,6 in Deinem Auto, wenn Du mich mal wieder auf den rechten Weg gebracht hast."
Auf Platz 4 findet man den ersten M50er. Hans Hörmann aus München ist sogar Ultraneuling, neben ihm debutierten auf der schweren westpfälzischen Strecke weitere sechs Läufer, die das Ziel auch alle erreichten. Auch M50er Nummer 2, Rainer Leyendecker, ist noch relativ neu in der Ultraszene. Angefangen hat er beim Rennsteiglauf 2009, der KUT war sein 11. Ultra. Leyendecker läuft nach der “Alles oder nichts”-Methode. Renntaktik ist ihm fremd. Beim 6 h-Lauf in Nürnberg erlief er sich so mit 77 km Platz 3, vor 14 Tagen war er hinter René Strosny Zweiter beim 52,5 km-Lauf am Bärenfels, eine Woche später bezwang er den Rennsteig in 6:20 h, der achte Platz beim KUT ging für ihn völlig in Ordnung. In jungen Jahren war Leyendecker Tennisspieler, seinen Schläger mußte er wegen Knieproblemen an den Nagel hängen. Danach machte er bei den Langstreckenwanderern “Karriere”, um nach einer längeren Wanderpause aufgrund von Meniskus- und Kreuzbandverletzungen stieg er quasi nahtlos auf Marathon und Ultramarathon um.
Die KUT-ler kamen aus nah und fern in den letzten Zipfel von Rheinland-Pfalz. Berlin, München, Nürnberg – die weiteste Anreise hatte sicher Michael Becker. Und quasi gleichzeitig die kürzeste. Der 38jährige lebt und arbeitet in USA, stammt aber aus Reichweiler. Da er auch in seiner neuen Heimat gerne Trail läuft, ließ er es sich schon 2009 nicht nehmen, zum KUT seine Eltern zuhause in Reichweiler zu besuchen und so hielt er es auch in diesem Jahr.
Relativ kurz war auch die Anreise der Siegerin des KUT, Juliane Raubuch. Sie startet für den LTF Köllertal/Saarland. Ihre Ultralaufbahn begann 2003, zu den Vielstarterinnen gehört sie bei bisher maximal vier Ultras im Jahr nicht. Ihre besten Platzierungen erreichte sie bisher beim benachbarten Bärenfelstrail, den sie im Juli 2006 gewinnen konnte. Vor Wochenfrist war sie noch 3. W45 am Rennsteig. Den KUT beendete sie als 31. Gesamt nach 11:27 h.
Bei Halbzeit hatte noch Heike Angel, ebenfalls im Saarland beheimatet, vorne gelegen. Der KUT war erst ihr dritter Ultra. Nach zwei Straßenläufen 2007 (50 km Bottrop) und 2009 (100 km-DM als Siegerin W45) versuchte sich die Neu-W50erin diesmal auf einer Trailstrecke, brauchte 11:43 h.
Aus dem Taunus war Petra Scheunemann angereist. Neben den eher “harmlosen” Landschaftsläufen am Rennsteig und in Biel hat sie sich u.a. am kill50 probiert, einem 50-Meilen-Lauf mit 2.000 Höhenmetern im Raum Hildesheim, den sie als Zweite bestand. Den KUT beendete sie nach 11:51 h als Dritte.
38 LäuferInnen begaben sich auf den Minitrail. Aber statt der 22,5 angesagten Kilometer liefen viele, aus welchem Grund auch immer, nur 19. So wurden zuerst die falschen Sieger gekürt. Eric Tuerlings entschloss sich letzten Endes, aus der Not eine Tugend zu machen und nun gibt es zwei Ergebnislisten: eine für 22 und eine für 19 km. Gerald Baudek lief als Sieger des langen Minis am Sportheim von Reichweiler ein. Frauensiegerin war Annette Bobbert aus Düsseldorf, deren Lebensgefährte Jochen Kruse sich den Ultra antat.
Auch bei einem Landschafts-Geländelauf sind Handys inzwischen wohl unerlässlich. Für den Notfall waren sie Pflichtausrüstung jedes Läufers. Man konnte sie aus lassen oder einfach ungenutzt mitführen. Telefonate und SMS von unterwegs waren aber auch nicht bei jedem verpönt. Und so konnte man, um den Bogen zur Überschrift zu bekommen, auch zwischendurch mal der besorgten anrufenden Mutter mitteilen, daß man noch ok ist. Was übrigens keine erfundene Geschichte ist….
Ergebnisse und mehr auf www.tuerlings.de/kut

