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Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede - Haruki Murakami

[eingestellt am 28. Mai 2010]

Von: Gerd Fischer

„Ich laufe, also bin ich“

Er ist ein berühmter Schriftsteller und ein mehr als passabler Läufer. Haruki Murakami, 60 Jahre alt, kann über 15 weltweit erfolgreiche Bücher vorweisen und hat 26 Marathons, einen 100km-Lauf und mehrere Kurz-Triathlons absolviert. In „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ reflektiert er die Bedeutung des Laufens für sein Leben und seinen Beruf. „Sich selbst bis an seine persönlichen Grenzen zu verausgaben ist die Essenz des Laufens und eine Metapher für das Leben überhaupt“. 

Der laufende Romancier beschreibt in Tagebuchform einzelne bedeutende Stationen seines Läuferlebens: seinen ersten 42km-Lauf von Athen nach Marathon, den 100km-Ultralauf um den Saroma-See, die Vorbereitung auf den New York City-Marathon. Murakami lebt für diese besonderen Ereignisse und lässt den Leser daran teilhaben. Deshalb wandelt er auch Descartes‘ Zitat „Ich denke, also bin ich“ um in „Ich laufe, also bin ich“. 

Dabei ist Murakami alles andere als reiner Spaßläufer. „Für einen Läufer wie mich zählt vor allem, die Ziele, die ich mir selbst gesteckt habe, mit meinen Beinen zu erreichen.“ Jedenfalls scheint Konfuzius‘ zugeschriebener Satz „Der Weg ist das Ziel“ für Murakami nicht zu gelten. Für ihn zählt das Ankommen. Auf keinen Fall möchte er Stehen bleiben. So formuliert er beispielsweise schon mal vorab seine Grabinschrift im Falle seines Todes:

„Haruki Murakami
Schriftsteller (und Läufer)
Zumindest ist er nie gegangen.“ 

Hier erkennt man gut, dass es kein reines Läuferbuch ist. Noch mehr scheint der Schriftsteller hindurch. „Das meiste über mich selbst und über das Schreiben von Romanen habe ich durch mein tägliches Lauftraining gelernt“. Murakami versucht für sich heraus zu finden, warum das Laufen für ihn als Schriftsteller so bedeutsam ist und zieht Parallelen: Ausdauer, Konzentration, Disziplin, geregelte Tagesabläufe, Leidensfähigkeit, Genuss, Meditation. Kein Läufer und kein Schriftsteller kommt ohne sie aus, erfährt sie nicht bzw. kann ihnen widerstehen. 

Natürlich sind das keine neuen Erkenntnisse, manchmal möchte man sagen, seine Betrachtungen sind ihm allzu schlicht, fast naiv geraten – zumal für einen renommierten Schriftsteller, der mit nahezu allen Literaturpreisen seines Landes ausgezeichnet wurde. 

Seine Trainingsstrategien zum Beispiel sind – um es wohlwollend auszudrücken – nicht ganz auf der Höhe der Zeit oder anders ausgedrückt: sporttheoretisch fragwürdig. Er nimmt sich 300 Kilometer pro Monat vor und läuft jeden Tag die gleiche Strecke, nämlich 10 Kilometer. Man möchte ihm raten, ein wenig Abwechslung in sein Trainingseinerlei zu bringen. 

Aber auf die lauftheoretischen Abschnitte kommt es gar nicht an. Vielmehr scheint durch jeden Satz der Mensch Murakami und seine Auffassung von den Dingen des Lebens und seine Betrachtungsweise des Laufens. Es gibt Passagen, in denen er sehr emotional wird: Ängste vorm Älterwerden, Verfallsprozesse des Körpers, Erfolge und Misserfolge beim Laufen. Schmerz und Wille treiben ihn weiter, wenn die Beine versagen. Nicht ins Ziel kommen wäre eine persönliche Niederlage und käme einem Supergau gleich. Bewundernswert die mentale Stärke, wenn er an Grenzen stößt und versucht, sie zu überwinden. Jeder Satz spiegelt Murakamis Leidenschaft wider. Es ist die unbekannte Seite Murakamis, die zum Vorschein kommt. 

Laufinteressierte Leser können das Buch durchaus mit Gewinn lesen, denn sie erfahren darin, warum jemand Läufer wird: „…weil er dazu geschaffen ist“. Zumindest meint das Haruki Murakami.

ISBN 3-8321-8064-8, DuMont Buchverlag, 16,90 €

seit März 2010 auch als Taschenbuch:
ISBN 3-442-73945-4, Verlag btb, 8 €