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Isst Du noch oder ernährst Du Dich schon?

[eingestellt am 08. April 2009]

Von: Olga Schlawunzel

Wenn Essen die Erotik des Alters ist, so ist die gesunde Ernährung der Orgasmus für Läuferinnen und Läufer. Sie wissen ja: in fernen Zeiten hat man einfach gegessen, was da war und – sofern man den Luxus der Wahl hatte – schmeckte. Weil Essen ein essentielles Bedürfnis ist, das dem Überleben dient (und dem Genuss). In weniger entwickelten, sprich ökonomisch weniger potenten Regionen unseres Planten ist das auch heute noch so. Das ist allerdings für den postmodernen Menschen einer privilegierten westeuropäischen Wohlstandsgesellschaft primitiv und unter unserer ökotrophologischen Würde. Da sind wir heute schon einige Schritte, besser: Marathons weiter. Schließlich reicht das Überangebot an Nahrungsmitteln für die angebliche neue Geißel der modernen Industriegesellschaft: Adipositas. Die Dicken sind Schuld an der Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Und die Raucher. Schlanke Nichtraucher sind also die gesuchte Elite. Nahrungsaufnahme wird zur Ernährung, die zentraler Bestandteil des Lifestiles ist. Da soll noch jemand mit so etwas Ordinärem wie „essen und trinken“ kommen. Das war Vorvorgestern. Noch sensibler für die Gretchenfrage „Nun sag, wie hältst Du’s mit den Kohlenhydraten?“ sind natürlich wir Ultras. Schließlich ist unsere Nahrung der Brennstoff, der uns über viele Kilometer treiben soll. Wer nur trainiert, macht es sich also zu einfach. Zum Trainingsplan gesellt sich deshalb fast zwangsläufig der Ernährungsplan. Schließlich kann man hier mindestens soviel falsch machen. Ein ideales Feld also, um eine Lehre oder gar Weltanschauung aus der nur scheinbar banalen Nahrungsaufnahme zu machen. Der Markt reagiert ja auch prompt mit Sportnahrung, die unserer Eitelkeit suggeriert, dass wir etwas Besonderes sind und deshalb auch besonders essen müssen. Was natürlich besonders viel kostet, aber das nimmt man doch gerne in Kauf, wenn man dadurch zu einer Elite zählt.

Bemerkenswert ist zudem, dass das Thema Ernährung fast automatisch mit dem Begriffsfeld gesund, Idealgewicht, schlank, vitaminreich verbunden ist. Iss Dich fit und gesund. Doch vom Essen ist noch niemand schlank geworden und noch niemand hat beim Essen Fitness erworben. Es entspricht aber dem Lifetsyle, bei der Ernährung anzusetzen. Schließlich muss man es sich groteskerweise erst einmal leisten können, schlank zu bleiben. Das war mal ganz anders, aber wirtschaftlich gesehen, ist es ein geradezu genialer Clou: die Kunden zahlen mehr Geld für Nahrungsmittel, die weniger satt machen, d. h. sie essen und kaufen mehr davon. Sie sind ja auch so gesund. Zunächst schafft der Überschuss an Nahrungsmitteln einen lukrativen Markt und führt zum Übergewicht. Dann landet man in einem neuen Marktsegment des low energy food, von dem noch mehr verzehrt werden kann. Das gute Gewissen ist im Preis inklusive, idealerweise mit dem Biosiegel als Sahnehäubchen – pardon Proteinhäubchen. Signifikant ist hierbei auch das Fremdwort Diät, das sich neben „geheim“ die wohl häufigste Präsenz auf Titelblättern auflagenstarker Zeitschriften sichert. Es wird synonym für Kalorienreduzierung mit dem Ziel der Körperfettreduktion verwendet. Dabei bezeichnet das Wort (griech. Lebensweise) eine speziell angepasste Ernährungsform. Eine Diät kann also umgekehrt auch eine Kost mit deutlich erhöhter Kalorienzahl sein (die Ottfried-Fischer-Eisbeindiät zum Beispiel). Oder eine Schonkost bei Erkrankungen. Für uns heißt Diät aber automatisch abnehmen und damit Reduktionsdiät. Reduzieren wir uns mit diesem Fokus nicht selbst? 

 Doch genug der Theorie. Zu dem Thema ist schon viel geschrieben, aber noch wenig geplaudert worden. Deshalb erlaube ich mir die drei Ernährungstypen vorzustellen, die ich aus der Ultralaufszene kenne. Eine Analogie zu den drei Körperbautypen (Pynikder/Endomorph, Atlethiker/Mesomorph und Astheniker/Ektomorph) ist rein mutwillig.  

Die Asketenfraktion

Isst nur aus der dringenden Notwendigkeit heraus, lebt aber grundsätzlich lieber von Luft und Laufkilometern. Kilometer werden eifrig gefressen, sonst ist der Fresstrieb hoffnungslos unterentwickelt. Das Lieblingsgetränk ist Mineralwasser, bei besonderen Anlässen darf es auch mal die Apfelschorle sein. Obst und Rohkost sind beliebt, die Lektüre von Speisekarten ist kein Pflichtprogramm und Mc Donalds hat die Anziehungskraft des Fegefeuers. Die Kalorientabellen sind ebenso verinnerlicht wie die Tempotabelle für die Zielzeit im Wettkampf. Der klassische Bleistift der vorne weg läuft, is(s)t für Windschatten unbrauchbar und wird deshalb auch neidlos in die Spitzenposition gelassen.  

Die Müslifraktion

Ernährung ist nicht das Mittel, sondern der Zweck. Kennt alle Vitamine und Spurenelemente, fachsimpelt gerne über den Wert oder Unwert von Nahrungsmitteln. Die Ernährung wird zelebriert und sorgfältig danach ausgewählt, was gesund ist. Gesund meint hier natürlich gesund für jemanden, der Strecken länger als Marathon läuft. In der Regel werden Kalorien eher gemieden, dafür ist eine Neigung zu Nahrungsergänzungsmitteln und Spezialnahrung für Sportler/innen zu beobachten. Vertraut auf Wettkämpfen ausschließlich der eigenen Nahrung und meidet Fett. Kennt den gegenwärtigen und angestrebten BMI verlässlicher als den Hochzeitstag. Läuft meist ähnlich leistungsorientiert wie er isst.  

Die Buttercremefraktion

Läuft, um zu essen und zu trinken. Bevorzugt hochkaloröse Nahrungsmittel und kennt keinen Ernährungsplan. Besticht auf Wettkämpfen durch die Leistungen am Kuchenbuffet. Einige sind der Meinung, das bisschen was sie essen auch trinken zu können. Damit sind isotonische Getränke, bevorzugt Weizenbier gemeint. In der Regel trainiert dieser Typus ebenso planlos wie er isst. Das aber immer ausgiebig und genussorientiert. Kennt seinen BMI ebenso wenig wie die Spurenelemente oder den Kaloriengehalt seiner Lieblingsspeisen. Achtet in punkto Ernährung nur darauf, dass es genug zu essen gibt und erlebt die schönsten Laufmomente, wenn er die Asketen- oder Müslifraktion mit dem Spruch „Na, falsch ernährt?“ überholen kann.  

In der Realität begegnen uns natürlich überwiegend die Mischtypen. Grundsätzlich lässt es sich aber nicht abstreiten. Sage wir, was Du isst und ich sage Dir, wer Du bist. 

Bon appétit 

Olga Schlawunzel

 


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