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Läufst Du noch oder lebst Du schon?

[eingestellt am 02. Juli 2010]

Von: Olga Schlawunzel

Ich erinnere mich noch an ferne Zeiten, da lief man einfach für ein persönliches Ziel: Marathon, eine Bestzeit, einfach ankommen, die herausfordernde Strecke bewältigen und dabei noch die Landschaft genießen können. Das war sehr schlicht. Aber auch sehr schön. Und ich bekunde mit dem Blick rückwärts ein nostalgisches sentiment, das frau sich gönnen darf, wenn sire nur oft genug den 29. Geburtstag gefeiert hat.

Jedenfalls war es so einfach: Training, Ziele, Laufen. Der Tag des Wettkampfs kommt. Kribbeln. Ziel erreicht: Triumph und innere Zufriedenheit bis zur nächsten Zielsetzung. Ziel nicht erreicht: abhaken, Gründe finden, auf ein Neues. Funktioniert endlos. Oder zumindest so lange die Füße bzw. die Achillessehnen tragen. 

Heute wird aber aus diesem so bestechend einfachen Prinzip (rechter Fuß, linker Fuß…)  viel mehr. Das musste natürlich so kommen, wenn aus dem Stadtlauf ein Citylauf wird, wenn die Pastaparty zum Carboloading mutiert und ein Kultstatus nötig ist, damit eine nennenswerte Zahl von Menschen der Konsumgottheit fröhnt – ist ja ganz nett, wenn da einige Exoten durch die Gegend laufen und Spaß haben, aber die Wirtschaft kurbelt das nicht an. 

Also hin zum Event. Ereignisse waren gestern. Sichtbar wird das nicht nur bei den großen Läufen und deren Fernsehübertragungen, die das Heldentum aller, die die Ziellinie erreichen, herbeireden. Auch immer mehr Läuferinnen und Läufer (runners) scheinen eine Rechtfertigung zu brauchen, um ihrem Sport einen Sinn zu geben, der über persönliche Ziele hinausragt. Privat definierte und organisierte Extremläufe sind nur eine Facette (ich warte noch auf den Weltrekord im 3-Jahre-Nachts-in-der-Fußgängerzone-Streakrunning). Laufen für den guten Zweck ist eine andere Spielart, die um sich greift. Ich habe ein Laufvorhaben, das meist durch die Dauer das Maß des Normalen übersteigt. Dazu gebe ich einen guten Zweck, für den ich Spenden sammle. Et voilà: die Medien sind auf meiner Seite. Die gute Tat trägt offenbar noch besser als die eigenen Füße. Wenn soziale Projekte unterstützt werden und der Sport dies befördern kann, muss man dies natürlich begrüßen. Zwei Fliegen werden mit einer Klappe geschlagen  – wobei es den Fliegen auch gleichgültig sein dürfte, wenn sie mit zwei verschiedenen Klappen geschlagen werden (aber das Sprichwort lautet nun einmal so). Da der Trend aber zunimmt, lohnt er dennoch die Reflexion. Hat das Gutmenschentum wirklich zugenommen? Oder doch eher die Sinnentleerung und wir brauchen eine Rechtfertigung für unser Hobby? Die dann praktischerweise aus privaten Ereignissen öffentliche macht? Ich beantworte die Frage nicht und gehe eine Runde laufen, bevor der Scheiterhaufen für Trendverweigerer ruft. 

A la prochaine

Olga

 


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