1. 48 Stundenlauf Köln
2x rund um die Uhr rund um die Bahn
Köln, 23.-25. Juli 2010 - Zum 1. Mal fand in Köln an diesem Wochenende der 48 h-Bahnlauf der LG DUV statt. Sogenannte Läufe nach Zeitmaß haben ja im Ultramarathon eine lange Tradition. Die kleinste Einheit beim Ultra sind die 6 Stundenläufe, die größte die 10 Tageläufe. Der 48er liegt also „irgendwo mittendrin“. Der Ultralaufkalender 2010 weist 19 solcher Veranstaltungen aus, 12 davon in Europa. Und einige eingebettet in sogenannten Ultramarathonfestivals wie zum Beispiel in Antibes, Athen oder auch bei „Across the years“ in den USA. Bei manchen ist auch der 48 h-Lauf der Hauptlauf, kürzere Zeitmaßläufe werden als Appendix mit angeboten. Reine 48 h-Läufe gibt es wenige, der in Köln war einer davon. 48 Stunden. Zwei volle Tage. Nicht mehr und nicht weniger. Keine Füllläufe außenrum.
Mit dem TV Dellbrück, einem 2.400 Mitglieder starken Verein mit einem 12.000 m² großen Sportgelände hatte die LG DUV einen perfekten Partner gefunden. Dellbrück ist ein Stadtteil von Köln, der von der Autobahn in nur wenigen Minuten zu erreichen ist. Das Sportgelände des TV bietet neben vielen Tennisplätzen vor allem auch einen Rasenplatz um Laufbahn und eine Sporthalle mit Duschen. So war der Weg logistisch geebnet für einen 48 h-Bahnlauf.

Die Laufbahn darf man sich nicht als ausgebautes Leichtathletikstadion vorstellen. Sie misst nur 309 Meter und ist auch nur ca. 4 Meter breit. Der Belag: Asche. Gut zu laufen, aber natürlich sehr staubig. Nicht nur, daß nach zwei Tagen alle und alles bis in die letzten Ritzen von einer roten Schicht überzogen war(en), die Läufer waren auch gut beraten, regelmäßig ihre Socken zu wechseln, um Blasen möglichst zu verhindern.
Auf dem Rasen hatten die Läufer und ihre Betreuer etwa auf der halben Runde im wahrsten Sinne des Wortes ihre Zelte aufgeschlagen. Mit dem Auto (respektive Camper) durfte man nicht aufs Gelände, was bei einem Rasenplatz durchaus verständlich ist. So entstand eine kleine Zeltstadt, viele hatten die Flaggen ihres Landes irgendwo befestigt. Vor fast jedem Zelt standen Tische mit buntem Allerlei, bestehend aus Getränken, Riegeln und sonstigen Futterstoffen. Viele haben einfach so ihre speziellen Verpflegungswünsche, die auch von einer noch so reichhaltig gedeckten Tafel an der Versorgungsstelle nicht alle gedeckt werden können. In Köln gab es neben Obst, Gemüse, Joghurt, Milchreis, Süßem, Herzhaftem & Salzigem auch diverse Getränke, sowohl warm als auch kalt. Dazu kamen während des Wettkampfs Frühstück mit frischen Brötchen und insgesamt drei warme Mahlzeiten. Angeliefert wurden die vom Wirt der Gaststätte, der sich beim TV Dellbrück eingepachtet hat. Auch das logistisch eigentlich eine perfekte Konstellation. Leider hatte der Wirt teilweise etwas falsche Vorstellungen von den Mengen, die ein Läufermagen so aufnehmen kann. 100 g Nudeln pro Person sind einfach zu wenig und so kreiselte Wolfgang Olbrich teilweise, um alle Mäuler stopfen zu können – was aber letztlich auch funktionierte, es mußte niemand hungrig auf die Bahn zurück.
Und Petrus zeigte einmal mehr sein Herz für Läufer. War es in den Wochen vorher bekanntermaßen noch heiß, so hatte der Hochsommer an diesem langen Wochenende eine Verschnaufpause eingelegt. Temperaturen von etwas über 20 Grad, dazu teilweise Sonne und teilweise bedeckter Himmel, garniert von einem mehr oder weniger lauen Lüftchen waren für Läufer wie Helfer und Betreuer nahezu perfekt. Mehrfach sah es heftig nach Regen aus, aber der kam überall runter, nur nicht in Dellbrück. Die zweite Nacht war empfindlich kalt, aber man kann nicht alles haben.
55 LäuferInnen aus aller Herren europäischer Länder waren gemeldet, 42 waren letztlich auf der Strecke. Am letzten Tag vor der Veranstaltung hatte noch Dan Coffey aus Großbritanien abgesagt. Der 79jährige fühlte sich nicht fit, weil er nicht dazu kam, ausreichend zu trainieren. Ebenfalls abgesagt hatte mit dem Schotten William Sichel auch einer der Favoriten, schottischer Rekordhalter über 6 Tage und 48 h Indoor. Als Betreuer hatte er Alan Young engagiert, der mit ihm um die Welt reist, um ihn zu supporten. Weil Flug und Hotel schon gebucht und bezahlt waren, kam der 57jährige Alan trotzdem nach Köln. Und kümmerte sich rührend und ausdauernd stundenlang, vor allem nachts, um die Verpflegungsstelle.
Das Teilnehmerfeld war eine bunte Mischung aus 48 h-Newbies und mehr oder weniger erfahrenen Zweitagesläufern. Einer der erfahrensten überhaupt und aufgrund seiner Leistungen einer der heißesten Anwärter auf den obersten Treppchenplatz war Wolfgang Schwerk aus Solingen. Der M55er ist schon alles gelaufen, was es in der großen weiten Ultrawelt so gibt, inklusive des Transeuropalaufs 2003. Nur den Klassiker „Spartathlon“, die 246 km von Athen nach Sparta, der hat ihn noch nie angemacht. Über 48 Stunden ist er auf der Bahn schon 392 km gelaufen, auf der Straße sogar 420. 400 sollten es in Köln schon sein und damit dann auch gleich neuer deutscher Bahnrekord. Aber erstens kommt es oft anders als man es zweitens denkt – wie schon bei der Dt. Meisterschaft im 24 h-Lauf wurde Schwerk von seinem Ischiasnerv aus dem Rennen geworfen. Die 24 Stunden machte er noch voll, 152,028 km standen da für ihn zu Buche. Nachdem er anfangs lange geführt hatte, war er zu der Zeit auch aufgrund einer Schlafpause schon auf Platz 10 zurückgefallen.
Keine Minute Schlaf gönnte sich Hans-Jürgen Schlotter, in der Szene auch liebevoll „Schlotti“ genannt. „Jetzt habe ich zwei Tage und Nächte kein Auge zugemacht“ konstatierte er hundemüde wenige Minuten nach dem Rennen. Einzig immer mal 5 Minuten Sitzpause hatte er eingelegt. Schlotti ist jemand, der niemals geht. Er läuft immer. „Ich bin nicht besonders schnell, ich muß mein Rennen durch Konstanz machen.“ – und das tat er überaus überzeugend. Mit 357,902 km überbot er nicht nur seine eigene persönliche Bestleistung sondern auch noch den deutschen Rekord in der M45. Der stand seit 1994 bei 350,000 km und Hans-Peter Freise stellte seinerzeit damit einen gesamtdeutschen Rekord auf, nicht nur den in der Altersklasse. Übrigens ebenfalls in Köln, beim nicht mehr existierenden 48 h-Lauf des Sri Chinmoy Marathonteams. Schlotter, im richtigen Leben Gärtner bei Daimler, läuft seit 2000 Ultra und immer schon die ganz langen Sachen. Angefangen hat er als 20. beim Spreelauf vor 10 Jahren (405 km an 6 Tagen), seitdem ist er unter anderem schon zwei Mal durch Europa gelaufen, zwei Mal durch Deutschland, zwei weitere Male die Spree rauf, zwei Mal 6 Tage um eine Aschenbahn und 3.100 Meilen um einen Häuserblock im New Yorker Stadtteil Queens. Schlotti, der ein Vereinskollege des Etappenlaufveranstalters (Spree, Deutschland, Transeuropa) Ingo Schulze ist, hat aber bisher noch bei keinem seiner Starts gewonnen oder einen Rekord erzielt. Das hat er jetzt in Köln auf einen Schlag nachgeholt.
Nach 24 Stunden lag er mit 197,28 km noch knapp 6 km hinter Michael Irrgang, im Laufe des Freitagnachmittags übernahm er dann die Führung. Irrgang kämpfte sich nochmal an ihn heran, überzog dabei aber und konnte dem Mann aus dem Ländle dann nicht mehr Paroli bieten oder auch nur folgen. Aus seinem Tief, das vor allem wohl auch mental bedingt war, arbeitete sich Irrgang, der 2009 und 2010 im deutschen Nationalteam „24 Stunden“ zu den Weltmeisterschaften in Bergamo und Brive reiste, wieder aus seinem Loch heraus und hatte am Ende bei seinem 48 h-Debut immerhin noch 324,516 km erkämpft. Offiziell hatte er beim Veranstalter kein Ziel angegeben, aber im Fernsehen hatte er als Wunschvorstellung 400 km zu Protokoll gegeben. Er ging das Rennen an wie einen 24 h-Lauf, nämlich im 6er Schnitt, den er auch lange durchhielt – klar, bei einer Bestleistung von gut 236 km über 24 Stunden. Jenseits der 24 Stunden, also dessen, was ihm bekannt war, hatte er dann lange Ruhephasen, schaffte zwei Mal nur 8 km in drei Stunden. Am Ende bekam er aber die zweite Luft, gab nochmal richtig Gas und legte in den letzten drei Stunden knapp 24 km zurück.
Auf Platz 3 lieferte Said Kahla den Beweis, daß Ultraläufer im reiferen Alter noch ausdauernd gut sein können. Der Neu-M60er ist gebürtiger Algerier, arbeitet als Narkosearzt im Westpfalzklinikum in Kirchheimbolanden. Mit einer persönlichen Bestleistung von 320 km versehen, war er einer derjenigen, die sich keinen Schlaf gönnten. Belohnt wurde er mit 309,466 km. Mit Tine Walter aus Kaiserslautern hatte er eine ebenso ausdauernd Betreuerin, die auch insgesamt in beiden Nächten nicht mal drei Stunden Ruhepause hatte.
Wolfgang Roether läuft sogar bereits in der M65. Roether war zuletzt 2003 über 300 km gelaufen. Nach Köln reiste er mit einer Magenverstimmung an, die ihm auch zu Beginn des Rennens noch ziemlich zusetzte, die er aber letztlich mit Joghurt in den Griff bekam. Wie schon beim 6-Tage-Lauf in Erkrath 2005 wanderte er tapfer um die Bahn und kam so in der Ergebnisliste immer weiter nach oben. Seine erreichten 266,426 km bedeuten neuen deutschen Altersklassen-Bahnrekord.
Im Feld waren vor allem bei den Männern viele internationale Starter. Sie kamen aus Belgien, den Niederlanden, Griechenland, Norwegen, Dänemark und Schweden. Mit Tom Hendriks (NL) war der niederländische Rekordhalter über 6 Tage am Start, Costas Baxevanis (Griechenland) ist der Veranstalter des Ultramarathonfestivals in Athen, er hatte noch zwei Laufkollegen mitgebracht, mit denen er die meiste Zeit gemeinsam lief. Michael Larsen kommt aus Dänemark relativ häufig zu deutschen Multidayveranstaltungen und der Norweger Rune Akselsen kommt gerne zum Laufen nach Deutschland zurück, das Heimatland seiner Lebensgefährtin Annika, die er 2007 in Erkrath kennenlernte, wo sie sich als Helferin verdungen hatte. Reima Hartikainen, der in seiner schwedischen Heimat Ende August selbst einen 48 h-Lauf (inkl. 24 h, 12 h und 6 h) veranstalten wird, war angetreten, um in den ersten 24 Stunden möglichst 220 km zu laufen, um sich für die Weltmeisterschaft 2011 zu qualifizieren. Nachdem ihm das aus verschiedenen Gründen, vor allem verdauungsbedingt, nicht gelang, schonte er sich und beendete das Rennen mit 200 km nach etwas mehr als 33 Stunden Laufzeit.

Die einzige Nichtdeutsche auf der Strecke war Jannet Lange aus den Niederlanden. Heimlich still und leise arbeitete sich die 46jährige 48 Stunden-Debutantin nach vorne. Nach 11 Stunden hat sie die Führung übernommen und bis zum Ende nicht mehr abgegeben.
Dagmar Liszewitz ist nicht nur Vizepräsidentin der DUV und der LG DUV sondern auch beim Laufen äußerst ausdauernd. Ihr Beiname ist „je länger je lieber“. Es macht ihr nichts aus, auf kleinen Runden tagelang im Kreis zu laufen, mindestens genauso gerne ist sie aber auf Landschaftsstrecken, gerne auch mit Höhenmetern, unterwegs. Die 48jährige Kölnerin, die sogar das Kölsch-Examen abgelegt hat, hat im März schon den 7-Tage-Lauf in Athen gewonnen, war danach beim Etappenlauf „über die Höhen des Bergischen Lands“ unterwegs, lief bei der 24 h-DM in Rockenhausen und den 100er beim Thüringen-Ultra Anfang Juli. Sieht so aus, als ob sie „unkaputtbar“ wäre. Bisher hatte sie 262 km auf dem Konto. Ca. 2 ½ Stunden vor Schluß merkte sie, daß sie die noch erreichen könnte und konnte nochmal alle Kräfte mobilisieren. Nun steht ihre Bestmarke bei 265,76 km, sie wurde dafür mit Platz 2 belohnt. Dabei hat sie die 48 h auch fast vollständig durchwacht, sich nur hin und wieder mal 10-15 Minuten hingelegt, um auszuruhen. Dagmar ist auch für ihre Ernährungsvorlieben berühmt-berüchtig:. Sie trinkt kalte Brühe.
Auf Rang 3 lief Martina Hausmann. Sie ist Multidayspezialistin, bringt es auf bis zu vier 6-Tage-Läufe pro Jahr. 50 km nennt sie “Sprintultras”, 24- und 48 Stunden-Läufe sind für sie ganz normaler Wahnsinn. Martina kommt auch lange Zeit ohne Schlaf aus, was ihr großer Vorteil ist. Nach 7 km/h in den ersten Stunden fiel sie langsam ab bis auf 5,3 km/h, die schaffte sie aber in den letzten acht Stunden noch vollkommen konstant. Eigentlich wäre sie gerne 300 oder mehr Kilometer gelaufen, am Ende reichte es für 255,514.
Insgesamt waren acht Frauen auf der Strecke, von denen sieben schon reichlich Ultralauferfahrung mitbrachten. Susanne Alexi als “Küken” (auch altersmäßig, die vierfache Mutter lief als einzige Läuferin noch in der W40) läuft zwar erst seit 2005 Ultra und das auch gar nicht oft im Jahr. Der Kölner 48er war ihr dritter in diesem Jahr, darunter allerdings auch die Tortour de Ruhr, bei der sie die 230 km in 39:15 h als Zweite beendete.
Auf einer 309 m-Runde zwei Tage im Kreis zu laufen, ist eine Herausforderung, der nicht alle gewachsen waren. Neben ein paar nicht wirklich ernsthaften “Wehwehchen” waren mentale Probleme an der Tagesordnung. Es wird zwar alle sechs Stunden die Laufrichtung gewechselt, aber kurzweiliger wird die Strecke dadurch natürlich nicht.
Aber wer weiß.. vielleicht können die Teilnehmer ihre mentale Stärke ja im nächsten Jahr wieder auf der Aschenbahn des TV Dellbrück testen.
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