Nikolauslauf Tübingen
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Anti Aging

[eingestellt am 23. Oktober 2010]

Von: Olga Schlawunzel

Fotos: Stefan Klövekorn/Pixelio

Kürzlich war ich im Fitnessstudio auf dem Laufband. Das an sich ist noch keinen Satz wert. Es waren auch nur zwei Kilometer vor dem Cycling. Laufband ist langweilig, aber zwei Kilometer etwas flotter als der meditative Schlappschritt draußen, das ist laufbar. Dies ist also der geschmeichelte Bezug zum Laufen. Vor den Laufbändern sind die Fernsehbildschirme mit diversen Tv-Programmen. Die Idee parallel zum 10.000-Meter-Lauf der EM auf dem Laufband zu starten, den Wettkampf zu schauen, während ich selber schaue, wie weit ich in der Zeit komme, habe ich schnell verworfen. Der Depressionsfaktor, der sich bei einer groben Prognose ergab, war zu groß. Aber zwei Kilometer reichen, um ein Thema für eine Plauderei zu finden. Denn natürlich sieht man auch bei der kurzen Strecke auf einem Kanal Werbung. Und da war es: das Anti-Aging-Produkt. Es handelte sich um eine Creme. Wir genießen das zunächst in der Übersetzung: eine Gegen-Alterung-Herstellung. Natürlich las oder hörte ich das Wort Anti-Aging nicht zum ersten Mal. Es ist hinreichend verbreitet und fällt ja kaum noch auf. Aber in dem Moment war ich ausnahmsweise geistesgegenwärtig genug, um mich ob des Verdummungsversuchs zu sträuben. Ich spielte mit dem Gedanken, mir das Produkt zu kaufen und den Hersteller nach drei Jahren zu verklagen, weil ich trotz ordnungsgemäßer Anwendung älter geworden bin. Drei ganze Jahre. Wieso sollte die Zeit stehen bleiben, wenn ich diese Creme benutze? Schon beim Auftragen werde ich Sekunden bis Minuten älter. Das ändert sich auch nicht, wenn die Creme einzieht. Ich werde mit oder ohne Anti-Aging-Produkt älter. Jahr um Jahr, Tag um Tag, Stunde um Stunde… Ein echtes Anti-Aging-Produkt wäre eine Zyankalikapsel, ein Strick, ein Revolver. Wirkt zuverlässig würde sich aber schlecht und nur einmal verkaufen. Da niemand jung sterben möchte, fragt es sich doch, weshalb niemand älter werden will, Es ist doch die einzig mögliche Alternative. Oder möchten wir wirklich die Bevölkerungsexplosion erleben, wenn eingecremte 29- oder 39-jährige forever young so bleiben, wie sie bei der Anti-Aging-Anwendung sind?

 

Ich gebe zu, dass ich schon begreife, dass nicht das Älter-werden, sondern das Älter-aussehen vermieden werden sollen. Middle age is, when one’s narrow waiste and broad mind begin to exchange places. Aber das ist nicht Anti-Age im Wortsinne. Hier wird versucht, ewige Jugend zu verkaufen. Und die verlockende englische Verheißung bewirkt, dass der Preis der Anti-Aging-Produkte gesalzen bis horrend sein darf. Das hat dann durchaus den Anklang an eine Opfergabe für die Göttin der Juvenilität. Ein monetäres, aber der Glaube, dass es wirkt, steigt mit dem Preis. Die Ägypter kannten Einbalsamierung, aber diese kam etwas zu spät. Oder auch nicht. Der Tod ist ja wohl das einzig wirksame Anti-Aging-Programm. 100% zuverlässig. Aber auch das finale Anti-Konsum-Programm. Also müssen die Hersteller doch ein massives Interesse am Aging ihrer Kunden haben. Aber die Kilometer waren zu kurz, um den Gedanken noch weiter zu spinnen. Ich möchte über die Mogelpackungen der Werbeindustrie schließlich nicht alt werden.

Olga Schlawunzel