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Alle Frühjahre wieder…

[eingestellt am 29. April 2009]

Von: Olga Schlawunzel

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Damals in den altmodischen Zeiten, als es nur Kaffee gab – schwarz, mit Milch und/oder Zucker, aber keine Latte Macchiato; man trank ihn gemütlich im Sitzen und nicht auf dem Weg „to go. Damals also, als sich die Welt noch etwas langsamer zu drehen schien und man einkaufen ging, weil man etwas brauchte, statt shoppen, weil gerade irgendetwas so billig ist, dass man beim Geldausgeben noch Geld spart.

In jener fernen Zeit war es jedes Frühjahr Zeit für eine Diät. Weg mit dem Winterspeck. Brigitte oder FDH: Jedenfalls wurde das schlechte Gewissen durch die Printmedien geschürt und man (bzw. doch eher frau) fühlte sich irgendwie verpflichtet abzunehmen. So grüßte ewig das Diättier. Am Trend, mit dem Schnee auch überschüssige Pfunde schmelzen zu lassen, hat sich gar nichts geändert. Aber heute geht dieser zum Fasten als sublimierte Form. Und das ist erstaunlich, da das Fasten zwar Nahrung bzw. Genuss einschränkt, dabei aber einen religiösen bzw. spirituellen Hintergrund hat. Es gehört zur Askese, und nichts ist unserer Konsum- und Überflussgesellschaft ferner als diese. Ziel ist hier weniger die Gewichtsreduzierung als eine Katharsis der Seele und des Geistes. Durch bewussten Verzicht zu innerem Reichtum. Was sucht dieses Ritual nun in unserer säkularen Zeit, in welcher die Religion nicht gerade an Einfluss gewinnt? Askese kennen wir doch sonst nur in geistiger Hinsicht (s. Fernsehprogramm).

Ein verblüffender Gegensatz. Und signifikant. Der Wunsch nach Werten wird spürbar, und hinter jedem Wunsch steckt ein Mangel. Es möge doch noch mehr als Körperkult und BMI geben, also soll auch die Diät eine tiefere Dimension bekommen. Die Kalorien heiligen die Mittel. Bzw. die Kilojoule, aber die haben sich nie so richtig durchgesetzt. Das „Kilo“ kommt vielleicht zu plump daher. Da passt es auch, dass Heilfasten aufkommt. Nicht für das seelische, aber für das körperliche Heil erfüllt es seinen Zweck. Auch der Mythos der Schlacken, die beim Fasten aus dem Körper kommen, hält sich renitent. Wir erreichen etwas durch Verzicht. Die Magie des Nichts. Offenbar fällt uns sonst nichts mehr ein. Signifikant. Unsere Sprache verrät uns wieder einmal.

Was das mit Laufen zu tun hat? Et voilà: nennen Sie sich nicht faul. Lauffasten kann einen neuen Trend setzen. Einen Tag, zwei oder für die ganz starken Naturen noch mehr: nicht laufen. Eine Grenzerfahrung für uns Laufsüchtige. Und für Ultraläufer der letzte, der ultimative Kick, wenn man Kilometer schon in jedem Überfluss hatte. Der Neid der streakrunner ist uns gewiss. Was Nicht-Läufer können, können wir grundsätzlich besser, also sollten wir uns auch hier herausfordern. Einen Versuch ist es allemal wert. Ich warte nur noch, bis ich mal wieder platt, ausgebrannt oder verletzt bin. Dann tut ein bisschen Glorifizierung einfach gut. 

Ein wunderschönes Frühjahr

Olga Schlawunzel


11. Bottwartal Marathon