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Läufergeschichten aus Kenia - Robert Hartmann

[eingestellt am 05. Januar 2011]

Von: Luca Bongiovanni

Heute möchte ich das Buch des freiberuflichen Sportjournalisten Robert Hartmann „Läufergeschichten aus Kenia“  rezensieren. Das liegt wohl kaum daran, dass mir moderne Literatur gefällt oder daran, dass ich mich ab und zu ganze Nächte lang von den Zeilen eines deutschen Schriftstellers wie Günther Herburger durch „Lauf und Wahn“ oder vom unvergesslichen Allan Silltoe durch „The loneliness of the long distance runner“ jagen lasse -  denn Literatur hat ja bekanntlich „nichts“ mit Wirklichkeit zu tun. Viel mehr sind es meine „vielen gelaufenen“ Laufkilometer und meine Sympathie für die Profiläufer aus Kenia, unter denen ich auch einen guten Freund, Ishmail Kimtai Langat und viele bewunderte Vorbilder habe, die mich dazu bewogen haben, von der kenntnisreichen und einfühlsamen Art zu berichten, mit der Hartmann von den Wunderläufern aus Kenia erzählt.

Seine kurzen Geschichten, die so einprägsam wie auch liebevoll geschrieben sind, geben uns als ungehobelte und raue Oberfläche das wieder, was der Journalist aus den Erfahrungen, die er auf über 50 Reisen seit 1972 gesammelt hat, in Wörtern geschnitzt hat. Auch seine langjährige Freundschaft mit Kipchoge Keino (lebende Legende und Olympiasieger 1968) bleibt nicht unfruchtbar für seinen Bericht, sondern bereichert die Erzählungen des Autors durch Kipchoges  Insiderwissen über historische Wettkämpfe, Rivalitäten zwischen äthiopischen und kenianischen Sportlegenden und stellt und das Zauberwort des leichten Laufstils, den Kwaryat-Power („die Kraft, die aus den Waden kommt“) vor.

Dem  Respekt und der Treue, die Hartmanns Freundschaft zu seinen wichtigsten Ansprechpartnern kennzeichnet, wie dem Freundschaftsverhältnis zu Lauflegende Kipchoge Keino, ist es zu verdanken, wenn der Autor es schafft, ohne forciert zu klingen, die von neidischen Verbandsvorständen, halbbetrügerischen Managern und verpassten Siegen allzu oft gezeichneten Läuferschicksale wiederzugeben, ohne ihnen den Pathos zu nehmen, der ihnen als Zeugnisse einer Welt von einfachen Menschen anhaftet.

Hartmann erzählt uns „Erfolgsgeschichten“, die wie die Biographien verfemter Dichter anmuten, denn so manchen Läufern treibt der Erfolg in die Einsamkeit, in den Tod, in die Depression oder in den Alkoholismus.

„Ja, das sind sie!“, möchte man sagen: die Poète maudits des Laufsports aus dem afrikanischen Hochgebirge der Savanne, die Hartmann darstellt, wissend um den grotesken Beigeschmack, der sich der atemberaubenden Ästhetik ihres Laufstils beimischt, wenn er sie uns in lustigen Anekdoten schildert.

Wir erfahren beiläufig mehr über die Region des Eldorets, dem Rift Valley, von der Rivalität zwischen den Stämmen der Kalenjin, Nandi und Kikuyu, von den Mutproben der jungen Stammesangehörigen, aus denen die „the winner takes it all“ Mentalität entsteht, die hierzulande meist verloren gegangen ist, während sie den Kenianern die Aufregung vor dem Startschuss zu nehmen scheint.

Last but not least wird „endlich“ das Geheimnis um die exotisch klingenden Namen gelüftet, mit denen die ersten Ränge der internationalen Ergebnislisten geschmückt sind: das Weiden der Tiere, ihre Milch und die Phasen des Mondes sowie die Umstände zum Zeitpunkt der Geburt bescheren jedem kleinen kenianischen Neugeborenen den nötigen Zauber um Poesie und Wirklichkeit zu einem läuferisch-explosivem Cocktail zu verwandeln.

Das Buch ist für mich ein Produkt der Liebe für das Laufen und für Kenia. 

ISBN-10:3-938101-01-6
EAN:9783938101018
Veröffentlichungsdatum:Dezember 2004
Verlag:Schmid, Harald
Einband:gebunden
19,90 €


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