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Hysterie des Körpers - Joey Kelly

[eingestellt am 20. Januar 2012]

Von: hahnertwins

„Manchmal fühlte ich mich wie eine französische Gans, aus der man bald Stopfleber macht. […] Innerhalb von acht Wochen hatte ich meinem Astralkörper ein zusätzliches Eigengewicht von achtzehn Kilogramm zugemutet. Die Hälfte hätte es auch getan.“
Joey Kelly möchte 900km in 17 Tagen und 23 Stunden, per pedes von Wilhelmshafen bis auf den Gipfel des höchsten Berges Deutschlands, die Zugspitze (2962m), zurücklegen. Alleine, an Gepäck nur das, was er selbst tragen kann, dazu 18kg angefressenes Übergewicht, denn zu essen gibt es später nur, was die Natur ihm bietet. Das Vorhaben klingt verrückt, gefährlich und sehr ehrgeizig. Genau wie Joey Kelly und da wundert es nicht, dass diese Idee von ihm selbst stammt.
Optimist Joey beschreibt sein Abenteuer im Vorhinein wie folgt: „Endlich hast du ein bisschen Zeit für dich selbst, ohne Stress, ohne nervende Zeitgenossen und das penetrante Handy-Klingeln“. Für den  erfolgreichen Ultraläufer ist also alles eine Frage der richtigen Einstellung.
Doch dieses Projekt bringt selbst den Extremsportler Joey Kelly bereits zu Beginn der Reise an seine persönlichen Grenzen. „Und ich, der Kelly, der sich so tolle Projekte ausdenkt, sitze allein im Nirgendwo von Ostfriesland und habe keine Idee, wie es weitergehen soll“. Warum verlässt man seine Komfortzone und nimmt diese harte Tour auf sich? Joey selbst erklärt in seinem Buch, dass er das Gefühl hatte, im Ultralauf auf der Stelle zu treten. Leistungstechnisch sei er am Limit angekommen und er brauchte eine neue Herausforderung. „Was mich an der Idee faszinierte, war die Distanz. Fast tausend Kilometer am Stück war ich noch nie gelaufen“.
Der Leser hat das Glück, Joey auf seinem Trip begleiten zu können. So erfährt man, was einen Menschen in solch einer Extremsituation beschäftigt und wie weit man durch die Kraft des Geistes kommen kann. Joey gibt Einblicke in seine Vergangenheit, als er als Mitglied der Kelly Family und Manager des Familienunternehmens mehr als 200 Konzerte im Jahr absolvierte. Er befasst sich mit dem frühen Tod seiner Mutter, seinem sehr dominanten und willensstarken Vater und sinniert über die Bedeutung des Sports in seinem Leben.
„Schon wieder der Kelly. Wenn er nicht von Türmen springt oder sich in einem Wok eine Bobbahn runterstürzt, läuft er also quer durch Deutschland. Immer medienwirksam“. So oder so ähnlich könnten Kommentare von Kritikern zu Joey und seinem neuen Buch lauten. Ja, und? Die Kelly Family ist in der Öffentlichkeit aufgewachsen, warum sollte er nun ein Leben fernab der Medien führen? Das ist nun einmal Joey und so ist auch sein Buch: sehr Joey-like, viel trockener Humor und Selbstironie. Es steht nichts weltbewegend Neues darin, macht aber Spaß zu lesen. Neben dem Reisetagebuch und der sportlichen Herausforderung gibt es viele unterhaltsame Anekdoten aus seinem früheren Musikerleben. Man merkt, Erfolg im Sport kann auch das berufliche Leben positiv beeinflussen.
Insgesamt ist das Buch eine Mischung aus Abenteuerbericht, Tagebuch und Rückblick auf das Leben der Kelly Family. Geschrieben mit viel Witz und Charme, sehr direkt und ehrlich. Es lohnt sich dieses Buch zu lesen, um den Menschen Joey Kelly näher kennenzulernen, in die Gedankengänge eines Extremsportlers einzutauchen und nebenbei einen Einblick in das verrückte Leben der Kelly Family zu bekommen. Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen. Warum tut man sich das an? Joey beantwortet sie am Ende des Buches selbst: „Eine unwirkliche, einmalige Erfahrung und ein unfassbarer Sieg über mich selbst. Ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten.“

Joey Kelly: Hysterie des Körpers
rororo-Verlag; 217 Seiten
ISBN: 978-3-499-62810-8
9,99€


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