13. Ultramarathon des RLT Rodgau
Fotos: Ingo Saatweber, Peter Gründling, Gabi Gründling
Wir läuten das Ultrajahr ein: Geselliges Beisammensein in Rodgau
Rodgau-Dudenhofen, 28. Januar 2012 – Wer hätte das vor zwölf Jahren gedacht, dass sich aus dem „Ultrastart ins neue Jahrtausend“ einmal der teilnehmerstärkste 50km-Lauf Deutschlands entwickeln sollte? Was anno 2000 mit 86 Teilnehmern begann, von denen bei Sturm und Regen immerhin 68 die 50km voll machten, hat sich längst zu einem, im wahrsten Sinne des Wortes „Selbstläufer“ entwickelt. Es ist beinahe schon so, dass es eines triftigen Grundes bedarf, nimmt man am Lauf rund um die Freizeitanlage „Gänsbrüh“ nicht teil. In all den Jahren haben es die Organisatoren auch nicht an Verbesserungen fehlen lassen, so wurden 2012 erstmals alle Vorangemeldeten kontaktiert, ob sie auch wirklich gewillt seien, an den Start zu gehen. Da in der Vergangenheit das Disponieren der zur Versorgung notwendigen Fest- und Flüssignahrung schwierig war, setzte man heuer darauf, dass sich so manche laufunfähig erklären würden. Diese Rechnung ging auf – 129 sagten ihre Teilnahme ab, und dennoch belief sich die Zahl der Voranmelder auf beinahe 1000.
Am Samstag um zehn Uhr fanden sich dann, inklusive zahlreicher Nachmelder, 833 Sportler zwischen Grillhütte und Spielplatz ein, wo auf leicht schneebedecktem Geläuf pünktlich der Startschuss fiel. Die Veranstalter um den Chef des Rodgau Lauftreffs, Wolfgang Junker, hatten aufgrund der Schneefälle in den beiden Tagen vor dem Lauf, das Start-Ziel-Areal noch mit Splitt gestreut und somit für ihr Möglichstes getan, um Rutschpartien zu verhindern. Insgesamt waren die Laufbedingungen, das empfand nicht nur Junker so, „dennoch sehr gut“. Einzig das von Runde zu Runde weicher und tiefer werdende Geläuf an manchen Stellen erschwerte das Vorwärtskommen etwas. Berücksichtigt man jedoch, dass die meisten Teilnehmer sowieso auf der zweiten Hälfte langsamer werden, fällt das nicht übermäßig ins Gewicht. Und Gegenbeispiele gab es auch genügend – allen voran Evgenii Glyva, der überlegene Sieger in Streckenrekordzeit. Der ukrainische Sportlehrer, gemeinsam mit seinem Trainer Alex Reyer zum dritten Mal ins Hessische gereist, lief wie ein Uhrwerk und unterbot die seit 2001 bestehende Bestmarke seines Landsmannes Stanislav Lazyuta (3:03:56h) um über eine Minute: Nach 3:02:33h hatte er die zehn Runden à fünf Kilometer zurückgelegt und war auf der zweiten Hälfte sogar mit einer glatten 1:31:00h noch etwas schneller geworden. Kurz vor dem Ziel nahm er aus den Händen seines Trainers die Nationalflagge der Ukraine entgegen und lief mit dieser ins Ziel.
Der 28jährige Glyva, der letztes Jahr beinahe so etwas wie die tragische Figur war, als er, von Magenkrämpfen gepeinigt, nach 46km die Segel streichen musste und Tobias Hegmann den Sieg errang, hielt sich in diesem Jahr schadlos. Der zweite Sieg an der Gänsbrüh nach 2010 war es für ihn, der seit 2008 vom ehemaligen 2:19h-Marathonläufer Alex Reyer betreut wird. Jener ist mit wechselnden Athleten seit der zweiten Auflage Stammgast in Rodgau, und vor lauter Dankbarkeit kam es auch, dass Evgenii Glyva mit seinem Gastgeber, Reinhardt Schulz, nach getaner Arbeit noch eine „Ehrenrunde“ zurücklegte. Reyer, zuständig für die Nationalmannschaft der Ultra- und Bergläufer der Ukraine, zieht es immer wieder nach Rodgau, „weil wir hier immer so freundlich aufgenommen werden.“ Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit, schließlich landen die von Reyer betreuten Läufer regelmäßig ganz weit vorne in Rodgau.
Glyva landete zwar einen Start-Ziel-Sieg, der letztlich völlig ungefährdet war, dennoch war sich selbst sein Trainer nach den Ereignissen des Vorjahres erst sicher, dass das Vorhaben klappt, als sein Schützling um die letzte Kurve bog und nur noch die 800m lange Zielgerade zurückzulegen hatte. Vermochte anfangs noch der Belgier mit griechischen Wurzeln, Marc Papanikitas, Glyva zu folgen, war der Vorjahrssieger der „Nacht von Flandern“ in Torhout (wo er 6:53h lief und die Prognose seines Trainers erfüllte), bald mit seinem Führungsradler alleine. Papanikitas‘ Rückstand wuchs an, langsam aber stetig, und bald schon war klar, dass er sich eher würde nach hinten orientieren müssen, von wo der Läufer mit der wohl auffälligsten Kopfbedeckung im ganzen Feld unaufhaltsam näher kam. Wataru Iino, so der Name des kleinen Mannes mit der Mütze in Form eines Pferdekopfes. Der bei Daimler in Stuttgart als Ingenieur beschäftigte Japaner bezeichnet sich noch immer als „Laufanfänger“, obwohl er nach seinem geradezu kometenhaften Aufstieg in der Laufszene im vergangenen Jahr (Dritter des Allgäu-Panorama-Ultramarathon in Sonthofen, Vierter beim Schwäbische Alb Marathon in Schwäbisch Gmünd), kein Unbekannter mehr ist. Eher schon ein Anwärter auf Podestplätze, und das bekam auch Papanikitas zu spüren. In Runde acht überholte er den Belgier, dem die Kräfte schwanden und nahm ihm noch über fünf Minuten ab. 3:09:00h benötigte Iino, 3:14:40h Papanikitas, der aber dennoch souverän den dritten Platz vor den beiden bestplatzierten Deutschen, Achim Zimmermann und Michael Sommer, (beide 3:18:26h) verteidigen konnte. Die beiden Mitglieder des 100km-Nationalteams nutzten den Fünfziger in Rodgau als ersten ernsthaften Test in der Vorbereitung auf die 100km-WM Ende April im italienischen Seregno. Hinterher waren sie beide sehr zufrieden mit sich, „gemeinsam tut man sich immer leichter“, so das Fazit und vielleicht war auch Teamwork das Geheimrezept für eine schnellere zweite Hälfte? Dieses Kunststück spülte das Duo Zimmermann/Sommer noch an Jürgen Kiebler vorbei auf die Plätze vier und fünf – im Vorderfeld glückte diese Art der Endbeschleunigung auch noch dem Neunten, Frank Wiegand, auf eindrucksvolle Weise.
Ähnlich dominant wie Glyva zeigte sich die US-Amerikanerin Elissa Ballas im Frauenrennen. War sie in der ersten Runde noch der Vorjahrssiegerin Astrid Staubach wie ein Schatten gefolgt, löste sie sich in der Folge von dieser und hatte nach 3:41:30h (brutto) ihr Tagwerk vollendet. Praktisch für alle Beobachter war die zwei Jahre in Deutschland bei der US Army stationierte Ärztin ein völlig unbeschriebenes Blatt. Die 32jährige, die über eine Marathonbestzeit von 2:54h verfügt, hat erst einen Ultralauf, einen 50 Meiler in den Staaten, in ihrer Vita. Sie stammt aus Cleveland (Ohio) und wird sicherlich noch des Öfteren auf langen Strecken zu sehen sein. In Rodgau jedenfalls gefiel’s Ballas sichtlich – „really nice course and friendly people“. Dass sie den seit 2004 von Constanze Wagner gehaltenen Streckenrekord (3:37:28h) nicht knacken konnte, störte sie wenig – „I’ll try again next time“, meinte sie lachend.
Hinter ihr verteidigte die Vogelsbergerin Staubach („unter 4 h und zweiter Platz, was will ich mehr“) mit der ihr eigenen Zähigkeit den zweiten Platz vor der Vorjahrsdritten, Gabriele Werthmüller aus der Schweiz. Vier Mal war Werthmüller bereits in Rodgau und ihr hat es wieder einmal „sehr gut gefallen“. Ihrer Meinung nach ist Rodgau sogar ein noch schnellerer Kurs als der von Leipzig, wo sie ihre Bestzeit (3:53:08h) aufstellte. „Die Brücken in Leipzig“, so stöhnte sie noch in lebhafter Erinnerung an diese zeitraubenden Hilfsmittel zur Flußüberquerung. Die Anreise am Vorabend aus der Nähe von Solothurn hat sich also wieder einmal gelohnt für die Zweite des Hunderters der „Bieler Lauftage“ 2011, wo sie ausgezeichnete 8:36h lief. Als nächstes steht jedoch eine Verbesserung der Marathonbestzeit auf dem Programm, möglichst unter drei Stunden soll es schon sein. Auserkoren hat Werthmüller hierfür den Metro Group Marathon in Düsseldorf im Mai.
Auf den folgenden Plätzen bei den Damen liefen die mit ungewöhnlichen Splitzeiten aufwartende Nicole Benning in 4:00:30h und Gabi Kenkenberg (4:08:34h) ganz knapp vor Melanie Straß (4:08:36h).
Beim anschließenden „Ultra-Kaffeeklatsch“ in der Turnhalle konnte man sich nicht nur in geselliger Runde über bereits Gelaufenes oder noch Bevorstehendes unterhalten, auch für das leibliche Wohl war wieder bestens gesorgt. Sowohl für Liebhaber deftiger Kost als auch für die Schleckermäuler unter den Läufern und den zahlreichen Betreuern und Zuschauern war allerhand geboten. Der Kuchen ging schneller aus als der Gesprächsstoff und die Siegerehrungen, inklusive DUV-50km-Cup (den Gabriele Werthmüller und Matthew Lynas gewannen) sowie des DUV-6h-Lauf-Cups (Sieger Pamela Veith und Johan Watthy) wurden erfreulicherweise zügig durchgeführt.
Am Ende dieses ereignisreichen Tages, bei dem die Macher des RLT sich nicht nur über einen Streckenrekord bei den Männern sondern auch über einen Teilnehmer- und Finisherrekord (557 erreichten das Ziel nach 50km) freuen konnten, bleibt festzuhalten, dass es in Rodgau auch mit der 13. Auflage wieder einen glänzenden Auftakt des (Ultra)Laufjahres 2012 gegeben hat.
Als Fixpunkt ist es aus dem Ultralaufkalender nicht mehr wegzudenken, was für viele aber nicht zuletzt daran liegt, dass man in Rodgau zwar schnelle Zeiten laufen kann – man muss es aber nicht.
Ergänzungen der Redaktion:
Jochen Höschele, der Autor dieses Beitrags, ist übrigens inzwischen der letzte Mohikaner, der alle 13 Rodgauer 50er erfolgreich durchlaufen hat. Sein Vereinskollege Wolfgang Jezek, mit dem er bis 2011 den Teilnahmerekord gemeinsam hielt, überließ ihm in diesem Jahr aus terminlichen Gründen das Feld.
Und dann war da noch Claus F. Berthold, der am Vortag des Rennens seinen 44. Geburtstag feierte. Weil 50 km nicht zum 44. Geburtstag passen, lief er vor dem Startschuß schon mal 20 km auf Vorrat, um am Ende auf 44 Meilen zu kommen. Den Fortschritt seines "Verfalls" dokumentierte er alle fünf Kilometer mit einem Selbstbildnis.
Und dann waren da außerdem noch Stefani Groß und Frank Leuer, die noch nie in ihrem Leben Marathon gelaufen sind und in Rodgau gleich mal mit einem 50er ihre Laufvita bereicherten.
Solche Geschichten am Rande gibt es sicher hunderte und auch das macht das gesellige Beisammensein in Rodgau aus.
Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.rlt-rodgau.de
