DUV - Deutsche Ultramarathon Vereinigung
Rockie Mountain Lauf Rockenhausen

12. Oberriexinger Volkslauf

[eingestellt am 10. Juli 2011]

Von: Jochen Höschele

Tolles Comeback nach zwei Jahren Wettkampfpause

Oberriexingen, 8. Juli 2011 – Ziemlich genau einhundertzehn Höhenmeter sind es vom tiefsten Punkt der Strecke an der Enz, kurz vor Kilometer zwei, bis zum „Gipfel“ auf dem Weitfeld bei km 5,5. Höhenmeter, die man sich in der beschaulichen, am Enztalradweg gelegenen 3.000-Seelen-Gemeinde, übrigens die kleinste Stadt im gesamten Landkreis Ludwigsburg, hart erarbeiten muss. Das zugehörige Höhenprofil besitzt schon beinahe alpinen Charakter, teils liegen die Abschnitte im Bereich zweistelliger Prozentzahlen, gefühlt bei einer kurzen Strecke wie dem Zehner natürlich noch weit darüber. Ein langer Atem ist da ebenso von Vorteil wie eine vorausschauende Renneinteilung. Es empfiehlt sich nicht, am höchsten Punkt schon alle Körner aufgebraucht zu haben, denn es folgen noch kleine, aber gemeine Wellen und ein langes Bergabstück bis ins Ziel, auf dem man es so richtig krachen lassen kann – wenn man denn noch kann.

Unter den etwa 140 Startern beim 10,24 km langen Hauptlauf waren auch jene, denen man es sozusagen „qua Amtes“ zutrauen durfte, über eine vernünftige Renneinteilung zu verfügen – die Titelverteidiger und Streckenrekordler des Vorjahres, gleichzeitig Lokalmatadoren Nicole Benning (EK Schwaikheim) und Ralf Reidenbach (Forum Gesundheit Sersheim). Dass Favorit zu sein manchmal auch mehr Last als Lust bedeutet, konnte man jedoch den Worten der beiden Athleten vor dem Lauf entnehmen: „Ich habe seit Wochen kein gescheites Training mehr gemacht und laufe einfach nur, mehr nicht“, so die Favoritin Benning, die an hartnäckigen Blockaden litt und erst langsam wieder in Tritt kommt. Reidenbach, aus dem benachbarten Enzweihingen stammender Seriensieger in Oberriexingen, machte gar keinen Hehl daraus, dass seiner Einschätzung nach ein anderer der haushohe Favorit am sonnigen Freitag Abend war: „Ich hatte ganz lange wenig Zeit fürs Laufen, da in meiner Familie mehrfach gesundheitliche Problemfälle zu beklagen waren. Dadurch hatte ich einfach andere Prioritäten und bin noch weit von meiner Bestform entfernt, außerdem hätte ich selbst dann keine Chance gegen Michael.“ Michael, welcher Michael?

Zu übersehen war der lange Schlacks im Trikot der LG Neckar-Enz zumindest nicht, aber wer die Laufszene erst seit kurzem beobachtet, dürfte ihn nicht erkannt haben: Michael Pfeiffer, eines jener vielen ganz großen Talente, die die LG und namentlich Reiner „Chip“ Fischer hervorgebracht haben. Mit Bestzeiten von knapp unter 31 Minuten auf der Bahn und der Straße ausgestattet, gehört er schon zur erweiterten deutschen Spitze, wenn, ja wenn…. "Seit zwei Jahren ist das hier mein erster Wettkampf. Ich hatte massive gesundheitliche Probleme, aber die sind endlich behoben und jetzt kann ich mal wieder ernsthaft laufen.“ So recht wusste also keiner, nicht einmal er selbst, was er draufhat. Womöglich könnte sich sogar der Dritte im Bunde „diebisch“ freuen – wobei das Attribut hier ausnahmsweise passend wäre, denn für „Diebi“, so stand’s auf seinem Stirnband zu lesen, der A-Jugendliche des VFL Sindelfingen, Martin Diebold, wäre eine solche Freude gewissermaßen namentlich vorgegeben.

Allen Vorreden zum Trotz – „entscheidend ist auf dem Platz“, wie die Fußballer sagen. Auf den Oberriexinger Volkslauf gemünzt sollte das besser heißen „entscheidend ist am Berg“, und da war nach etwa drei Kilometern (genau lässt es sich nicht sagen, da die Strecke zwar vorbildlich markiert, aber eben nicht kilometriert war) der Favorit Pfeiffer bereits in Front. Zwar lag Martin Diebold nur etwa 25m dahinter, doch schien dies eine Vorentscheidung zu sein. Mit Ralf Reidenbach folgte ein weiterer der Favoriten auf dem dritten Rang, jedoch schon mit allzu deutlichem Rückstand auf den locker laufenden Diebold. Hinter Reidenbach war die Lücke so groß, dass es kaum möglich schien, dass es ein anderer Läufer schaffen sollte, noch in die Phalanx dieser drei einzubrechen.

Mitten im Männerfeld tummelte sich die Favoritin Nicole Benning, die es am ersten Anstieg betont locker angehen ließ. Dennoch war sie unter den ersten 20 des Gesamtfeldes und sollte sich auch noch weiter vorschieben können. Hinter ihr, allerdings schon mit gehörigem „Sicherheitsabstand“ folgten Ulrike Schade und Birgit Burrer vor Sabine Arnold. Sowohl bei den Damen als auch den Herren änderte sich an dieser Reihenfolge nichts mehr, allenfalls die Abstände veränderten sich noch. Michael Pfeiffer zog einsam seine Kreise, verblüffte Streckenposten wie Zuschauer gleichermaßen ob seiner Geschwindigkeit und siegte in der neuen Streckenrekordzeit von 35:23 min vor Martin Diebold (36:30 min.) und Titelverteidiger Ralf Reidenbach (37:29 min.). Ihre Altersklassen gewannen diese drei jeweils auch, Pfeiffer läuft in der Hauptklasse, Diebold ist noch A-Jugendlicher und Reidenbach „Jungsenior“ (M40). Zur Strecke befragt, äußerte der überlegene Sieger Pfeiffer: „Das ist eine der härtesten, die ich bislang gelaufen bin. Es geht ständig hoch und runter, sehr unrhythmisch und auf die Dauer echt zermürbend.“ Doch zermürbt hat nicht sie ihn, eher er seine Mitläufer.

Ebenso souverän wie Pfeiffer dominierte die Ultramarathonläuferin Benning die Konkurrenz. 43:08 min standen für sie zu Buche, fast vier Minuten betrug letztlich ihr Vorsprung auf Ulrike Schade (47:02 min); Birgit Burrer folgte nach 49:32 min den beiden aufs Podest und verwies Sabine Arnold auf Rang vier. Die drittplatzierte Burrer freute sich ungemein über ihre Platzierung, mit der Zeit war sie jedoch weniger zufrieden, denn die war schlechter als im letzten Jahr, doch da hatte sie mit der Siegerin etwas gemeinsam. Die Rutesheimerin Burrer hatte jedoch auch sage und schreibe 423 Wanderkilometer in den Beinen, die sie neben drei Laufwettkämpfen während ihres dreiwöchigen Wanderurlaubs in der Eifel zurückgelegt hatte. Angesichts dessen ist eine etwas schwächere Leistung als im Vorjahr zu verschmerzen.

Apropos Schmerzen – die hatte auch Ulrike Schade, und zwar an Knie und Hüfte, was sie jedoch weder daran hinderte, als gut gelaunte Zweite einzulaufen noch ihr tägliches Training im Umfang von sieben bis acht Kilometern wesentlich beeinträchtigte. Auch sie war hinterher äußerst fröhlich, ganz im Gegensatz zur spontan getätigten Aussage ihrerseits vor dem Lauf: „I hann so ghofft, Du laufsch net!“ meinte sie zur späteren Siegerin Nicole Benning, als sie diese in der Halle bei der Startnummernabholung erblickte. Sicherlich nicht ganz ernst gemeint, aber im Wissen um die plötzlich rapide gesunkenen eigenen Siegchancen durchaus ehrlich. Benning, die den Oberriexinger Lauf als „einer meiner Lieblingsläufe“ bezeichnet, liegt das wellige Auf und Ab der Strecke, „wenn auch der Anstieg auf das Weitfeld von der Enz hoch echt arg steil ist, für mich eigentlich zu steil.“ Lediglich bergab gelang es ihr nicht, im Gegensatz zum Vorjahr, noch Boden auf die männliche Konkurrenz gut zu machen, dennoch blieb für sie ein respektabler 12. Gesamtplatz unter 138 Zieleinläufen.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen – zum wiederholten Mal – die Leistungen in den Altersklassen, allen voran sei hier erneut die Hemmingerin Erna Heubach genannt, die trotz muskulärer Probleme unter der Woche gewohnt routiniert und von ihrem Sohn Jürgen begleitet, die Strecke in 1:04 h abspulte und noch einige Teilnehmer hinter sich ließ. Auch die Männer ließen aufhorchen, so triumphierte der Illinger Werner Schmidt in 42:37 min in der M60 vor Peter Klein (TSV Nussdorf; 45:24 min) und Georg Schickart (Roßwag; 45:38 min), in der M70 war Werner Mann (TSV Enzweihingen) in 54:35 min nicht zu schlagen. Der jüngste Teilnehmer des Hauptlaufes, Julian Großkopf (Jahrgang 2000) vom Lichtenstern-Gymnasium Sachsenheim kam nach glatten 54 Minuten wieder am Ausgangspunkt bei der Oberriexinger Sporthalle an. Dort trafen sich Teilnehmer und Angehörige vor und nach den jeweiligen Läufen, denn die Oberriexinger hatten mit der Verlegung der „Festmeile“ voll ins Schwarze getroffen und die Engpässe rund um die Sporthalle gehörten damit der Vergangenheit an. Außerdem wissen die Gäste der Oberriexinger das reichhaltige Speisenangebot von Würsten über Crêpes bis zu Pommes und Kuchen zu schätzen, bei den Getränken wurde angesichts der doch schweißtreibenden Temperaturen eindeutig das kühle Blonde dem heißen Kaffee vorgezogen.

Ob sich der Sieger des sogenannten Einsteigerlaufes, Sven Kratochwil (Team Roy Sports) eines heißen oder gekühlten Getränkes erfreut hat, um die Wiederholung seines Vorjahressieges zu feiern, ist nicht überliefert. Seine Zeit indes sehr wohl (auch das keine Selbstverständlichkeit, dazu aber später noch mehr) – 17:53 min und damit neuer Streckenrekord, so die nackten Zahlen. Sein Vereinskamerad Thorsten Siegl folgte ihm eine gute halbe Minute später in 18:24 min ehe Joachim Bentz nach 19:00 min das Podium bei den Männern komplett machte. Bei den Frauen gab Pernis Kimani aus Oberriexingen den Ton an und distanzierte ihre Kontrahentinnen klar und deutlich, bereits nach 21:27 min löste sie die Zeitmessung aus. Dahinter folgten Olesia Bondarchuk nach 25:19 min auf Platz zwei und Claudia Queißer (25:57 min) auf dem dritten Rang. Sehr viele jugendliche Teilnehmer verzeichnet die Ergebnisliste unter den 108 Namen, der jüngste war Ruben Neubauer (Jahrgang 2004), der mit 31:32 min einen guten Mittelfeldplatz erzielte.

Überhaupt ist die hohe Zahl von Schülerinnen und Schülern, die sich teils bei dem nur für diese Zielgruppe offenen, 1.700 m langen Lauf oder aber beim Einsteiger- oder Hauptlauf sportlich betätigen, ein Markenzeichen in Oberriexingen. „Ori“, so das gängige Kürzel in der Region für das Städtchen, profitiert dabei nicht zuletzt vom Engagement der „Alison und Peter Klein-Stiftung“, die sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben hat, den (Lauf)Sport zu fördern und Schülerinnen und Schülern zu animieren, einmal an einem Lauf in ihrer Region teilzunehmen. Das tun die meisten von ihnen mit sehr viel Spaß und Freude und es bleibt zu wünschen, dass sich dieser Trend, der Volkslaufszene etwas „Blutauffrischung“ zuteil werden zu lassen, auch dauerhaft manifestiert. Denn nach wie vor weisen die Ergebnislisten der Hauptläufe mehrheitlich Altersklassen jenseits der 40 und 50 auf, während der Nachwuchs Sport nicht unbedingt als freudvoll betrachtet und bewegungsärmere Freizeitbeschäftigungen präferiert. Das mag zwar eine arg vergröbernde Verallgemeinerung sein, entspricht aber dem, was ständig vor Schulen und Kindergärten zu beobachten ist – der alltägliche Mama-Papa-Taxi-Wahnsinn mit Dauerstau vor der Zufahrt zur Schule. Und der Familienkutsche entsteigt dann nicht eben selten ein wohlgenährtes Kind, das sich, unter der Last des Schulranzens schier zusammenbrechend, die Stufen zum Klassenzimmer hochschleppt. Auch in diesem Sinne kommt die Initiative des begeisterten Läufers und Kunstsammlers Peter Klein und seiner Ehefrau Alison hoffentlich noch gerade rechtzeitig.

In „Ori“ zu laufen, das hat den weit über 250 Kindern sichtlich Spaß bereitet, auch wenn ausgerechnet sie „Opfer“ einer ärgerlichen Panne wurden: Da die Zeitnahme beim Schülerlauf nicht korrekt funktionierte, gelang es zwar, die absolut schnellsten Schüler zu ehren, nicht jedoch diejenigen, die ihre Altersklassen gewonnen hatten. „Wir werden allen Schülern eine Medaille zukommen lassen, quasi als Entschädigung“, so Organisator Werner Scholpp noch während der Veranstaltung. Die ersten drei bei den Schülerinnen waren Henriette Schell vom TV Enzberg in 6:40 min vor Linda Eismann (TSV Oberriexingen) in 7:08 min und Hanna Bartmann (Skizunft Kornwestheim) in 7:11 min. Bei den Schülern hatte Felix Humbeck (Freie Waldorfschule Vaihingen) nach 6:04 min die Nase vorn, gefolgt von Max Pfleiderer (TV Enzberg) in 6:10 min und Marcelo Karius (Freie Waldorfschule Vaihingen) in 6:16 min. So ein Missgeschick ist natürlich äußerst ärgerlich und sollte nicht passieren, aber wem auch immer dieser Fehler anzulasten ist und bei aller berechtigten Kritik bleibt folgendes festzuhalten: Erstens ist irren menschlich und zweitens war der Oberriexinger Volkslauf insgesamt wieder eine „runde Sache“, gerade in Zeiten der Frauen-Fußball-WM. Hoffen wir, dass sich die jungen Sportler nicht durch dieses Malheur bei der Zeitmessung von weiteren sportlichen Taten abhalten lassen.

Direkter Link zur Veranstaltung und zu den Ergebnissen: www.tsv-oberriexingen.de

 


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